Full text: Hessenland (3.1889)

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dies den im Saal des „Hochzeilshauses« Anwesenden 
zu verkünden. Bei ihrer Schönheit und reichen Mit 
gift fehlte es Maria dort nicht an jungen Männern, 
welche sich um ihre Gunst bewarben. Besonders war 
dies bei dem Junker Hermann von Wartenschlehe der 
Fall. Dieser, ein Kämmerling des Landgrafen, war 
von der Schönheit und Anmuth der reichen Erbin so 
eingenommen, daß er seinem Oheim, welcher Hofmarschall 
im Dienst des Landgrafen war, seinen Willen kund 
gab, daß die schöne Maria unter allen Umständen 
sein ehelich Gemahl werden müsse. Der Oheim hatte 
nun an und für sich gegen eine solche Verbindung 
nichts einzuwenden, — nahm er doch an, daß dies 
das beste Mittel sei, seinen Neffen auf eine solide 
Lebensbahn zu führen — glaubte aber mit Fug und 
Recht, daß Meister Kilian dazu seine Einwilligung 
nicht ertheilen würde; denn dieser wollte eben nur einen 
Schlächter zum Eidam haben und hatte dem wackern 
Valentin die Hand der ehr- und Lugendsamen Maria 
nicht allein zugesagt, sondern auch versprochen, daß 
unmittelbar nach beendeter Fastenzeit Hochzeit gehalten 
werden solle. Aber Junker Hermann beharrte bei 
seinem Vorhaben und erinnerte seinen Oheim an das 
dem Landesherrn zustehende Recht, als Oberlehnsherr 
über Wittwen und Töchter seiner Vasallen — und 
ein solcher war Meister Kilian — zu Gunsten seiner 
Hofdiener zu verfügen. Nur ungern entschloß sich 
der Hofmarschall, bei dem Landgrafen das Anliegen 
seines leichtfertigen Neffen vorzubringen und seinen 
Herrn auf dieses Ueberbleibsel der Leibeigenschaft auf 
merksam zu machen. Er that es aber mit besonderer 
Rücksicht darauf, weil er durch eine reiche Heirath 
seinen Neffen in den Stand gesetzt sah, sich von seinen 
drückenden Schulden zu befreien. Deshalb trug er 
dem Landgrafen seines Neffen Bitte vor und bat um 
Gewährung derselben. „Bei der heiligen Elisabeth, 
meiner frommen Ahnfrau u , entgegnete Wilhelm I., 
), es soll unverzüglich geschehen, und ich werde ihn noch 
obendrein zu meinem Hofschlächter ernennen.« Der 
Hofmarschall, sichtlich erfreut, rief hierauf mit lauter 
Stimme in den Saal: im Namen seines gnädigsten 
Fürsten als Oberlehnsherrn erkläre er hiermit und 
rufe aus den Junker Hermann von Wartenschlehe und 
die ehrbare Maria Kilian nach den ausdrücklichen 
Worten der Lehnsordnung: 
„Heute zum Lehen, 
Morgen zur Ehen, 
Und über ein Jahr 
Zu einem Paar!« 
Die Musik begleitete diese oberlehnsherrliche Ver 
kündigung mit einem Tusch, während Junker Hermann, 
welcher dicht hinter Maria gestanden, sich dreimal 
gegen die Anwesenden verbeugte und Anstalten machte, 
seine ihm zugesprochene Braut öffentlich zu umarmen. 
Diese aber eilte zu ihrem Vater und theilte ihm mit, 
daß der Junker von seinem vermeintlichen Recht auf 
den Besitz ihrer Hand alsbald Gebrauch zü machen 
beabsichtige, was sie unter keinen Umständen zulasse. 
Meister Kilian aber gerieth durch die ohne sein Vor 
wissen und gegen seinen Willen erfolgte Verlobung 
seiner einzigen Tochter in gerechte Aufregung, erklärte 
dem Hofmarschall und den um ihn Stehenden, daß 
seiner Tochter Hand bereits an den ihm lieb und 
werthen Valentin vergeben sei und er die Absicht ge 
habt habe, dieses heute Abend hier im »Hochtzeitshaus« 
öffentlich bekannt zu machen. Darauf verließ er mit 
Maria deu Saal und begab sich nach Hause, um die 
folgenden Tage alles vorzubereiten, daß die Hochzeit 
sobald es anginge gefeiert würde. Indessen war Junker 
Hermann bestrebt, unter Beistand des Hofmarschalls 
dennoch die Hand der schönen Maria zu erlangen. 
Allein der Landgraf erkannte bei ruhiger und reiflicher 
Ueberlegung, daß die Beibehaltung dieses Lehnrechts 
und dessen Ausübung unbillig und ungerecht sei. 
Dazu kam noch, daß Valentin und Maria an der Land- 
gräfinAnnaeinen mächligenSchutz und eine Fürsprecherin 
hatten, welche ihren Einfluß auf ihren nicht gerade sehr 
willensstarken Eheherrn zu Gunsten der Verlobten geltend 
machte. Und sie vermochte viel bei ihm. Landgraf 
Wilhelm faßte in Folge dessen auch den alsbald in 
Ausführung gebrachten Entschluß, das nichts weniger 
als löbliche und zeitgemäße Ueberbleibsel der früheren 
Leibeigenschaft abzuschaffen, wofür ihm seine Unter 
thanen, namentlich die Bürger Kassels auf jede Weise 
ihren Dank und ihre Freude zu erkennen gaben. An 
demselben Tage aber, an dem dieser fürstliche Wille 
kund gegeben wurde, fand die Hochzeit Valentin's und 
Maria's statt. Daß Maria Hessens letzte Lehnsbraut 
war, giebt diesem Ereigniß eine gewisse Bedeutung. 
Hermann von Wartenschlehe aber begleitete seinen 
Herrn 1491 ins gelobte Land. Er sollte jedoch seine 
Heimat nicht wiedersehen, denn er starb bei der Rück 
reise auf der Insel Rhodos. Schwank. 
Die doppelte Ueberraschung. Im Winter 
von 1805 auf 1806 sprengte etwa eine Stunde nach 
Mitternacht ein Postillon durch die Straßen der 
Stadt Ziegen Hain, welche damals noch Festung 
und von zwei Bataillonen Füsiliere der leichten Brigade 
besetzt war, und weckte durch sein schmetterndes Horn 
die Einwohner aus der süßen Ruhe. Das Ziel des 
Postillons war die Wohnung des Stabskapitains 
Philipp H Hier ließ er nicht eher vom 
Blasen ab, bis er alle Insassen des Hauses an die 
Fenster gelockt hatte. Als man ihn fragte, was er 
denn wolle, rief er hinauf, er bringe ein Schreiben 
an den Herrn Stabskapitain. Darin stehe, daß er 
das große Loos gewonnen habe. Flugs war der 
Stabskapitain an der Hausthüre, nahm das Schreiben 
in Empfang und gab dem Ueberbringer alles Geld, 
das er in der Tasche hatte. Dann stürmte er mit
        

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