Full text: Hessenland (3.1889)

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hatte zahlreiche Gäste geladen. Die Spitzen deß 
Civil- und Militärbehörden, die Herren Professor 
Dr. Gräfs, derzeitiger reetor raagnificus, der 
Universitätskurator Freiherr v. Steinmetz, der Präsident 
des Landgerichts, der Kommandeur des hessischen 
Jägerbataillons Nr. 11, Professoren und Offiziere, 
die Chargirten der Korps Teutonia und Guestphalia 
bekundeten durch ihr Erscheinen dem Korps ein 
Interesse, für welches dessen erster Chargirter, Herr 
8tuä. Reese, den Dank in schwungvollen Worten 
alsbald nach Eröffnung des Kommerses auszusprechen 
nicht verfehlte. Es würde zu weit führen, die Namen 
all' der Redner aufzuführen oder gar den Inhalt all' 
der kernigen Ansprachen und prächtigen Reden zu 
skizzieren, welche den Glanz des Abends erhöhten. 
Es mag die Bemerkung genügen, daß noch lang nach 
Mitternacht ein Theil der Damen, welche von der 
Gallcrie aus das Fest milverherrlichen halfen, sich nicht 
von dem bunten, und doch so wohl geordneten Treiben, 
das im Saale unter ihnen herrschte, zu trennen ver 
mochten trotz des wogenden Tabakqualms. Die Formen 
eines korpsstudentischen Kommerses sind im Uebrigcn 
ganz regelmäßige und immer wiederkehrende. Sie 
wichen auch im vorliegenden Fall nicht von der ge 
wohnten und oft geschilderten Weise ab. 
Es mag wohl manch' Einer erst am hellen 
Morgen nach Hause gelangt sein. Das war vor 
sichtigerweise vom Festausschuß im Voraus in ernste 
Erwägung gezogen und zum Katerfrühstück am nächsten 
Morgen eine so reichhaltige Auswahl von raffinirten 
Katervertreibungsmitteln zusammengestellt worden, daß 
binnen Kurzem auch der Melancholischste der Erschienenen 
die Feststimmuttg wiedererlangte. Auf den Veranden 
des Korpshauses und im Garten nahm das Kater 
frühstück bis zum Nachmittag einen sehr fröhlichen 
Verlauf. Allgemeines Interesse erregte das während 
desselben angeordnete Kontrafechten. 
Leider war die Fäßchenpartie nach Spiegelslust, 
welche sich anschloß, nicht so sehr vom Wetter be 
günstigt, wie man es hätte wünschen können. Wenn 
dasselbe auch der Fröhlichkeit wenig Abbruch that, so 
war man doch zeitweise verhindert im sich Freien der herr 
lichen Aussicht in das Lahnthal neben den materiellen 
Genüssen erfreuen zu können. Unter den Klängen 
der Musik kehrte spät Abends das Korps zurück. 
Der nächste Tag war ursprünglich zu einer Partie 
nach dem alten Mensurlokal des Marburger und 
Gießener 8. 0., der Ruine Stauffenberg bestimmt. 
Wahrscheinlich auf Anrathen eines der ältesten der 
Korpsbrüder, des Herrn Landraths Seyberth aus 
Biedenkopf, war nachträglich dies hübsch gelegene und 
bessere Unterkunft und Verpflegung bietende Städtchen 
im Hinterland gewählt worden. Der anfänglich 
strömende Regen hatte viele der alten Herren von der 
beabsichtigten Betheiligung abgehalten; immerhin 
waren es etwa 50 Hessen-Nassauer, welche unter 
Führung des vorerwähnten alten Herrn in Biedenkopf 
einzogen, zunächst das Städtchen, später die dasselbe 
krönende Burg in Augenschein nahmen und alsdann 
der fidelen Marburger Festlaune den letzten Ausklang 
liehen. Schon einmal und zwar zum 45jährigen 
Stiftungsfest im Jahre 1884 hatten die Biedenkopfer 
verwundert eine so große Anzahl Studenten und 
darunter „ganz alte“ bei, sich einziehen sehen. Ihr 
Erstaunen mochte aber wohl den Gipfel erreichen, 
als sie ihren eigenen würdigen Herrn Landrath in 
Band und Mütze unter denselben erblickten. 
Am Abend und nächsten Morgen verließen die 
von fern her nach Marburg geeilten alten Herren die 
freundliche Musenstadt. Das Fest in seinen durch 
keinen Mißklang gestörten Verlauf wird Allen für 
immer in froher Erinnerung bleiben. Wünschen wir, 
daß das Korps in derselben Eintracht mit seinen 
alten Herren, m derselben Stärke, treu festhaltend an 
überlieferten, bewährten Traditionen auch das 75jährige 
Stiftungsfest feiern möge. K. 
Aus Aeimath und Fremde. 
Ihre Majestät die deutsche Kaiserin 
Augusta Victoria hat am 7. August Schloß 
Wilhelmshöhe nach achttägigem Aufenthalte daselbst 
wieder verlassen, um nach Berlin zurückzukehren. 
Wiederholt ist sie hier in Kassel gewesen und hat die 
hiesigen Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen. 
U. a. hat sie die Bildergallcrie, die Ausstellung für 
Jagd, Fischerei und Sport, das Diakoniffenhaus, u. s. w. 
mit ihrem Besuche beehrt. Der Eindruck, welchen 
die Kaiserin von unserer Stadt gewonnen, scheint ein 
recht günstiger zu sein. Der Kronprinz Wilhelm 
und seine Brüder, die Prinzen Eitel Fritz, Adalbert 
und August Wilhelm werden noch einige Zeit aus 
Schloß Wilhelmshöhe verweilen. 
Unser Kasseler Landsmann, der Landesvcrmessungs- 
rath Johann August Kaupert in Berlin, unter 
dessen Leitung die erste Vermessung der Reichslande 
eben vollendet wurde, ist von der philosophischen Fakul 
tät der Universität Straßburg zum Ehrendoktor 
ernannt worden. Geboren i. W. im Jahr 1822, 
Sohn des am 2. Sept. 1863 zu Kassel verstorbenen 
Gold- und Silberarbeiters Christian Wilhelm Kaupert, 
und Bruder des berühmten Bildhauers Professor 
Gustav Kaupert in Frankfurt a/M, zählt I. A. 
Kaupert zu den hervorragendsten Kartographen unserer 
Zeit. Mit Hilfe von N. Hildebrand, Cäsar, Reuter 
u. A. hat er auf 112 Blättern eine Niveaukarte 
von Kurhessen herausgegeben, welche 1657 von C. 
Armann in Kassel lithographirt wurden; ebenso hat 
er die Generalkarte von dem Kurfürstenthum Hessen, 
bearbeitet von dem topographischen Büreau des kur-
	        

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