Full text: Hessenland (3.1889)

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ziskanerkloster zu Marburg und der Pfarrer von 
Waldau bei Kassel, Namens Johannes 
Sperber. Die Verhandlung mit diesen Gegnern 
fand am folgenden Tag statt, aber die Einwen 
dungen derselben fielen so kläglich aus, daß sie 
nur Mitleiden erweckten, und wurden schlagend 
widerlegt. Ferbcr entfernte sich mit Erlaubniß 
des Landgrafen und Sperber gab seinen Wider 
spruch auf. So wurde denn am 3. Tag die 
vorgeschlagene Reformations-Ordnung durch den 
übereinstimmenden Willen von Fürst und Volk 
förmlich angenommen und für das ganze Land 
eingeführt. Dieser Ausgang , meine Herren, ist 
gewiß ein rühmliches Zeugniß für den gesunden 
Sinn unserer Vorfahren, welche wohl fühlten, 
was ihnen fehlte, und nicht säumten, dem Mangel 
abzuhelfen. 
Wenn es aber in der hessischen Finsterniß Licht 
werden, wenn christliche Frömmigkeit und wissen 
schaftliche Bildung verbreitet werden sollte, so 
war vor allen Dingen die Errichtung geeigneter 
Lehranstalten erforderlich. Man beschloß daher, 
daß die Güter der aufzuhebenden Klöster nicht 
nur zur Pflege von Mönchen und Nonnen, welche 
ihrem bisherigen Stand nicht entsagen wollten, 
und von Kranken und Siechen, sowie zum Unter 
halt von unverheiratheten Töchtern der hessischen 
Ritterschaft, sondern vornehmlich zur Gründung 
guter Schulen zu verwenden seien. Als dann 
der Landgraf den Wunsch aussprach, daß zum 
Sitz der hohen Schule für Hessen Marburg be 
stimmt werde, fanden die Anwesenden diesen 
Vorschlag so selbstverständlich, daß allgemeine 
Zustimmung erfolgte. Denn diese Stadt lag in 
der Mitte des von der Werra bis in die Nähe 
des Neckars ausgedehnten Landes, sie enthielt das 
Grab der heiligen Elisabeth, in dessen Nähe die 
hessischen Fürsten zur Sicherung ihres Seelenheils 
die letzte Ruhestätte gesucht hatten, ja sie pflegte 
sogar deswegen die heilige Stadt Hessens genannt 
zu werden. Außerdem boten die drei hier be 
findlichen Klöster der Franziskaner, der Domini 
kaner und der Brüder des gemeinsamen Lebens 
entsprechende Räume für die Zwecke der neuen 
Universität. Genug, Marburg wurde zum Sitz 
der hohen Schule erkoren; von hier aus sollte 
das Licht des Evangeliums und geistiges Leben 
in alle hessischen Gaue verbreitet werden. Schon 
am 1. April 1527 hatten sich 10 Professoren, 
darunter Adam Kraft und Franz Lambert, 
welche sämmtlich von dem Landgrafen zu dieser 
ersten evangelischen Universität Deutschlands be 
rufen waren, hier eingefunden. Am 30. Mai 
wurden von dem ersten Rektor derselben Jakob 
Eisermann aus Amöneburg (lateinisch 
bVrrarino Montanus genannt) 104 Studenten 
immatrikulirt, und bis gegen Ende Juni waren 
alle Vorbereitungen zur Eröffnung vollendet. 
So wurde denn am 1. Juli des Jahres 1527 
in Gegenwart der Professoren und Studenten 
die neue Universität durch eine Rede des Kanzlers 
Johannes Feige, welcher den Landgrafen 
vertrat, sowie des Rektors Eis ermann feierlich 
eingeweiht. Und mit vollstem Recht konnte sie 
eine evangelische genannt werden. Denn nicht 
blos für die Professoren der Theologie, sondern 
auch für die der übrigen Fakultäten galt das 
Evangelium als einzige Richtschnur ihres Lebens 
und Lehrens. Auch erfreute sie sich der fortwäh 
renden Unterstützung und Fürsorge des Land 
grafen Philipp. So errichtete er im Jahr 1529 
als Vorschule zu den akademischen Studien dahier 
ein Pädagogium, so veranlaßte er in demselben 
Jahr die Gründung eines theologischen Seminars, 
in welchem begabte, junge Leute auf öffentliche 
Kosten zu tüchtigen Pfarrern und Lehrern heran 
gebildet werden sollten. Ja in demselben Jahr 
erwählte er auch Marburg und seine Universität 
zu der Stätte, in welcher die Häupter der beiden 
evangelischen Richtungen, Luther und Zwingli, 
durch gegenseitigen Austausch ihrer Ansichten vom 
1. bis 3. Oktober den Grund zu einer Union 
legen sollten, freilich ein Unternehmen, das in 
jener Zeit sein Ziel verfehlte. Die Verhandlungen 
fanden bekanntlich in denselben Räumen statt, in 
welchen wir uns jetzt befinden. So begann denn 
mit der Gründung der hiesigen Hochschule auf 
ein Jahrhundert hinaus in Hessen ein segens 
reicher geistiger Aufschwung, der erst durch die 
Greuel des 30jährigen Krieges — Hessen hatte 
ja besonders unter denselben zu leiden — gehemmt 
und fast erstickt wurde. 
IV. 
Auch eine traurige Bedeutung hat Marburg 
in der Geschichte von Hessen erlangt, allerdings 
ohne die Schuld, ja gegen den entschieden aus- 
gesprochnen Willen seiner Bewohner. Denn über 
unsere Stadt brach im 17. Jahrhundert ein Streit 
aus, welcher mehr als 40 Jahre lang nicht nur 
die beiden nahe verwandten hessischen Fürstenhäuser, 
sondern auch deren Unterthanen verfeindete, zuletzt 
sogar zu einen: mit Feuer und Schwert aus- 
gefochtenen Bruderkrieg führte. Aber die Schil 
derung solcher unseligen Begebenheiten eignet sich 
nicht für unsere Feststimmung. Ich will deshalb 
nur auf zweierlei aufmerksam machen, einmal da 
rauf, daß die Veranlassung zu dem Streit im 
Jahr 1605 durch Landgraf Moritz von Hessen- 
Kassel hier gegeben wurde, indem er den Gewissen 
der Marburger Gewalt anthat und 55 Pfarrer 
in Oberhessen widerrechtlich absetzte — sodann 
darauf, daß der hessische Bruderkrieg hier auch 
sein Ende sand. Nachdem nämlich Stadt und
	        

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