Full text: Hessenland (3.1889)

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Blattes auf das geplante Werk zu lenken, wallen 
wir hier kurz die Geschichte der ehrwürdigen 
Grabesstätte folgen lassen. 
Es ist bekannt und in jedem Geschichtsbuche 
zu lesen, daß St. Bonifatius Fulda, seine 
Lieblingsschöpfung, wo im Jahre 744 sein 
Jünger Sturmi das Zeichen der Erlösung in 
die buchengrüne Waldeinsamkeit gepflanzt, aus 
drücklich sich zur letzten Ruhestätte erkoren hatte, 
und daß nach seinem am 5. Juni 755 bei 
D o k k u m erfolgten Martyrtode wirklich sein 
Leichnam dorthin überführt worden ist, obgleich 
auch Utrecht und Mainz denselben bean 
sprucht hatten. In dem kleinen Gotteshause, dessen 
Bau Bonifatius selbst geleitet, wurde er vor dem 
von ihm zu Ehren des göttlichen Erlösers ge 
weihten Altare beigesetzt, an der Stelle, wo sich 
das Hauptportal der jetzigen Domkirche befindet. 
Hier, inmitten jener vier Völker, welchen er 
zuerst die Heilsbotschaft gebracht, zwischen Hessen, 
Thüringern. Franken und den Bewohnern der 
Wetterau, ruht er nun, und sein Grab, welches 
die Wallfahrer in Schaaren aus den weitent 
legensten Gauen herbeizog, wurde für das Kloster 
eine Quelle des reichsten Segens. Die Mönche hüte 
ten es auch als ihren größten Schatz und trugen 
die eifrigste Sorge für seine würdige Aus 
schmückung. 
Schon Sturmi, der erste Abt, erweiterte die 
Kirche und ließ durch die Gold- und Silber 
schmiede seiner Klostergemeinde einen auf Säulen 
ruhenden, kunstvoll gearbeiteten Baldachin, 
„Requiem" genannt, darüber aufbauen. Er selbst 
aber wurde nach seinem Hinscheiden (779) süd 
wärts zur Seite seines väterlichen Freundes und 
Meisters gebettet, mährend Winfried's Nichte 
L e o b g y t h oder L i o b a, eine angelsächsische 
Klosterfrau, die durch Errichtung und Leitung 
der ersten deutschen Frauenschulen überaus 
segensreich an der Verbreitung christlicher Kultur 
mitgearbeitet hatte, nordwärts von ihm, ihre 
letzte Ruhestätte im Jahre 780 erhielt. 
Die folgenden Aebte B a u g u l f und R a t g a r 
erweiterten und verschönerten die Kirche mehr 
und mehr, so daß ein völliger Umbau entstand, 
den erst E i g i l, der vierte Abt, vollendete. 
Am 1. November 819, dem Feste Allerheiligen, 
fand die feierliche Einweihung dieses Gottes 
hauses : einer großen kreuzförmigen Basilika mit 
drei Chören und zwei Krypten — der ersten 
dvppelchörigen Münsterkirche in Deutschland — 
„in honorem St. Salvatoris et St. Dei genitricis 
Mariae et Petri apostoli et ceterorum apostolo- 
rum“ durch den Erzbischof Haistulf von 
Mainz unter großer Betheiligung statt. Hier 
bei wurden die Gebeine des hl. Bonifatius aus 
ihrem bisherigen Grabe erhoben und in feier 
lichem Zuge vom Ostchvr in den Westchvr über 
tragen, um dort in einem steinernen Grabmale 
beigesetzt zu werden — ein Ereigniß, von dem 
uns der Mönch Candidus, welcher die Kirche 
mit herrlichen Wandmalereien geschmückt, eine 
genaue metrische Beschreibung hinterlassen hat. 
Auch Eigil's hochberühmter Nachfolger in der 
Abtswürde, Hrabanus Maurus, ließ sich die 
Ausstattung der hehren Grabcsstätte sehr an 
gelegen sein, ebenso spätere Aebte, wie namentlich 
Hugo (891— 915), der den Grabesaltar auf's 
Kostbarste mit Gold und Edelsteinen verzierte. In 
dieser Münsterkirche fand auch König Konrad I. 
der Franke, sein Grab, doch wurde sie im 
Jahr 937 von einem sehr traurigen Ereigniß 
heimgesucht. Kaiser Otto I. verweilte gerade 
im Kloster Hers seid, eine Tagereise nur 
von Fulda entfernt, als die Kunde kam, 
daß die Kirche und das Kloster des hl. Bonifatius 
fast gänzlich abgebrannt seien. Nach der Mün- 
zer'scheu Chronik soll ein Blitzstrahl den Brand 
entzündet haben. Der Kardinal Abt Hada 
mar ließ es sein eifrigstes Bestreben sein, die 
Kirche bald wieder herzustellen, so daß schon im 
Jahre 948, ebenfalls am Allerheiligenfeste, die 
Einweihung durch den päpstlichen Legaten 
Marinus in Gegenwart Otto's des Großen 
erfolgen konnte. 
Diese mit zwanzig Säulen gezierte Basilika 
soll der vorigen an Form und Größe gleich, 
nur die Ausschmückung noch weit prächtiger ge 
wesen sein. Auch sie hatte ein Kreuzschiff, so 
wie einen Ost- und Westchor über zwei Krypten. 
Werniher, der fünfzehnte Abt, verschönerte 
sie, indem er gegenüber dem Ostchor eine pracht 
volle Taufkapelle erbaute, die durch eine doppelte 
Säulenhalle, das „Paradies" genannt, mit der 
Hauptkirche verbunden wurde. 
Dieser Prachtbau, der im Laufe der Zeit noch 
durch drei steinerne Thürme und verschiedene 
umkränzende Kapellen vervollständigt wurde, 
hatte sich in seiner Grundgestalt nahezu durch 
acht Jahrhunderte erhalten, wenn auch manches 
schwere Verhängniß über ihn kommen sollte. 
So stürzte im Jahre 1122 der südliche Thurm 
ein und verschüttete die beiden daran hängenden 
Säulengänge, wie auch den im Ostchor befind 
lichen Altar der hl. Jungfrau, und sieben Altäre 
im südöstlichen Theil der Kirche. 
Die langsame Wiederherstellung war erst 1157 
vollendet, wonach eine neue Weihe durch die 
Bischöfe Eberhard von Bamberg und Her 
mann von Verden erfolgte, welcher Kaiser 
F r i e d r i ch I. B a r b a r o s s a nebst vielen Großen 
des Reiches beiwohnte. 
Verheerende Brände trafen die Kirche in den 
Jahren 1286 und 1397. Der erstere soll durch
	        

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