Full text: Hessenland (3.1889)

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Schloß von niederhessischen Truppen besetzt worden 
waren, vertheidigte der niederhessische Oberst 
Staus um Weihnachten 1647 das hiesige Schloß 
mit solcher Tapferkeit gegen den kaiserlichen Ge- 
neral-Feldmarschall Melander von Holzapfel, 
daß dieser die Belagerung, welche er zu Gunsten 
der Darmstädter unternommen hatte, aufhob. 
Jetzt endlich verzweifelte der Landgraf von Hessen- 
Darmstadt daran, Marburg je wieder 311 bekom 
men und bot die Hand zum Frieden, welcher im 
Frühjahr 1648 zu Stande kam. — 
Endlich, hochgeehrte Herren, gestatten Cie mir 
in wenigen Worten auf die Bedeutung hinzuweisen, 
welche Marburg in den letzten 20 Jahren, fast 
gleichzeitig mit derWiedcraufrichtung des deutschen 
Kaiserthums, erlangt hat. Diese Bedeutung ist 
eine doppelte. Die eine bezieht sich nur auf 
unsere Heimath, aber für deren Bewohner, insbe 
sondere für Sie, meine Herrn, für Glieder des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 
ist sie von der größten Wichtigkeit. Ich meine 
die im Frühjahr 1870 hier erfolgte Gründung 
eines hessischen Landesarchivs. Das einzige, so 
viel ich weiß, noch unversehrt gebliebene Schloß 
unserer alten Landgrafen hat man zur Ausnahme 
gewählt, die früheren, unwürdigen Insassen, die 
Sträflinge, hat man daraus entfernt, man hat 
es in seinen Umgebungen, wie in seinem Innern 
würdig ausgestattet und hat es zur geistigen 
Schatzkammer unseres Heimathlandes gemacht. 
Hier sind alle auf seine Schicksale und Verhält 
nisse bezüglichen Urkunden und Zeugnisse vereinigt, 
hier findet sich eine reichhaltige Sammlung hei 
mathlicher Alterthümer und Merkwürdigkeiten 
seit den Anfängen deutscher Kunst bis zur Gegen 
wart versammelt, kurz, hier tritt uns gewisser 
maßen die hessische Geschichte verkörpert entgegen. 
Wir dürfen darum hoffen, daß mit der Gründung 
des Archivs und seiner Sammlungen eine neue 
: Epoche für die heimathliche Geschichte und Landes 
kunde anbrechen werde. Daneben ist zu gleicher 
i Zeit auch nach einer anderen Seite hin die Gel 
tung Marburgs gestiegen durch das Aufblühen 
der hiesigen Universität. Diese ist seit den letzten 
20 Jahren in umfassenderem Sinn eine deutsche 
Universität geworden. Jahrhunderte lang war 
sie die Lehrmeisterin vorzugsweise für die Jugend 
des Hesseulaudes, jetzt versammelt sie in ihren 
Hörsälen Schüler aus allen Theilen des deutschen 
Reichs. Sie hat jetzt ein ihrer würdiges Haus 
bekommen, an dessen Ausbau noch fortwährend 
gearbeitet wird, sie ist durch eine Anzahl von 
wissenschaftlichen Instituten bereichert worden, die 
Zahl der Lehrer ist bedeutend gewachsen, die Zahl 
der Lernenden ist ans das Dreifache gestiegen. 
Marburg ist, so zu sagen, aus einem Uuiversitüts- 
Dorf, wie es der große Historiker Leopold 
Ranke zu nennen liebte, zu einer Universiiüts- 
Stadt geworden, aber die ursprüngliche Bestim 
mung, eine Hochschule für Hessen zu sein, ist da 
durch nicht beeinträchtigt, sondern gefördert worden. 
Möge nun unsere Universität die neu gewonnene 
Stellung auch für kommende Zeiten behaupten 
und stets bemüht sein, der studierenden Jugend 
neben den Schätzen der Wissenschaft einfache reine 
Sitten, vaterländische Gesinnung und christliche 
Fröinmigkeit einzuprägen! 
Zum Schluß erlaube ich mir noch den Herren, 
die von auswärts gekommen sind, eine» Wunsch 
auszusprechen. Möchte es Ihnen, innerhalb und 
außerhalb unserer Mauern wohl gefallen, möchten 
Sie mit dem Gefühl der Befriedigung in Ihre 
Heimath zurückkehren, namentlich mit dem Be 
wußtsein, durch gemeinsame Liebe zu unserer 
hessischen Heimath und durch brüderliche Lands 
mannschaft stets mit uns verbunden zu sein! 
Le Wonifatmsgrust im 
ome 
zu Kulöa. 
Wie wir bereits in Nr. 14 dieser Zeitschrift 
mitgetheilt haben, ist nunmehr die künstlerische 
Ausschmückung der Bonifatiusgruft im 
Dome zu Fulda bestimmt in's Auge gefaßt 
worden. Zur thatkräftigen Förderung dieses 
Planes ist jetzt auch daselbst ein Comite, bestehend 
aus dem hochw. Bischöfe, einigen Domherren, 
dem Oberbürgermeister und einem Stadtraths- 
mitgliede, zusammengetreten, das in einem 
warmen Aufrufe das Interesse für das Unter 
nehmen zu wecken bemüht ist und alle Verehrer 
des Apostels der Deutschen auffordert, die Hände 
doch freigebig zu dem schönen und pietätsvollen 
Zwecke zu öffnen. Wenn nun dieser Ruf über 
all im deutschen Volke, wo das Andenken an 
einen der größten Wohlthäter unseres Vater 
landes nicht erloschen ist, begeisterten Widerhall 
finden dürfte, so mögen auch die Bewohner des 
Hessenlandes nicht vergessen, was die Pflicht 
der Ehre und Dankbarkeit insbesondere von 
ihnen fordert. 
Um die Aufmerksamkeit der Leser dieses
        

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