Full text: Hessenland (3.1889)

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Hur Geschichte von Wilhelmshöhe. 
Von K. Neuber. 
(Schluß., 
Wilhelms I. Sohn und Nachfolger Wilhelm II. 
(1821 — 1847) weilte ebenfalls gern in Wilhelms 
höhe. Ihm wird von Sachverständigen der Vor 
wurf gemacht, daß er das prachtvolle Schloß 
durch barbarische Zwischenbauten verunziert habe. 
Bekanntlich war, (worüber noch Abbildungen vor 
handen sind) der Mittelbau nur durch niedrige 
Plattformen über den beiden Durchgangs-Bogen 
mit den Seitenflügeln verbunden. Erst König 
Jerome war ans den Gedanken gekommen, diesen 
Gang durch Aufführung leichter Glas-Gallerien 
gegen Wind und Wetter zu schützen. Wilhelm I. 
ließ diese nach seiner Rückkehr durch einen Stein 
bau ersetzen, aber von mäßiger Höhe, sodaß über 
den Durchgangs-Bogen immer noch ein Stück 
Landschaft sichtbar blieb. Wilhclin II. aber machte 
diesen Steinbau gleich mit der sonstigen Höhe 
des Schlosses und wandelte dadurch die bisher 
nur leichte Verbindung in einen schwerfälligen 
Massivbau um (1829). Die ursprüngliche Archi 
tektur ist übrigens an den Säulenknäufen zu er- 
kennen, welche zum Theil in den Neubau hinein 
ragen. Vergessen wir übrigens nicht, daß Wil 
helm II. der Schöpfer des nicht weit von dem 
Merkur-Tempel beginnenden neuenWasserfalls 
gewesen ist, gerade des Wasserfalls, bei dem Natur 
und Kunst sich so recht harmonisch vereinigen, 
indem die ganze Anlage, Entstehung und weiterer 
Verlauf desselben sich darstellen, als wenn Alles 
wirklich von Natur so wäre und keiner bildenden 
Menschenhand bedurft hätte. 
Das in der Nähe des neuen Wasserfalls an 
gelegte Schlößchen Moncheri (Aon chm) ist 
schon längst wieder verschwunden, und nur in der 
Bezeichnung einer Feldlage noch erhalten, wie 
überhaupt das Flurbuch der Gemeinde Wilhclms- 
höhe in seinen Benennungen der verschiedenen 
Anlagen über viele Aufschluß giebt. 
Wilhelm II. ließ auch das bereits vom Vater 
angelegte große Gewächs-Treibhaus in der 
Nähe des Schlosses und durch eine Allee von der 
Esplanade geschieden, unter Leitung des Ober- 
Hofbaumeisters Brom eis ausbauen und erweitern. 
Dasselbe bildet in den Monaten Februar, März 
und April einen Haupt-Anziehungspunkt für die 
Besucher von Wilhelmshöhe und erfreut diese 
durch seinen reichen und prächtigen Azaleen- und 
Kamelien-Flor, sowie seine Palmen und andere 
ausländische Gewächse. Auch das am Wege von 
Kassel nach Wilhelmshöhe auf der rechten Seite 
zunächst gelegene Wachthaus für die Wacht- 
Mannschaft des Schlosses, an welches sich dann 
der große Gasthof anreiht, ist von Wilhelm II. 
erbaut worden. 
Wilhelm II. hielt sich während der Sommer- 
Monate wohl jeden Jahres in Wilhelmshöhe auf 
bis wieder die Juli-Revolution des Jahres 1860 
von Paris auch die Gemüther in Deutschland in 
Aufregung brachte. Noch gab er im Januar 1831, 
den Bitten seiner Unterthanen Gehör schenkend, 
die denkwürdigeVerfassungs-Urkunde als bleibendes 
Denkmal der Einigkeit zwischen Fürst und Volk, 
aber er wollte auch keinerlei Einmischung in seine 
häuslichen Verhältnisse, und da man in Stadt 
und Land unwillig war, als bald nach der Rück 
kehr der Kurfürstin in das Stadtschloß in der 
Bellevue und feierlichen Aussöhnung mit ihrem 
Gemahl seine Maitresse, die Gräfin Reichenbach 
in das Schloß zu Wilhelmshöhe einzog, und dem 
Kurfürsten deshalb Vorstellung machte, übergab 
Letzterer die Regierung seinem Sohne Friedrich 
Wilhelm und zog nach Frankfnrt a/M., wo 
er auch gestorben ist (1847). 
Der Sohn, der letzte Kurfürst von Hesse», 
hielt sich gleichfalls mit Vorliebe in Wilhelms 
höhe auf und hat da regelmäßig die Sommer- 
Monate zugebracht bis zu seiner Enthronung 
und Abführung nach Stettin im Juni 1866. 
Doch dieses Ereigniß ’), dem bald auch die Ein 
verleibung des Kurfürstenthums Hessen in die 
Preußische Monarchie folgte, sowie der wieder 
holte Aufenthalt unserer beiden verstorbenen 
Kaiser und Könige Wilhelm I. und Friedrich 
in Wilhelmshöhe, auch der mehrmonatliche Aufent- 
i) S. Vortrag des Landgerichtssekretais Nogge-Ludwig 
in der Sitzung des Vereins für Hessische Geschichte u. Landes 
kunde v. 29. März 1886: Mittheil. 1886. S. XIX.
        

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