Full text: Hessenland (3.1889)

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der Freudenbotschaft zu den harrenden Deinigen und 
las ihnen das Schreiben vor, dessen Inhalt in der 
kurzen Mittheilung von dem Gewinn des großen Looses 
und einem Glückwunsch bestand. Dabei rühmte er 
die zuvorkommende Freundlichk it der Lotterie-Direktion, 
die ihn sofort benachrichtigt habe, wahrend die Ziehungs 
listen erst für den nächsten Mittag erwartet werden 
konnten. Während er sich noch mit den Seinigen 
über das ihm zugefallene außerordentliche Glück unter 
hielt, kamen auch wie auf Zauberschlag seine Kameraden, 
um ihm in stürmischem Jubel ihre Theilnahme zu 
bezeigen. Sofort wurde eine lange Tafel aufgestellt 
und alles, was an Speisen und Weinen im Haus 
und in der Nachbarschaft aufzutreiben war, aufgetischt. 
Es begann ein fröhliches Zechgelage, bei welchem ein 
Trinkspruch dem anderen folgte, und ein Gast den 
anderen mit Vorschlägen über die Verwendung des 
erlangten Reichthums überbot. So zechte und jubelte 
man bis zum Hellen Tag hinein. Als sich endlich 
die Gäste entfernt hatten, überließ sich unser Stabs- 
kapitain, bei welchem sich in Folge der gewaltigen 
Aufregung des lärmenden Jubels und des reichlichen 
Weingenusses schließlich doch Abspannung eingestellt 
hatte, einem ungestörten Schlaf, der bis zum Nach 
mittag andauerte. Sobald er sich aber von dem Lager 
erhoben hatte, war sein erster Gang zu dem Lotterie- 
Kollekteur, um von diesem das Genauere zu erfahren. 
Schon beim Eintreten in dessen Zimmer fiel ihm die 
gleichgültige Miene des Mannes auf. Als ihm dieser 
aber auf seine Frage antwortete, sein Loos, sei mit 
einer Niete herausgekommen, stand er wie vom Donner 
gerührt da. Er wollte seinen Ohren nicht trauen. 
Als er sich aber mit eignen Augen überzeugt hatte, 
daß in den Listen nichts anderes stehe, als was er 
eben gehört hatte, eilte er, unfähig sich den Wider 
spruch des Schreibens mit den Listen zu erklären, 
spornstreichs nach Haus und nahm das Schreiben 
wieder zur Hand. Da sah er nun, daß das Schreiben, 
— etwas, was er im ersten Freudentaumel ganz 
übersehen hatte, — keine Namensunterschrift trug, ja 
er erkannte sogar an den Schriftzügen die Hand eines 
seiner Kameraden. Nun ging ihm ein Licht auf. Die 
ganze Sache war also ein etwas derber Scherz seiner 
Kameraden, den sich diese, wie sie es oft machten, 
um die lange Weile des Garnisonlebens zu ver 
scheuchen, erlaubt hatten. Was war da zu machen? 
Es blieb ihm nichts anderes übrig als zu dem für 
ihn etwas theuern Spiel gute Miene zu machen und 
die Lotterie zu verwünschen. Is. W. 
MufnfiUtf 
Hessische Pfarranekdoten. Von dem Pfarrer 
Streibelein wird auch nachfolgende Anekdote be 
richtet, welche beweist, daß der Mann immerhin Selbst 
erkenntniß besaß, die auf drastische Weise zu Tage 
trat. Eines Tages ging Streibelein mit einem anderen 
Pfarrer spazieren, als sie auf einen Wegweiser stießen. 
Streibelein blieb stehen, zog seine Mütze und grüßte: 
„Guten Tag, Herr Kollege!" und entgegnete auf die 
verwunderte Frage des anderen Pfarrers, was das 
bedeuten solle? „Nun er macht's wie wir, zeigt den 
Weg, aber geht ihn nichts Noch andere Geschichten 
werden von ihm erzählt, die sich aber wegen der darin 
enthaltenen Unsauberkeiten nicht gut schriftlich wieder 
geben lassen, aber einen schlagenden Witz bekunden. 
Ein anderer höchst merkwürdiger Mann war der 
kürzlich verstorbene Pfarrer K. von H. der sich durch 
gewaltige Leibeskraft auszeichnete. Schon als Sekun 
daner soll er einen starken Primaner aus der Prima 
gegen seinen Willen geholt und auf das Katheder 
der Sekunda gesetzt haben. Als Pastor ließ er einen 
jeden Neuangekommenen Bauer auf seine Stube kommen, 
und rang sich solange mit ihm, bis er ihn auf dem 
Boden hatte, entließ ihn aber dann mit den Worten: 
„Du bist ein braver Kerl, aber stärker als du bin 
ich doch." Eines Tages kam K. in der Revolutions 
zeit in ein Wirthshaus, in dem eine Anzahl Bauern 
weidlich über den Kurfürsten schimpften und haselirten. 
Eine Zeitlang ließ K. sie gewähren, trat aber dann 
plötzlich vor sie und erklärte ihnen: „Hört mal, Kerls, 
hier ist ein Wirtshaus, solang ihr nun allein seid, 
könnt ihr schimpfen, soviel ihr wollt, solange ich aber 
hier bin. hallet Ihr das Maul, oder es setzt etwas. “ 
Eine Zeitlang schwiegen nun die Bauern verblüfft, 
ließen aber dann ihren Mund um so eifriger spielen, 
Da tritt K. wieder zu ihnen und mit den Worten: 
„Na, wenn Ihr nicht hören wollt, sollt Ihr fühlen/ 
holt er sich über die Tafel hin den stärksten Bauern 
heraus, hebt ihn in die Höhe und setzt ihn ruhig vor 
die Thür. Dann aber wendet er sich zu den übrigen 
Bauern mit den Worten: „So geht's jedem, der nun 
den Mund nicht hält." Es soll denn auch in der 
Wirthsstube sehr still geworden sein. H. Ij. 
Aus Heimach und Fremde. 
Am 20. August, dem Geburtstage des am 
6. Januar 1875 verstorbenen Kurfürsten Friedrich 
Wilhelm von Hessen, war ebenso wie in den Vor 
jahren, das Grabmal desselben auf dem alten Fried 
hofe mit Lorbeerkränzen, Blumen und roth-weißen 
Bändern, welche die fürstlich hanauische Familie, 
hohe Verwandte und dem früheren kurfürstlichen 
Hofe nahestehende Persönlichkeiten hatten niederlegen 
lassen, reich geschmückt. Auch war die Grabstätte 
vom Morgen bis zum Abend zahlreich besucht. 
Die Prinzessin Karoline Louise von 
Ar deck, Enkelin des Kurfürsten Friedrich Wilhelm 
von Hessen, hat sich mit dem Grafen von 
Lippe-Biesterfeld, erbherrlicher Linie, verlobt. 
Die Prinzessin ist am 12. Dezember 1868 geboren.
	        

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