Full text: Hessenland (3.1889)

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Elite -Mannschaft, freilich in sehr kleiner Zahl 
und nur mit Degen bewaffnet, geblieben, aber 
immer noch recrutirt aus wohlgedienten Unter 
offizieren der Garde. 
Wilhelm IX. weilte gern in dieser im Innern 
schön eingerichteten und mit entsprechenden, 
namentlich sich auf die Geschichte von Wilhelms 
höhe beziehenden Bildern, sowie mit Gobelin- 
Tapeten und sonstigem Zierrath ausgestatteten 
Burg. 
Nur kurz seien noch die kleinen Anlagen, welche 
von ihm neben den Wasserfällen errichtet wurden, 
genannt. Das Felsen eck, ein kleiner achteckiger 
Tempel, etwa 100 Schritt unterhalb der Cascaden, 
die Eremitage des Sokrates auf dem Wege 
zwischen Teufelsbrücke und Löwenburg, der 
Merkur-Tempel nördlich von der-Teufels 
brücke, der Apollo-Tempel beim Fontaine- 
Bassin, Virgils-Grab und Pyramide des 
Cestius oberhalb desselben, die Säulenhalle 
des Plato auf dem Rasen-Platz zwischen Fon 
taine-Bassin und Schloß. 
Wilhelm IX. war es vom gütigen Geschick 
vergönnt, die Früchte seiner reichen Thätigkeit 
noch eine Reihe von Jahren in ungestörtem Frieden 
zu genießen. Auch die Wogen der großen 
französischen Revolution brausten an dem Hessen 
lande vorüber, da die ganz vereinzelt vorgekom 
menen Erhebungen ohne Mühe niedergehalten 
wurden, und, freilich nach mancherlei Kosten und 
Anstrengungen, hat eres erreicht, die Jahrhunderte 
hindurch so bedeutungsvolle Kurwürde mit seinem 
Lande zu verbinden (1803). Am Schlosse zu 
Wilhelmshöhe wurde diese Rangerhöhung da 
durch ersichtlich gemacht, daß die Inschrift 
nach den Cascaden hin geändert wurde in: 
„ Wilhelmus I. El. condidit.“ Auch wurde in 
demselben Jahre die noch jetzt vorhandene groß 
artige Thor-Anlage des neuen Wilhelmshöher 
Thors begonnen, das vollständig ausgeführt eine 
Zierde der Stadt geworden wäre.') 
Kurfürst Wilhelm I. wies als echt deutscher 
Fürst mit männlicher Entschiedenheit alle Versuche 
des Kaisers der Franzosen, des gewaltigen Na- 
oleon I., ab, auf dessen Seite zu treten und sich 
em die Auflösung des deutschen Reiches veran 
lassenden Rheinbünde (1806) anzuschließen. Dies 
hatte zur Folge, daß der corsische Imperator 
den Kurfürsten von Hessen für abgesetzt erklärte 
und Besitz vom Lande nahm, worauf der Kur 
fürst über Dänemark nach Böhmen flüchtete und 
in Prag seinen Aufenthalt nahm. 
>) Beim ersten Einzuge des verstorbenen Kaisers und 
Königs Wilhelm 1. in Kassel im August 1867, welcher be 
kanntlich durch das neue Wilhelmshöher Thor erfolgte, 
wurde die einst geplante Thor-Anlage vollstündig an dieser 
Stelle nachgebildet. 
Napoleon I. richtete bekanntlich nun das König 
reich Westphalen ein mit der Hauptstadt Kassel, 
über das er seineu jüngsten Bruder Jerome setzte. 
Dieser, ehr Schattenkönig, die Regierung seinen 
Ministern völlig überlassend, führte ein höchst 
üppiges Hofleben und hielt sich gleich dem ver 
triebenen Kurfürsten gern während der Sommer- 
Monate in Wilhelmshöhe auf, das unter ihm N a p o- 
leonshöhe genannt wurde, (wie nach seiner 
Gemahlin Katharina, einer geborenen Prinzessin 
von Würtemberg, das Schlößchen Wilhelmsthal 
bei Mönchehof den Namen Katharinenthal 
empfing). Unter den mancherlei Anekdoten, welche 
sich an den Aufenthalt des „Königs Lustik" in 
Wilhelmshöhe anknüpfen, sei nur die folgende 
erwähnt. Er hielt eines Tages ein großes Hof 
fest auf der Löwenburg, als ihn die Lust an 
wandelte, sich auch deren Gemächer im Näheren 
anzusehen. Dies sollte ihm jedoch übel bekommen. 
Er hatte, wenn in den Hofkreisen davon die 
Rede gewesen wqr, daß der vertriebene Kurfürst 
in der ihm so lieb gewordenen Burg sein Wesen 
treibe, darüber gelächelt. Da glaubte er, bei 
seinem Rundzange in die Nähe eines Thurmzimmers 
angelangt, durch ein Fenster den Kurfürsten leib 
haftig vor sich zu sehen. Wie sich später heraus 
gestellt, hat ein kurfürstlicher Kammerdiener, aus 
welchem Grunde, wird verschieden erzählt, diesen 
Mummenschanz ausgeübt. Jerome war über 
diesen Vorfall so betroffen, daß er möglichst bald 
die Löwenburg verließ und dieselbe niemals 
wieder betreten hat. 
Nachdem endlich die gewaltige Macht Napoleons 
gebrochen und mit seiner Herrschaft auch die seiner 
von ihnl eingesetzten Brüder vernichtet worden 
war. kehrte Kurfürst Wilhelm I. wieder in sein 
Land zurück (25. November 1813) und zog unter 
dem Jubel der Bevölkerung in Kassel ein. Sehr 
gern hielt er sich nun auch wieder zur Sommers 
zeit in Wilhelmshöhe auf und freute sich des 
Anblicks der insbesondere an Tagen, wo die 
Wasser sprangen, dorthin kommenden und sich 
in der schönen Natur herumbewegenden Menge, 
namentlich der in großen Schaaren auftretenden 
Studenten aus Göttingen. Marburg, Gießen, 
ja sogar aus Halle und Jena. Er sah auch den 
flotten Burschen manche Ungebührlichkeit, wie 
Beschädigung von Pflanzen, Betreten des Rasens 
u. dgl. m., wohlwollend nach, indem er auf die 
ihm darüber gewordenen Anzeigen mit praktischem 
Sinne erwiederte, die Studenten brächten immer 
Geld mit, und das käme wieder seiner Bürger 
schaft zu Gute.') 
Mit besonderer Vorliebe verweilte Wilhelm I. 
auf der Löwenburg, und diese ersah er sich, als 
i) Fr. Müller. Kassel seit siebenzig Jahren. S. 115 fg.
	        

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