Full text: Hessenland (3.1889)

249 
Hessen vertrauend, mit ihrem kleinen Sohn und 
geringer Begleitung aus Brabant herbei. Die 
Erzählung späterer Chronisten, daß ein bei 
Maden versammelter Landtag Heinrich das 
Kind als Erben erklärt und zum Regenten er 
beten habe, wird durch kein gültiges Zeugniß 
unterstützt und steht im Widerspruch mit dem 
damaligen Zustand von Niederhessen. Das Wahre 
an der Sache besteht wohl darin, daß unter den 
Hessen Sehnsucht herrschten, aus dem Geschlecht 
Elisabeths einen eignen Fürsten zu erhalten. 
Wohin aber im Hessenland lenkte Sophie zuerst 
ihren Schritt, wo hoffte sie zunächst Unterstützung 
zu finden? Es war Marburg, die Grabstätte 
ihrer Mutter, wohin sie sich wandte. Sie nannte 
sich sogar auf ihrem Siegel zuerst domina de 
Marburg. Auf die Kunde von ihrer Ankunft 
zogen ihr, wie spätere Chronisten erzählen, mit 
brennenden Kerzen und wehenden Fahnen die 
Bürger entgegen und geleiteten sie jubelnd in 
ihre Stadt. Hier soll sie auf dem Marktplatz, 
ihren dreijährigen Knaben auf dem Arm haltend, 
zu den Bürgern gesagt haben: Euerer Treue 
und Enerm Schutz übergebe ich den Enkel der 
heiligen Elisabeth!, worauf alle Anwesenden 
huldigten und bereitwillig Gehorsam und Hülfe 
angelobten. Hier nahm sie für die nächsten 
Jahre ihren dauernden Aufenthalt; von hier 
zog sie, von treu gebliebenen Rittern und Bürgern 
sowie von den Brüdern des deutschen Ordens 
unterstützt, an der Spitze bewaffneter Schaaren 
aus, nm die Burgen 'widerspenstiger Vasallen 
zu brechen. So gelang es ihr den größeren 
Theil des Oberlahngaus für ihren Sohn wieder 
zn gewinnen und damit seine Herrschaft in 
Hessen zu begründen. Jedoch nm auch die dem 
thüringischen Fürstenhaus in Nicderhessen ge 
hörigen Besitzungen wieder in ihre Gewalt zu 
bringen, dazu fühlte sie sich bei ihren geringen 
Streitkrüften viel zu schwach. Ebenso wenig 
wollte sie aber auch auf dieselben verzichten. Sie 
schloß daher mit ihrem Vetter Heinrich dem 
Erlauchten die sogenannte Eisenacher Richtung 
ab, in welcher die beiderseitigen Ansprüche aner 
kannt, und Heinrich zum Vormund ihres Sohnes 
bis zu dessen Mündigkeit bestellt wurde, nament 
lich zur Erwerbung der niederhessischen Gebiete. 
Nun verließ sie nebst ihrem Sohne das von ihr 
gewonnene und ferner in ihrem Namen verwaltete 
Oberhessen und begab sich auf eine Reihe von 
Jahren nach Brabant. Als sie mit ihrem Sohn 
zurückkehrte, hatte Heinrich der Erlauchte, der 
übernommenen Verpflichtung eingedenk, sämmt 
liche Mainzische Lehnsgüter in Niederhessen für 
ihren Sohn in seine Gewalt gebracht, freilich die 
Anerkennung von Mainzischer Seite hatte er 
noch nicht erlangen können. Nnn übernahm der 
im Juni 1254 mündig gewordene Heinrich, das 
Kind von Hessen genannt, unter dem Beistand 
seiner Mutter die Regierung der oberhessischen 
und niederhessischen Besitzungen. Die Wartburg 
bekam er aber nicht. Heinrich der Erlauchte 
nämlich, welcher früher die Ansprüche Sophieens 
auf die Wartburg stillschweigend gebilligt hatte, 
erklärte bei einer Zusammenkunft mit derselben 
in Eisenach auf den Rath seiner Getreuen, 
daß er diese Burg, den Fürstensitz und die Krone 
Thüringens, niemals aus der Hand geben werde. 
Von bitterem Schmerz darüber erfüllt, daß ihr 
das Schloß ihrer Eltern vorenthalten werde, ließ 
sich die sonst so besonnene Frau zu dem Ent 
schluß hinreißen, das, was man ihr versagt habe, 
mit Gewalt zu erringen. In Verbindung mit 
ihrem Schwiegersohn,dem Herzog Albrecht von 
Brannschweig, unternahm sie 1260 einen 
Kriegszug in das Thüringerland. In diese 
Zeit dürfte wohl die von ihr erzählte That zu 
setzen sein, daß sie mit einer Axt an das St.- 
Georgenthor von Eisenach geklopft und die Bürger 
aufgefordert habe, ihr die Stadt zu übergeben, 
was denn auch geschehen sei. Aber der Krieg 
nahm für die Hessen einen sehr ungünstigen 
Ausgang. Nicht genug, daß sie sammt ihren 
Verbündeten aus Thüringen vertrieben wurde 
und kaum mit Aufbietung aller Kräfte ihre 
Grenze vertheidigen konnte — jetzt trat auch 
der Erzbischof Werner von Mainz wieder auf 
den Kampfplatz. Am 4. Mai 1261 schleuderte 
er in einer nach Mainz berufenen Versammlung 
den Bannstrahl gegen Sophie und ihren Sohn 
und belegte deren Land mit dem Interdikt. 
Sodann machte er mit einer ansehnlichen Krieger 
schaar einen Einfall in die hessischen Gauen, um 
sich des Verlornen wieder zu bemächtigen. Dies, 
meine Herren, war der gefahrvollste Zeitpunkt 
in dem Leben der thatkräftigen Frau. Alles, 
was sie für ihren Sohn errungen hatte, stand 
auf dem Spiel und konnte in kurzer Frist ver 
loren werden. Denn beiden Feinden zu wider 
stehen , war unmöglich. In dieser äußersten 
Noth gelang es ihrem Sohn Heinrich den Grafen 
GottfriedIV. von Ziegenhain, dessen Vor 
fahren es mit Mainz zu halten pflegten, zum 
Bundesgenossen zu gewinnen und hier in Mar 
burg am 2. Juni 1262 ein Schutz- und Trutz- 
Bündniß mit ihm abzuschließen. Der kräftigen 
Hülfe dieses Ziegenhainers hatten es die Hessen 
zu verdanken. daß sich der Erzbischof im Sep 
tember 1263 zu einem im Feldlagerzu Langs 
dorf bei Lich abgeschlossenen Frieden bequemte. 
Gegen Zahlung von 2000 Mark Silbers über 
trug er sämmtliche Mainzische Lehen in Hessen 
an Heinrich, den Enkel der heiligen Elisabeth, 
und befreite ihn nebst seiner Mutter vom Bann,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.