Full text: Hessenland (3.1889)

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„Bleiben Sie noch längere Zeit hier, Fräulein 
Munk?" fragte er beim Abschied. 
„Leider, nein: Ich denke Ende der nächsten 
Woche abzureisen." 
„Ja, Max, du mußt unbedingt noch einige 
Male kommen, so lange Fräulein Jeannette hier 
ist. Der Quartettabend hat mir zu gut gefallen!" 
Mit diesem Wunsch entließ der Hausherr den 
Freund. — 
Und Max kam, kam mit sichtlichem Vergnügen, 
oft, recht oft; ja, er hatte sogar nicht das 
Geringste dagegen die mittwoch- und sonnabend 
lichen Zusammenkünfte auch in die Löpelsche 
Wohnung zu verlegen. Schließlich vereinte er 
seine Bitten mit denen des Ehepaares und suchte 
die Freundin zu bestimmen, daß sie ihre Abreise 
noch bis zum Geburtstage der Hausfrau auf 
schieben sollte. 
Man besuchte sich also fleißig weiter, sang 
Quartetten, war heiter und vergnügt, und am 
Vorabend des Geburtstages holte der Amtsrichter 
Jeannette Munk sogar aus dem Theater ab. 
„Du, Richard, merkst du was?" sagte Frau 
Anna zu ihrem Gatten, als der Hausfreund 
gegangen war, „die beiden Leutchen denken, wir 
sind mit Blindheit geschlagen!" 
„Wieso? Worin denn?" 
„Ach, verstelle dich doch nicht so!" 
„Ich verstehe dich wirklich nicht!" 
Löpel war förmlich aufgeregt, denn er dachte 
nur an einen Verrath seiner Geburtstagsgeschenke. 
„Na, dann bleibe du ein blinder Hesse; ich 
bin nicht unvorbereitet." 
Als dem Hausherrn endlich ein Ahnen des 
Angedeuteten aufdämnierte, traten die Erwarteten 
mit fröhlicher Miene ein und verhinderten jedes 
weitere Aussprechen. — 
So war denn der Tag heran gekommen, 
welcher die hübsche blonde Frau Löpel um ein 
Jahr älter werden ließ. 
Die Sonne (auch die Februarsonne kann zu 
weilen Macht gewinnen) fand ihre besondere 
Aufgabe darin diesen Tag zu verherrlichen; sie 
drängte sich in alle Spalten, huschte in alle Ecken, 
um auf jeden Gegenstand des Löpelschen Hauses 
einen goldnen Schimmer zu werfen; und nachdem 
sie auf diese Weise einen wahren Festraum 
daraus gezaubert, überhauchte sie auch das nie 
mals mehr schmollende Geburtstagskind wie mit 
einer goldnen Strahlenkrone. 
Abends sollte sich eine kleine Gesellschaft in 
dem Festraum zusammenfinden, nur der Amts 
richter wurde schon als Mittagsgast erwartet, 
damit die Kinder doch auch ihr Theil am Freuden 
feste hätten. 
Der Amtsrichter kam. Alle waren an der 
kleinen Familientafel vereint. Die Sonne that 
das Ihre. Geburtstagsblumen streuteil herrlichen 
Duft aus; süßer Kuchengeruch wetteiferte mit 
diesem, und die Kinder hatten ihre Sonntags 
kleider an. 
Beim Braten erhob sich der Amtsrichter, 
klopfte an sein Glas und begann: 
„Ich habe die angenehme Aufgabe das Wohl 
des verehrten Geburtstagskindes auszubringen. 
Es widerstrebt meiner Natur, mich in schwülstigen 
Redewendungen zu ergehen, und etwa: von der 
Sonne des Hauses, oder ähnlichen Vergleichen, 
zu sprechen; sondern ich sage gerade heraus: 
mir ist die Frau die liebste, welche nicht schmollt, 
oder sich das Schmollen abgewöhnte. — 
Und wenn wir es recht überlegen: worüber 
schmollen die verehrten Hausfrauen in den 
meisten Fällen? Ich sage: häufig um ein „Nichts". 
Ich gebe ja zu, daß es Tage giebt, wo uns 
die Fliege an der Wand, oder Zigarrenasche am 
ungehörigen Ort, oder auch Schmutztrappen auf 
dem Teppich, ärgern." (Hier erröthete Frau 
Anna.) „Ailch ist es begreiflich, daß in diesem 
Stadium nicht gut Kirschen essen mit uns ist; 
aber unterkriegen dürfen wir uns von dieser 
Stimmung nicht lassen; und wenn wir uns 
späterhin über den Grund unseres Unmuthes 
fragen, müssen wir über die Erbärmlichkeit des 
selben lächeln." (Das Geburtstagskind blickte 
verwundert auf den Redner.) „Denn wahrlich 
was ist eine Fliege? Antwort: Ein Insekt, 
welches sich uns, wenn wir ein Mittagsschläfchen 
halten wollen, beharrlich auf ein und denselben 
Fleck, etwa die Nasenspitze, setzt. 
UndwasistZigarrenasche? Antwort: JnWahr- 
heit ein Nichts; oder doch nur noch Atome eines 
verflüchtigten Etwas, an welchem noch dazu das 
Mißtrauen klebt; es könnte eine zu billige oder 
eine Zigarre ohne Lust gewesen sein. Und — 
das genügt! — 
Und die Frage: „Was ist etwa ein Schmutz 
trappen auf dem Teppich?" beantworten wir uns 
einfach dahin: Nur eine Vorbereitung für die 
vielen Spindlerschen Filialen. Und der Mann 
will doch auch leben! — 
Setzen wir gegen die geringwerthigen Eigen 
schaften dieser Unmuths-Erzeuger die folgen 
schwere des sich wiederholenden Schmollens einer 
Hausfrau, welches auf die Dauer jedes Familien 
glück zerstört, so eröffnet sich dem denkenden 
Menschen eine traurige Perspektive." — Hier 
wendete der Redner sich an Frau Anna. — 
„Nachdem ich meine Anschauung in dieser Sache 
unverhohlen ausgesprochen, werden Sie, ver 
ehrtes Geburtstagskind, begreifen, wie sehr es 
mich erquickte, wenn ich Sie bei meinen in 
letzterer Zeit allzuhäufigen Besuchen hier im gast 
lichen Hause stets in sich gleich bleibender guter
        

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