Full text: Hessenland (3.1889)

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neues Leben in die landwirthschaftlichen Kreise; 
er selbst ging mit bestem Beispiele voran und 
glänzend waren die Erfolge, die er erzielte. Ihm 
kamen in seinen Bestrebungen seine juristischen, 
naturwissenschaftlichen und landwirthschaftlichen 
Kenntnisse, seine praktische Erfahrung, sein 
Scharfblick, nicht minder aber auch seine treff 
lichen persönlichen Eigenschaften zu statten, ver 
möge deren es ihm wie keinem Anderen gelang, 
die Wege zu ebnen und Hindernisse zu über 
winden. (Schluß folgt.) 
—*——♦— 
tc schmollt 
Novellette von M. Friedrich stein. 
(Fortsetzung.) 
Der versprochene Abendbesuch des Amtsrichters * 
zog sich jedoch, durch gesteigerte Berusspflichten, ! 
etwas in die Länge, ja sogar die abendlichen 
Zusammenkünfte bei Howald, hatten aus diesem 
Grunde einige Zeit eingestellt werden müssen. 
Endlich, eines Abends, ertönte die Glocke an 
der Vorgangsthür bei Löpels laut durch den 
Korridor; so konnte sie nur vom Amtsrichter 
gezogen sein. 
Die Thür wurde geöffnet, und eine fremde 
junge Dame stand vor dem unerwarteten Gaste. 
„Bitte um Entschuldigung. Ist Herr Bank- 
kassirer Löpel zu Hause?" 
„Bedauere, nein; aber er kann jeden Augen 
blick kommen." 
Die Stimme, welche diese Antwort gab, hatte 
einen selten metallischen Klang, und Herrn 
Binders dunkle Augen streiften überrascht die 
angenehme Erscheinung vor sich. 
„Frau Löpel ebenfalls nicht?" fragte er weiter. 
„Leider, nein." 
„Darf ich bitten den Herrschaften meine 
Empfehlung auszurichten?" 
„Wenn Sie zuvor die Güte hätten, mir zu 
sagen, von wem ich die Ehre habe?" 
„Amtsrichter Binder." 
Hierauf erfolgte freundliche, jedoch gemessene 
Verbeugung von beiden Seiten. Dann schloß 
sich die Korridorthür und die festen Schritte des 
Amtsrichters ließen die Treppenstufen ächzen. 
Derselbe konnte noch nicht bis zur Hausthür 
gelangt sein, als Freudenausrufe und Be- > 
grüßuugen im Treppenhause laut wurden. Bald ! 
danach wurde die Vorgangs- und Wohnzimmer- ! 
thür aufgerissen, und im Triumph führte der ! 
Kassierer den so lange vergeblich Erwarteten iws ! 
Zimmer. ! 
„Aber, Fräulein Munk!" schrie er. fast ent 
rüstet, „wie konnten Sie nur den Amtsrichter 
fortgehen lassen!" 
„Wie kann denn Jeannette den fremden Herrn 
zum Bleiben auffordern, Richard?" sagte die 
inzwischen eingetretene Hausfrau vorwurfsvoll. 
Stelle die Leutchen lieber einander vor." 
„Ah, so: Amtsrichter Binder; Fräulein 
Jeannette Munk, Freundin meiner Frau." 
Die Freude des Löpelschen Paares über den 
Besuch war so aufrichtig, und die warmherzige 
Aufnahme so erquickend, daß auch die beiden 
Fremdlinge sich rasch dadurch näher traten. 
Bald wetteiferten die Frauen darin, den Thee 
tisch so zierlich wie möglich herzurichten. Die 
Gaskrone in der sogenannten „guten Stube" 
wurde angesteckt, und die dahin führenden Flügel 
thüren aufgemacht. 
Des Amtsrichters Augen folgten der hohen 
Gestalt und den ruhig sicheren Bewegungen der 
Freundin des Hauses mit sichtbarem Wohlgefallen. 
Jeannette Munk war nicht besonders schön, 
aber ihr blasses Gesicht und dessen große, kluge, 
graue Angen hatten etwas ungemein Fesselndes. 
Das braune Haar trug sie in Folge einer Krank 
heit kurz geschoren, in krausen Löckchen. Aller 
liebst an ihr war ein Grübchen im Kinn. 
Nach dem Thee forderte Richard Löpel den 
weiblichen Gast auf einige Lieder zum Besten zu 
geben, welcher Aufforderung sie ohne Ziererei 
und mit schöner Altstimme nachkam. 
Die Herren waren entzückt bei der Entdeckung, 
daß sie ein Quartett beisammen hätten; sie 
brauten eine Bowle, dann wurden Quartetten 
gesungen, und spät erst vermochte der Amtsrichter 
sich dem gemüthlichen Beisammensein zu entreißen
        

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