Full text: Hessenland (3.1889)

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mal die Rechnung gemacht — ohne seinen Pro 
tektor, den Kaiser Napoleon. 
Am 20. August 1807 wurde im Palaste der 
Tuilerien ein Dekret gezeichnet, welches über 
eins der schönsten Stücke deutscher Erde verfügte 
und in deutscher Uebersetzung wie folgt lautete: 
„Wir Napoleon, Kaiser der Franzosen, König 
von Italien und Schirmherr des deutschen Rhein 
landes. In der Absicht, die Dienste, die Uns 
durch Unseren Vetter, den Marschall Kellermann 
während der Dauer des Krieges geleistet worden 
sind, anzuerkennen, haben Wir beschlossen, zu 
verleihen und verleihen ihm hierdurch die Domäne 
Johannisberg, gelegen im Rheingau, in den 
Staaten des Herzogs von Nassau-Usingen, auf 
daß er, seine Erben und Rechtsnachfolger, solche 
als Eigenthum besitze und genieße, mit dem 
Vorbehalte jedoch, daß weder er, noch seine Erben 
oder Nachkommen diese Domäne verkaufen oder 
sonsten veräußern können ohne Unsere Genehmi 
gung, und ohne daß von dem Erlöse anderweitiger 
Grundbesitz gelegen in Unserem Reiche gekauft 
werde, welcher Grundbesitz einen Theil des Lehens 
bilden soll, das Wir ihm verleihen werden, so 
bald wir die Zeit gekommen erachten, in diesem 
Betreff zu befinden. Unser Kriegsminister und 
Unser Generalintendant der großen Armee werden 
mit der Vollstreckung dieser Verfügung beauftragt." 
Die Sache war entschieden. Am 30. August 
1807 schrieb Marschall Kellermann an den Herzog 
von Nassau sehr lakonisch: Monseigneur! Ich 
habe die Ehre, Sie zu benachrichtigen, daß der 
Kaiser mir den Johannisberg geschenkt sammt 
allem Zubehör. Diese Gnade meines Souveräns 
ist für mich um so werthvoller, weil sie mich in 
den Stand setzt, Ihnen öfters meine Aufwartung 
zu machen. Ich habe meinen Adjutanten, Oberst 
Lecvur de Villiere beauftragt für mich den Besitz 
anzutreten. — Die Uebergabe erfolgte am 8. Sep 
tember 1807. Vorher hatte der Marschall 
Kellermann zwei Kommissarien, den Regierungs 
rath Thon von Hanau und Le Bel, einen Fran 
zosen, nach Fulda gesandt, um die dort befind 
lichen, den Johannisberg betreffenden Urkunden, 
Rechnungen, Akten u. s. w. sich ausliefern zu 
lassen. 
Der französische Marschall Kellermann, ein 
geborener Straßburger, kommandirte dainals in 
Mainz. Er war ein kluger, sparsamer Mann, 
der alles auf das Genaueste berechnete und überall 
seinen Vortheil suchte. In einem Falle sollte er 
sich aber doch verrechnen. Die Jahre 1808, 1809 
und 1810 waren für den Johannisberger Wein 
bau Mißjahre gewesen. Ta verkaufte denn der 
Marschall schon im Sommer 1811 die ganze 
bevorstehende Joyannisberger Weinernte auf deni 
Stock an den Weinhändler Mumm in Frankfurt 
a/M. zu dem Preise von — 32000 Gulden. 
Das Kometenjahr 1811 zeitigte aber den besten 
Wein seit hundert Jahren und noch darüber 
hinaus. Mumm machte ein glänzendes Geschäft. 
Es wuchsen 50 Stück, von denen man jedes im 
Durchschnitt auf einige tausend Gulden veran 
schlagen konnte, das beste wurde für 12000 Gulden 
verkauft. Die Vermittelung des Handels mit 
dem Weinhändler Mumm hatte auf des Mar 
schall Kellermann's Befehl der weiland Benedik 
tiner-Pater Karl Arnd besorgt, derselbe Keller 
meister, der 1802 schon den Kauf zwischen dem 
Mainzer Weinhändler Hergen und dem letzten 
Fürstabte von Fulda vermittelt hatte, und der 
deshalb vom Erbprinzen von Oranien seiner 
Stelle enthoben, bald aber wieder in dieselbe einge 
setzt worden war. Der Marschall Kellermann hielt 
große Stücke auf ihn, und dies ganz besonders 
aus dem Grunde, weil der seltsame Kellermeister, 
der sich die wesentlichsten Verdienste um die Reben 
kultur am Johannisberge erworben hat, zwar 
ein trefflicher Weinkenner, aber kein Weintrinker, 
sondern ein Wassertrinker war. „Wer erklärt 
mir, Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur?" — 
Die Schlacht von Jena hatte der Herrschaft 
des Erbprinzen von Oranien über den Johannis 
berg ein Ende geinacht, die Schlacht von Leipzig 
hatte ein gleiches Schicksal für den Marschall 
Kellermann, Herzog von Valmy, zur Folge. Der 
Johannisberg zeigt heute keine Spur mehr von 
dem Manne, der den Johannisberg von 1807 
bis 1813 besessen, wohl aber von jenem Geschäfts 
mann, der den Elfer-Wein gekauft hatte. Wenn 
man rheinabwärts fährt, sicht man rechts von 
dem Schlosse auf dem Berge eine große freund 
liche Villa liegen, umstanden von hohen schatten 
reichen Bäumen. Sie ist aus dem Gewinne er 
baut, den der Johannisberg-Elser dem Weinhause 
Mumm in Frankfurt abwarf. 
Gegen Ende des Jahres 1813 ergriffen Oester 
reicher Besitz von dem Johannisberg. Bis in das 
Jahr 1815 blieb derselbe in der Verwaltung der 
hohen Alliirten, welche den österreichischen Ge 
sandten von Hügel mit der Gutsverwaltung be 
trauten. Am 19. Juli 1815 erschien auf dem 
Johannisberg der österreichische Gehcimrath 
Handel, um ihn auf Grund des Artikels 51 der 
Wiener Kongreßakte vom 9. Juni 1815 für den 
Kaiser von Oesterreich in Besitz zu nehmen, dem 
er von den hohen alliirten Mächten zugetheilt 
worden war. Am I. Juli 1816 verlieh der 
Kaiser Franz das Schloß Johannisberg nebst 
Zubehör dem Fürsten Metternich, um demselben, 
wie es in der betreffenden kaiserlichen Verfügung 
heißt, für die in der letzten Periode der gänz 
lichen Beendigung der europäischen Angelegen 
heiten dem Monarchen und dem Staate geleisteten
	        

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