Full text: Hessenland (3.1889)

Mein Liebchen. 
Ein Antlitz kenn' ich, bleich und fein, 
Von zartem Rot durchhaucht, 
Wie wenn des Mondes Silberschein 
In Rosenkelche taucht. 
Zwei Aeuglein weiß ich, blau und mild 
So hold und liebestraut, 
Die tiefste Sehnsucht ward gestillt, 
Da ich sie angeschaut. 
Doch schelmisch wohl der Liebesgott 
Im blauen Auge schlief, 
Bis um der Lippen süßes Roth 
Ein Lächeln wach ihn rief. 
Da springt er auf, sein Bogen klirrt, 
Frohlockend drückt er los 
Und tief ins wunde Herz mir schwirrt 
Sein goldenes Geschoß. 
Sank Stefan. 
Das fünfzigjährige Stiftungsfest deß Corps 
Hasfo-Rasfovia zu Marburg. 
(Schluß.) 
Die Fuchschokolade ist eine Eigenthümlichkeit der 
Marburger Korps. Auf dem Marktplatz sitzen an 
langen, mit allen möglichen Süßigkeiten bedeckten 
Tischen Fuchsmajor und Füchse und trinken Chokolade. 
Früh schon um 7 Uhr beginnt diese originelle Kneiperei. 
Allmählich finden sich auch die Korpsburschen und 
alten Herren ein. Zur Stärkung solcher, welche vom 
vorhergehenden Abend einen ganz verhärteten Kater 
mitbringen, bietet ein schnell errichtetes Büffet Port 
wein und Liqueure. Doch wird meistens Chokolade 
vorgezogen. Daß bei dieser stets von zahlreichen 
Neugierigen umgebenen Tafelrunde der Humor die 
tollsten Blüthen treibt, läßt sich denken. Hierauf 
näher einzugehen fehlt Raum und Zeit. Zum Schluß 
findet gewöhnlich eine Speisung der umstehenden 
Jugend mit den Resten statt, was stets viel Gelächter 
erregt. Die Einladung zu dieser Chokolade ergeht 
alljährlich für den Morgen des eigentlichen Stiftungs 
tages, des 15. Juli, seitens des Fuchsmajors, welcher 
auch die Kosten zu tragen hat, zunächst an die Füchse 
— daher der Namen — und alsdann an die übrigen 
Korpsangehörigen. 
Wie immer war die Fuchschokolade auch diesmal 
sehr besucht und fidel. 
Ein Stiftungsfest ist zwar.hauptsächlich dem Ver 
gnügen, zum Theil aber auch ernster Arbeit gewidmet, 
zumal ein so seltenes wie das fünfzigjährige. Daher 
begab man sich um 9 Uhr zum feierlichen Konvente 
nach dem Korpshause. Wichtige Angelegenheiten 
waren zu ordnen. Die Berathungen währten lange. 
Erst nach 12 Uhr zog unter den Klängen der Musik 
das Korps zu „ ÜRortfe“, seinem langjährigen Bier 
lieferanten, ulu bei dessen unter Gesang und 
Scherz den Frühschoppen einzunehmen. Das solenne 
Festessen im Saalbau, welcher kaum die Teilnehmer 
fassen konnte, vereinigte späterhin sämmtliche bis dahin 
angelangte Korpsbrüder. Wenn eine reichhaltige 
Speisefolge, gute Weine, witzige Toaste und Musik 
die Stunden eines Festmahles dahinfliehen zu lassen 
geeignet sind, so läßt sich dies mit Fug und Recht 
von jenem Stiftungsfestessen behaupten. Es schien 
allen zu früh, als Festordnung und deren gewissen 
hafter Ueberwacher, der erste Chargirte, gegen 6 Uhr 
zum Aufbruch mahnten. 
Der Festzug sollte sich ordnen. Ein solcher bildet 
das der Marburger Einwohnerschaft interessanteste 
Schauspiel eines Stiftungsfestes. Aus der mehr oder- 
minder zahlreichen Betheiligung der alten Herren am 
Zug entnimmt dieselbe das Interesse der früheren 
Marburger akademischen Bürger an ihrer alten Hoch 
schule und ihrem Korps. Je mehr alte Herren im 
bunten Band und Mütze durch die engen Straßen 
ziehen, desto großartiger dünkt dem Marburger das 
Stiftungsfest. Darum bemüht sich wer nicht an einer 
vom Zug berührten Straße wohnt, bereits Tage vor 
her um einen Platz, damit ihm das schon so oft, 
aber immer mit gleicher Freude gesehene Schauspiel 
nicht entgeht. Kopf an Kopf gedrängt erwartet man 
auf der Straße und in den Fenstern den Zug. Was 
man diesmal zu sehen bekam, lohnte allerdings die 
Neugier. Mußte sich doch gewissermaßen das Korps 
für die ihm seitens der Bevölkerung entgegengebrachte 
Huldigung dankbar erweisen. Darum war der ganze 
studentische Pomp eines Festzuges entfaltet worden. 
Voran ritt in Koller und Kanonen, die breite drei 
farbige seidene Schärpe über der Brust, den gezogenen 
Schläger in der Faust, im Cerevis, der Zugführer. 
Im folgte, geleitet von Füchsen in voller Kouleur, 
ebenfalls mit gezogenen Schlägern, die neue prächtige 
Fahne. Stolz saß ihr Träger auf dem muthigen 
Rappen. Die Jägerkapelle in Uniform ließ den 
Hessen-Nassauer-Marsch ertönen. Die Chargirten, 
ebenfalls hoch zu Roß, die Vertreter der befreundeten 
Korps, begleitet von den Korpsburschen, die Aktiven, 
die alten Herren, ein zweites Musikkorps, immer 
wieder alte Herren, eine schier unübersehbare Anzahl, 
endlich kamen die Füchse in den kleidsamen grünen 
Kneipjacken, Koller, Kanonen und Cerevis, eine der 
Tete entsprechende Reiternachspitze, so bewegte sich der 
Zug durch die Hauptstraßen der Stadt, überschüttet 
mit einem Blumenregen, überall mit lebhaften 
Ovationen begrüßt. Es mochte wohl einer der statt 
lichsten studentischen Aufzüge sein, den Marburg bis 
dahin gesehen. 
Ein allem Vorangehenden entsprechender Kommers 
schloß den Haupttag des Festes. Nicht ohne Be-- 
sorgniß hatte der Festausschuß erwogen, ob der 
weite, prachtvoll dekorirte Raum des Saalbaus für 
alle Erschienenen ausreichen werde. Das Korps
        

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