Full text: Hessenland (3.1889)

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bürg und Bvu» als gehorsamer Sohn ferne 
Rechtsstudien und praktizirte nach der im Jahre 
1840 bestandenen Staatsprüfung als Referendar 
zuerst am Landgerichte seiner Vaterstadt, dann 
am Obergerichte zu Kassel. Aber auch die 
praktische Thätigkeit als Jurist sagte ihm nicht 
besser zu, als das vorausgegangene Studium. 
Nach dem im Jahre 1843 erfolgten Tode seines 
Vaters folgte er dem unwiderstehlichen Drange 
seines Herzens und unternahm, wie er sich selbst 
ausdrückte, „den kühnen Sprung über den grünen 
Tisch ins grüne Feld" mit Wissen und Billigung 
seiner trefflichen Mutter. 
„Wie der Vogel" — sagte später Wendelstadt 
von sich — „im Herbste, wenn die Tage 
schwinden, wenn rauhe Winde über das Stoppel 
feld fahren und die vergilbten Blätter den 
Bäumen entfallen, von einem mächtigen Triebe, 
der tief in seinem Innern liegt und dem er 
nicht zu widerstehen vermag, erfaßt, fortziehen 
muß über Berg und Thal, über's weite Meer 
nach fernen sonnigen Auen, von denen er weiß, 
daß es ihm dort wohl sein werde — ähnlich 
erging es mir. Die trockenen, staubigen Akten, 
die waren mir die gelben Herbstblätter! Ich 
sah einen trüben, endlosen Winter vor mir, den 
ich in dumpfer, herzbeengender Schreibstube für's 
Leben verbringen sollte. Ich sah aber auch 
grüne Auen und wogende Saatfelder, über denen 
der Lerche Jubellied erklang. Nach diesen zog 
es mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt! Ich 
wußte, daß es mir dort Wohlergehen, daß dort 
mein Glück erblühen werde. Ich entfloh dein 
Winter und eilte den blühenden Auen zu. Das 
habe ich nie zu bereuen gehabt." 
Um sich für seinen neuen Beruf vorzubereiten, 
trat er bei einem anerkannt tüchtigen Landwirth 
in der Eifel in die Lehre und erlernte praktisch 
hier den landwirthschastlichen Betrieb. Nach 
Verlauf von zwei Jahren bezog er die in großem 
Rufe stehende landwirthschaftliche Hochschule zu 
Hohenheim, wo Papst, Fleischer, Siemens und 
Pistorius seine Lehrer waren. Mit größtem 
Eifer gab er sich hier dem Studium seiner Wahl 
hin und knüpfte nebenbei mit Geistesverwandten 
freundschaftliche Beziehungen an, die unter dem 
Wandel der Zeiten in unveränderter Weise er 
halten und gepflegt wurden. 
Reich ausgestattet mit Kenntnissen verließ 
Eduard Wendelstadt zu Ostern 1847 die Hohen- 
heimer Akademie, begab sich zunächst zu seiner 
weiteren landwirthschastlichen Ausbildung auf 
Reisen und übernahm hiernach die Verwaltung 
des dem Herrn von Salis auf dem Hundsrück 
gehörenden Güterkomplexes. Dort faßte er den 
Plan, in Hessen eine Ackerbauschule zu gründen. 
Er pachtete zu diesem Zwecke im Jahr 1850 
mit seinem jüngeren Bruder, dem Oberamtmane 
Wendelstadt in Hofgeismar, die Domäne Saba 
burg. Der Plan kam aber nicht zur Ausfüh 
rung, da ihm im Herbst 1851 die Versetzung 
der erledigten Professur der Lundwirthschaft an 
der Akademie Hohenheim angetragen wurde. 
Am 5. Oktober genannten Jahres trat er in diese 
Stellung ein und wenige Tage darauf begann er 
vor einer Zuhörerschaft von mehr als 100 
Studirenden seine Vorlesungen. Rasch erwarb 
er sich die Achtung und Liebe seiner Kollegen 
und Schüler und nach Verlauf von kaum einem 
halben Jahre wurde er von der königl. Würt 
tembergischen Regierung zum ordentlichen Pro 
fessor ernannt. Am 12. Oktober 1852 ver 
heiratete er sich mit Karoline Foudy, Tochter 
des Geheimen Regierungsraths Friedrich Fondy 
in Fulda. Dieser glücklichen Ehe entsprossen 
zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, die leider 
zum größten Schmerze der Eltern früh verstürben, 
der Knabe im Alter von 5, das Mädchen im 
13. Lebensjahre. In Hohenheim verblieb Eduard 
Wendelstadt bis zum Jahre 1854. Da folgte 
er einem sehr ehrenvollen Ruf in sein Heimath- 
land Kurhessen, dem er ja stets auch in der 
Fremde die treueste Anhänglichkeit bewahrt hatte. 
Im Jahre 1853 war in Kurhessen eine be 
sondere Zentralstelle für die landwirthschastlichen 
Angelegenheiten errichtet. Zur fachmännischen 
Leitung derselben wurde Eduard Wendelstadt be 
rufen. Am 1. März 1854 übernahm er mit 
dem Titel eines Landes-Oekonomierathes sein 
neues Amt und wurde bald darauf zum Vor 
sitzenden des neu erstandenen landwirtschaft 
lichen Zentralvereins gewählt. Eine bessere 
Wahl hätte nicht getroffen werden können. 
Bestand auch schon seit dem vorigen Jahrhundert ein 
Landwirthschaftsverein, der dann im Jahre 1822 
auf breiteren Grundlagen in den kurfürstlich 
hessischen Landwirthschaftsverein umgewandelt 
wurde, t konnte doch ebenso wenig dieser wie jener 
bei der bureaukratischen Form, die beiden an 
haftete, diejenige Entwickelung nehmen, welche 
zum Vortheile der Landwirthschaft nothwendig 
war. Im Jahr 1848 wurde denn auch der 
Verein, da er Erfolge nicht zu verzeichnen hatte, 
aufgelöst, um auf neuer Grundlage wieder er 
richtet zu werden. Die politischen Wirren, 
welche darnach in Kurhessen ausbrachen, ver 
zögerten die Ausführung, bis endlich im Jahre 
1853 die Kommission für landwirthschaftliche 
Angelegenheiten in's Leben trat. Von da 
beginnt recht eigentlich das Emporblühen 
der Landwirthschaft in unserem Hessenlande. 
Eduard Wendelstadt konnte jetzt sein her 
vorragendes organisatorisches Talent ent 
falten, er brachte Schaffenslust und mit ihr
        

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