Full text: Hessenland (3.1889)

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halt des am 2. September 1870 bei Sedan ge 
fangenen französischen Kaisers Napoleon III. 
daselbst, sind noch zu sehr in Aller Gedächtniß, so 
daß hier nur flüchtig darauf verwiesen werden kann. 
Wenn wir so gesehen haben, welche großen 
Männer Wilhelmshöhe nebst Umgebung ihre 
Aufmerksamkeit zugewandt und für Verschönerung 
Sorge getragen haben, und die fortwährende Zu 
nahme der Ansiedlungen (sogar 2 angesehene 
Cur-Anstalten) an diesem mit der Hauptstadt 
Kassel durch so viele Verkehrsmittel verbundenen, 
mit so vielen Reizen ausgestatteten und darum 
so viele Besucher anziehenden Punkts betrachten, 
so brauchen wir um seine fernere Zukunft in 
keiner Sorge zu sein, sondern sind zu den kühnsten 
Erwartungen berechtigt. 
Meber 
die Möeulung von Nürburg Ln der Geschichte von Hessen. 
Vortrag, gehalten in der Jahresversammlung des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 
zu Marburg am 18. Juli 1889, 
von Dr. Friedrich Münscher- 
(S. Hessenland Nr. 15, S. 221.) 
I. 
Wann oder von wem Marburg gegründet 
worden, wann es zur Stadt erhoben worden ist, 
liegt völlig im Dunkeln. Wir wissen nur, daß 
sein Name zuerst in einer Urkunde vom Jahr 
1118 erwähnt wird, und dürfen mit ziemlicher 
Gewißheit annehmen, daß es bereits 1194 eine 
Stadt war. Denn eine Urkunde dieses Jahres 
berichtet von einer daselbst befindlichen Münzstätte, 
ja meldet sogar, daß man damals in Oberhessen 
nach Marburger Währung gerechnet habe. Aber 
von Bedeutung war die Stadt damals sicherlich 
nicht. Diese hat sie erst erlangt — nicht durch 
die Thaten ihrer Bürger, sondern — dadurch, 
daß die fromme Elisabeth, verwittwete Landgräfin 
von Thüringen, hier ihr Leben beschlossen und 
hier ihre Grabstätte gefunden hat. 
Elisabeth, die schon als Kind durch ihre mit 
demüthiger Frömmigkeit gepaarte Heiterkeit, als 
Frau durch innige Liebe zu ihrem Gemahl, dem 
trefflichen Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen, 
sowie durch mütterliche Sorgfalt für dessen Unter 
thanen ein Muster edler Weiblichkeit war, wurde 
erst hier in Marburg zu dem gemacht, was ihr 
eine Stelle unter den Heiligen der römischen 
Kirche verschafft hat. Das war das Werk ihres 
Beichtvaters, des Magisters Konrad von Mar 
burg, dem sie unbedingten Gehorsam gelobt und 
dem sie 1229 in unsere Stadt als ihren Wittwen- 
sitz gefolgt war. Dieser, einer der bedeutendsten 
Geistlichen Deutschlands in damaliger Zeit, kennt- 
nißreich, von unbescholtenem Lebenswandel, rück 
sichtslos gegen Hoch und Niedrig, gleichgültig 
gegen Reichthum und äußere Ehren, ein Mann 
von unbeugsamer Willenskraft und glühendem 
Eifer für das Ansehen der Kirche, suchte mit 
derselben unerbittlichen Strenge, mit welcher er 
! die Ketzer verfolgte, die demüthige Fürstin plan 
mäßig nach seinen Begriffen zu einer Heiligen 
heranzubilden. Ihm galt nämlich als Ideal 
christlicher Frömmigkeit, daß der Mensch die 
natürlichen Gefühle und Neigungen, nicht etwa 
nur den göttlichen Geboten unterwürfig mache 
und sie je mehr und mehr veredle, nein, daß er 
sie verleugne, ja möglichst ertödte und sich 
dadurch ein Anrecht auf den Himmel verdiene. 
In dieser Schule völliger Verzichtleistung auf 
das Irdische führte er sie von Stufe zu Stufe. 
Sie mußte nicht nur ihre Tage und theilweise 
auch ihre Nächte mit frommen Andachtsübungen 
und Werken der Barmherzigkeit ausfüllen, eine 
Aufgabe, zu der sie von ihrem eignen Herzen 
hingetrieben wurde, sie mußte sich auch den streng 
sten Kasteiungen und Geißelungen unterwerfen. 
Aber damit nicht genug. Er muthete ihr auch zu, 
dem natürlichsteil Gefühl, dem der Mutterliebe, zu 
entsagen und ihre Kinder von sich zu entfernen. 
Ja, damit sic gar nichts Liebes in dieser Welt 
um sich habe und nur himmlische Freuden em 
pfinde, entließ er die ihr lieb gewordenen Freun 
dinnen und Dienerinnen und ersetzte sie durch 
solche, die ihr widerwärtig waren. Demüthig 
fügte sich Elisabeth in diese Anforderungen; aber 
lange konnten Leib und Seele denselben nicht 
Stand halten. Schon nach zwei Jahren, erst 
24 Jahre alt, erlag sie denselben und schloß am 
Morgen des 19. November 1231 sanft und schmerz 
los ihre Augen, gewiß selig in dem Gefühl nach 
bestem Wissen und Gewissen ihrem Heiland ge 
dient zu haben, wenn wir auch sagen müssen, 
daß sie auf unnatürlichem Weg von ihrem Beicht 
vater dahin geführt worden ist. 
Konrad aber, in dem stolzen Gefühl, erreicht 
zu haben, was er gewollt, berichtete an den Papst 
Gregor IX. über das entsagungsvolle Leben der
	        

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