Full text: Hessenland (3.1889)

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Ueber 
die Bedeutung von Marburg in der Geschichte von Kessen. 
Vortrag, gehalten in der Jahresversammlung des Vereins für hessische Geschichte und Landesknndc 
zu Marburg am 18. Juli 1889, 
von Dr. Friedrich Münscher- 
(Schluß,) 
III. 
Eine noch höhere Bedeutung, meine Herren, er 
langte Marburg für Hessen durch die Einführung 
der Reformation. Am Ende des 15. und im 
Anfang des 16. Jahrhunderts lastete nämlich 
auf Hessen in Bezug auf Religion und Wissen 
schaft dicke Finsterniß. Die Mönche hatten ihre 
ursprüngliche Aufgabe, für die Bildung des Volkes 
zu sorgen, vergessen und waren in Trägheit und 
Zuchtlosigkeit versunken. Die Weltgeistlichen 
waren nicht viel besser. Nur wenige unter ihnen 
besaßen wissenschaftliche Bildung und den Ruf 
eines ehrbaren Wandels. Der jugendliche Land 
graf Philipp, nachmals der Großmüthige genannt, 
der im Jahr 1518 die Regierung des Landes 
angetreten hatte, verschloß seine Augen nicht vor 
diesem kläglichen Zustand, aber er stand der ge 
waltigen Bewegung, welche durch Luther und 
seine Freunde zur Erneuerung der christlichen 
Kirche hervorgerufen worden war, zunächst zu 
wartend gegenüber. Erst im Sommer des Jahres 
1525, als er im Krieg gegen den Aufruhr der 
Bauern siegreich in die Stadt Hersfeld eingezogen 
war, wurde er durch die Predigten des dortigen 
Pfarrers Adam Kraft, sowie etwas später 
durch den Verkehr mit den sächsischen Fürsten 
zu einem entschiedenen Anhänger der neuen Lehre. 
Aber zu einer Umwandlung der kirchlichen Ver 
hältnisse seines Landes schritt er nicht eher, als 
bis im Sommer 1526 auf dem Reichstag zu 
Spei er es jedem Reichsstand freigestellt wurde, 
es mit der Religion in seinem Lande so zu halten, 
wie er es vor Gott und dem Kaiser zu verant 
worten gedenke. Nun war er der erste deutsche 
Fürst, der von dieser Befugniß Gebrauch machte, 
und — er that es mit ebensoviel Eifer als Weis 
heit. Nicht einen Schritt der Willkür wollte er 
vornehmen, sondern mit dem Beirath und unter 
Zustimmung aller urtheilsfähigen Männer des 
Landes wollte er eine Verbesserung der kirchlichen 
Zustünde herbeiführen. Zu dem Ende berief er 
auf Sonntag den 26. Oktober 1526 die Land 
stände und sämmtliche Geistliche, sowohl Mönche 
als Pfarrherrn, aus seinem ganzen Laude zu einer 
Synode nach Homberg. Morgens 7 Uhr be 
gannen an dem genannten Tag in der dortigen 
Pfarrkirche die Verhandlungen in Gegenwart des 
Landgrafen und seiner Räthe sowie der geistlichen 
und weltlichen Vertreter des Landes. Zuerst trat 
im Auftrag des Fürsten der Kanzler Johannes 
Feige aus Lichtenau auf und eröffnete die Ver 
sammlung. Er schilderte zunächst die kirchliche 
Noth, wies dann auf die zu Speier jedem Landes 
fürsten ertheilte Befugniß hin und erklärte schließ 
lich, daß sein Herr von dieser Befugniß keinen 
gewaltthätigen Gebrauch machen, Niemanden in 
seinem bisherigen Glauben stören, sondern nur 
mit dem Beirath und mit der Zustimmung der 
Versammlung eine Kirchenverbesserung anbahnen 
wolle. Zu dem Ende habe er zwei gelehrte und 
fromme Männer beauftragt, der Versammlung 
geeignete Vorschläge zu unterbreiten. Demgemäß 
erhob sich nun der heißblütige Franzose Franz 
Lambert aus Avignon, der von der evangelischen 
Wahrheit ergriffen, sein Kloster verlassen hatte, 
trug 158 lateinische Sätze, welche die Hauptpunkte 
der beabsichtigten Verbesserung enthielten, vor 
und vertheidigte sie mit feuriger Beredtsamkeit. 
Zum Schluß forderte er jeden, der nicht mit den 
Sätzen übereinstimme, auf, ihn mit Gründen aus 
der heiligen Schrift zu widerlegen. Nachmittags 
behandelte dann Magister Adam Kraft, der 
Sohn eines Bürgermeisters von Fulda, in deutscher 
Sprache die 158 Sätze und machte durch seine 
ruhige, zuni Herzen gehende Rede noch tieferen 
Eindruck. Auch er schloß mit derselben Auf 
forderung an die Versammelten wie Lambert. 
Aber aus der zahlreichen Versammlung meldeten 
sich nur zwei Männer zur Gegenrede. Der 
Guardian Nikolaus Ferb er aus dem Frau-
	        

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