Full text: Hessenland (3.1889)

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Laune fand, und wie Sie sich dadurch in hohem 
Crade meine Verehrung erwarben. 
Darum bitte ich, die Gläser zu erheben und 
mit mir auf das Wohl einer der besten unter 
den Frauen anzustoßen. Unsere liebe Wirthin, 
Frau Anna Löpel, lebe Hoch! — Hoch! — 
Hoch!" — 
Hell klangen die Gläser an einander und die 
Kinder freuten sich, tüchtig „Hoch!" mitschreien 
zu können. 
Kaum hatte sich der Jubel etwas gelegt, so 
bat der Amtsrichter, welcher stehen geblieben 
war, noch einmal um's Wort. 
„Ich habe", begann er, „für meine lieben 
Freunde noch als Ueberraschung die Mittheilung, 
daß ich mich mit Fräulein Jeannette Munk ver 
lobte, und ich stelle Ihnen dieselbe hiermit als 
meine liebe Braut vor." 
Neuer Jubel brach aus, Glückwünsche und 
Umarmungen erfolgten, und als kaum die Ruhe 
wieder hergestellt war, klopfte der Hausherr an 
sein Glas, erhob sich und begann mit schelmischem 
Lächeln falgendermaßen: 
„Eine herzlichere Freude als diejenige über 
die Verlobung zweier so liebenswerther Menschen 
konnte uns an unserem heutigen kleinen Familien 
feste kaum zu Theil werden! Wir würden auch 
— als schon erfahrene Eheleute — mit unserem 
Rath für den zukünftigen Hausstand gern bei 
der Hand sein. Aber erstens: hat mein Freund 
Binder trotz — oder vielleicht wegen — seines 
langen Junggesellenthums für Alles im Leben 
das beste Urtheil und den besten Geschmack, 
und zweitens: heimsen wir die Erfahrungen 
Anderer selten zur eignen Nutzanwendung ein, 
Gute Kehre. 
Brach mir jüngst vom Brombeerstrauch 
Draußen auf bet* Bienenhaide 
Einen rothgeschnürten Zweig — 
Just zu meiner Augen Weide. 
In ein Krüglein steckt' ich ihn — 
Sah ihn an beim Näh'n und Schreiben. 
Dachte, ohne Sonnenlicht 
Kann er nichts als Zierde bleiben; 
Aber, sieh' — am dritten Tag 
Wurden meine rothen Trauben 
Schwarz und reif. — Sie ließen sich 
Ihr gesundes Recht nicht rauben. 
Zweiglein, Zweiglein, das ich brach, 
Wardst du reif, um mich zu lehren: 
Wer da Leben in sich trägt, 
Kann sich gegen Unglück wehren. 
W. Kervcrt. 
sondern müssen Lebenserfahrungen stets erst an 
uns selbst erproben, bevor sie nutzbringend für 
uns werden sollen. 
In dem Ehestandslexikon meines Freundes 
Binder würde ich jedoch — an einer gewissen 
Stelle — ein Zeichen für ihn einlegen mit 
dem Vermerk: ,Siehe Howald'!" 
Das dröhnende Lachen, in welches der Amts 
richter zu diesen Worten ausbrach, wirkte etwas 
befremdend auf die beiden Damen, und hemmte 
den Redner einige Sekunden. Als der Lachende 
sich beruhigt hatte, wendete sich der Kassierer an 
Fräulein Munk und sagte: 
„Seien Sie jedoch überzeugt, Fräulein Jean nette, 
daß Sie sich für die Zukunft dem bravsten 
Menschen auf Gottes Erde anvertrauen. Ich 
hoffe, daß wir auch späterhin unsere Freund 
schaft und unseren geselligen Verkehr eifrig pflegen." 
Löpel erhob sein Glas. 
„Ich trinke auf das Wohl des lieben Braut 
paares; es lebe hoch!" 
„Hoch soll es leben! — Drei Mal hoch!" 
schrieen die Kinder. 
Gläserklang, Lachen und Jubel erfüllte den 
Festraum, und Fröhlichkeit herrschte im Löpel- 
schen Haus bis zum Abend. 
Ein scharfer Beobachter hätte jedoch von Zeit 
zu Zeit einen befremdlich sinnenden Zug im 
Antlitz der jungen Hausfrau bemerkt. Dieselbe 
schien einer Sache, die ihr im Laufe des Tages 
zur Entdeckung gekommen war, nachzugrübeln, 
und am nächsten Morgen benutzte sie die erste 
Gelegenheit des Alleinseins mit der Freundin, 
um auch diese in ihr Geheimniß einzuweihen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Grirß an den Bilstein bet Großalmerode. 
In Hessens schönen Landen 
Da blickt in's Reich hinein 
Umrauscht von Waldes Wogen 
Der stolze Fels Bilstein. 
Da droben, auf der Höhe, 
Da beut, am Felsenrand 
Ein alter Bau aus Steinen 
Die Aussicht weit in's Land. 
Wie winken dort die Wälder, 
Wie grüßt von Ferne her 
Umkränzt von grünen'Bergen 
Der Hauptstadt Häusermeer. 
Wie thront, umwebt von Sagen 
Des Meißners hohes Haupt,
        

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