Full text: Hessenland (3.1889)

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das Land vom Interdikt. Diesem glücklichen 
Friedensschluß folgte noch in demselben oder im 
nächstfolgenden Jahr die Aussöhnung mit Heinrich 
dem Erlauchten. Sophie und ihr Sohn entsagen 
allen Ansprüchen auf thüringische Besitzungen, 
dagegen überläßt der Thüringer, welcher sich 
hier als großmüthiger Sieger zeigt — die späteren 
hessischen Chronisten wollen ihm das freilich nicht 
zugestehen — zum Ersatz für die verweigerte 
Wartburg seinen Verwandten die Städte an 
der Werra Wannfried, Eschwege, Ullen 
dorf und Witzenhausen, welche er im Krieg 
gegen den Braunschweiger gewonnnen hatte. So 
war denn das Erbe, welches Sophie ihrem Sohn 
zu gewinnen gehofft hatte, wirklich in Besitz ge 
nommen, und mit Befriedigung konnte sie, bevor 
sie 1284 hier in Marburg die Augen schloß, 
auf ihr Werk zurückblicken. Sie hatte den Grund 
zum hessischen Fürstenthum gelegt. Auch dauerte 
es nur noch acht Jahre, bis ihr Sohn das höchste 
Ziel, welches ihm und seiner Mutter stets vor 
Augen schwebte, als reichsunmittelbarer Fürst 
und Landgraf anerkannt zu werden, wirklich er 
reichte. Aenn am 11. Mai 1292 wurde er auf 
dem Feld bei Frankfurt durch Kaiser Adolf 
von Nassau zum Reichsfürsten erhoben. Mar 
burg ist allerdings nicht der eigentliche Sitz 
unserer Fürsten geblieben. Denn nur wenige 
derselben haben hier dauernden Aufenthalt ge 
nommen. Vielmehr hat schon Heinrich das Kind 
im Jahre 1277 seinen Sitz, wie billig, in die 
jenige Gegend verlegt, welche von jeher Mittel 
punkt des Hessenlandes war, nämlich in die Nähe 
vonGudensberg und Maden, nach Kassel. 
Der Stadt Marburg aber wird man die Ehre 
nicht versagen können, für die Erhebung Hessens 
zum Fürstenthum den Ausgangspunkt und die 
erste Grundlage gebildet zu haben. 
(Schluß folgt.) 
Huarö Wenöelstaöl. 
Ein Lebensbild. 
Am zweiten Pfingsttage (10. Juni) bewegte 
sich ein außergewöhnlich großer Trauerzug durch 
die Straßen Kassels nach dem Friedhofe. Leid 
tragende aus allen Stünden, von hier und von 
auswärts, nahmen daran Theil,' galt es doch, 
dem Geheimen Regierungsrath Eduard Wen- 
delstadt die letzte Ehre zu erweisen, einem 
Manne, dessen Name auf das Engste verknüpft 
ist mit dem Emporblühen der Landwirthschaft 
in unserem Heffenland, der vielfach bahnbrechend 
gewirkt hat in seinem Fache, der weit hinaus 
bekannt war über die Grenzen unseres engeren 
Vaterlandes, dessen persönliche Eigenschaften bei 
allen, die mit ihm in Berührung kamen, nur 
Hochachtung und Zuneigung erwecken konnten, 
dessen Hinscheiden daher allgemein auf das Leb 
hafteste beklagt wurde. Wenn Einer, so konnte 
er von sich mit gerechtem Stolze sagen: „non 
frustra visi“, nicht umsonst habe ich gelebt. 
Durch seine langjährige segensreiche Thätigkeit 
im Dienste der Landwirthschaft, durch seine aus 
gezeichneten Leistungen hat er sich den höchsten 
Anspruch auf Anerkennung und Dank aller 
seiner Mitbürger erworben. Ein Lebensbild 
dieses hochverdienten Mannes in kurzen Zügen 
zu entwerfen, ist der Zweck dieser Zeilen. 
Eduard Ferdinand Maximilian 
Wendelstadt ist am 11. Dezember 1815 zu 
Hers selb geboren. Sein Vater war der als 
trefflicher Arzt bekannte, allgemein beliebte 
Dr. Ferdinand Wendelstadt. Dieser sowohl, 
als dessen Gattin, Karoline, geb. Gieseler, eine 
hochgebildete geistvolle Frau, ließen ihrem reich 
begabten Sohne Eduard die sorgfältigste Er 
ziehung zu Theil werden und namentlich die Mutter 
übte auf dessen Geistes- und Gemüthsrichtung 
einen wesentlichen Einfluß aus. Von 1828 bis 
1836 besuchte Eduard Wendelstadt das alt 
berühmte Gymnasium seiner Vaterstadt, das seit 
seiner Umgestaltung im Jahre 1832 unter der 
ausgezeichneten Leitung des Direktors Dr. Wil 
helm Münscher neu emporblühte. Nicht nur in 
den Wissenschaften, wie sie auf den hessischen 
Gymnasien gelehrt wurden, machte Eduard 
Wendelstadt die besten Fortschritte, auch in den 
Künsten, namentlich in der Malerei und Musik, 
für die er besondere Zuneigung und aus 
gesprochenes Talent hatte, suchte er sich zu ver 
vollkommnen. Nachdem er an der Hersfelder 
Gelehrtenschnle das Zeugniß der Reife erhalten 
hatte, bezog er 1836 die Hochschule Marburg 
um daselbst, dem Wunsche seines Vaters folgend 
Rechtswissenschaft ;u studiren, während er selbs 
bei seiner Liebe zur Natur das Studium de 
Naturwissenschaft vorgezogen haben würde. Der 
poetischen, für die Natur und ihre Schönhe' 
schwärmenden Jüngling behagten zwar die Pai 
betten sehr wenig, doch vollendete er in Mm
        

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