Full text: Hessenland (3.1889)

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Abends nach betn Thee, legte der Kassierer 
sich ans's Sopha und schloß die Augen. Wahr 
scheinlich fürchtete er aus der Rolle zu fallen, 
wenn er die Augen offen behielt, und das 
hübsche Wesen mit den Grübchen in ihren 
Wangen immer ansah. 
„Hast du Kopsweh?" fragte sie nach einiger 
Zeit in theilnehmendem Ton. 
„Nein!" 
„Was verstimmt dich denn so?" 
„Dienstsachen". 
Frau Anna zog die Fenstervvrhünge zu, stellte 
einen Schirm vor die Lampe, sah nach dem Ofen 
und holte ihrem Mann die Schlafdecke. Ingrimmig 
dachte er: Wie kann es einem so ein Weib 
doch behaglich machen, wenn es will! Aber 
warte! — Landgraf werde hart! — und er 
schmollte nach Kräften weiter. 
So ging es fort, die ganze Woche in allen 
möglichen Variationen, und es wurde dem Bank 
beamten das Brummgesicht fast schon zur Ge 
wohnheit. Frau Löpel war ganz rathlos und 
ging ernstlich mit dem Gedanken um, ben Haus 
arzt kommen zu lassen; sie war die Aufmerksam 
keit selbst gewesen, hatte die drolligen Kleinen 
in's Treffen geführt. Nichts, nichts half, den 
finster blickenden Mann aufzuheitern, der durch 
seinen glänzenden Erfolg nur im Schmollen be 
stärkt wurde. 
Am Samstag Morgen stand Frau Anna im 
sauberen Morgenkleid und zierlichen Häubchen 
vor dem Kaffeetisch und wartete auf den Gatten; 
angstvoll beklommen sah sie dem Eintritt desselben 
entgegen. Er kam. Er zeigte noch inimer ein 
finsteres Gesicht. 
Da hob sie sich plötzlick auf die Fußspitzen, 
schlang die Arme um den Nacken ihres Mast,,es 
und rief schluchzend: 
„Um Gottes Willen, Richard, sei wieder freund 
lich! Höre auf zu mucksen; ich kann es nicht 
mehr ertragen! Sag' was dir fehlt; sprich dich 
aus; ich muß es wissen!" 
„Ist dir mein Brummgesicht so zuwider? 
Du schmollst ja so oft." 
„O Gott, es ist fürchterlich! Ich thue es in 
meinen Leben nicht wieder! Aber, sei gut; sei 
wieder froh, mein Richard. Ich bitte dich von 
Herzen darum!" 
Die geüngstigte Frau küßte ihm. die Augen, 
die Stirn, den Mund, und legte ihren Blond 
kopf bitterlich weinend an seine Brust. 
Glückerfüllt drückte Richard Löpel sein herziges 
Weib, dem er so innig zugethan, und das den 
garstigen Fehler abzulegen versprochen, au sein 
Herz und freute sich ihres Lächelns durch Thränen. 
Mit Riesenschritten eilte der Kassierer an dem- 
felbeu Abend zu Howald, wo er den Freund 
im bewußten Eckzimmer, auf ihn wartend, vor 
fand. 
Der Amtsrichter sprang auf, sah in Löpels 
strahlendes Gesicht und rief: „Viktoria! Wir 
sind im Hafen! Gratuliere dem Standhaften! 
Aber — aber!" 
Warnend drohte Max Binder; dann nahm er 
jovial den Sorgenbefreiten in seine Arme, und 
klopfte ihm mit der fleischigen Hand auf den 
Rücken; es trat ihm dabei eine leibhaftige Thräne 
der Rührung in's Auge, welche er verstohlen 
beseitigte und mit allen möglichen Kunstgriffen 
dem Freunde zu verbergen strebte. 
„Uebrigens," begann Richard Löpel, „soll ich 
dir von meiner Frau bestellen: es sei eine Ver 
sündigung an ihren Hausfrauenrechteu, wenn du 
uns nicht demnächst einen Abend schenktest, damit 
sie auch etwas von deiner Freundschaft gewönne." 
. „Ha ha, ha! Sehr gut!" 
Mit behaglichem Schmunzeln trat der Kassierer 
au den Tisch und rief: 
„Alle Wetter! Weingläser und Rothspohn? 
Das läßt tief blicken." 
„Nun warte nur erst ab, was ich für einen 
Speisezettel entwarf. Dieser Tag kann nicht 
hoch genug gefeiert werden!" — 
Das Liebesmahl (wie es der Amtsrichter nannte) 
mundete vortrefflich. Der Letztere würzte es mit 
sarkastischen Witzen über die prüsidentliche Ge 
sellschaft und trug bei seiner Schilderung die 
Farben möglichst dick auf, wofür er sich seinerseits 
au dem klangvollen Gelächter des Freundes er 
götzte. 
Als dann später der Tisch abgeräumt war, saß 
sich das siegessrohe Freundespaar, eine frische 
Flasche vor sich, noch im traulichen Geplauder 
gegenüber. Mit Spannung lauschte der Amts 
richter auf die Mittheilungen über den normaleit 
Verlauf seiner vorgeschlagenen Kur, und spät, 
erst mit dem Nachtzuge, trat er die nur wenige 
Stationen entfernte Heimreise an. 
„Also: du kommst demnächst einen Abend zu 
uns, Max?" 
„Ganz gewiß; verlaß dich darauf!" 
Nach dieser Wechselrede trennten sich die Freunde. 
Ein recht listiges Lächeln umspielte die Lippen 
des Bankbeamten. — 
(Forts, folgt.»
        

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