Full text: Hessenland (3.1889)

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Westen die Lütticher, welche das Zollthvr blokirten. 
Von diesem Thore bis zum Hammthore erhoben 
sich die Zelte verschiedener Völker. Dem Hamm 
thore gegenüber lag das Geldrische Heer, das 
aber, ebenso wie dasjenige von Lüttich, dem 
Herzog nur gezwungen folgte. Beide Völker 
waren den Neußern günstig und thaten 
ihnen nicht nur sehr wenig Schaden, sondern 
waren ihnen noch dazu von großem Nutzen 
während der Belagerung, — wie es heißt, um derer 
willen, die von ihren Landsleuten als Söldner 
in der Stadt dienten. Namentlich als der Herzog 
später Minen graben ließ, waren es die von 
Lüttich, welche die Belagerten warnten. 
Weiterhin vom Hammthore bis zum Nieder 
thor lagen die Flandrischen, die Picarden und 
Söldner der verschiedensten Nationen. Es folgten 
dann bis zum Rheinthore die von Brüssel, 
Mecheln u. a. O.; das Rheinthor selbst endlich 
sperrten die Söldner aus der Lombardei. Sie 
thaten, ebenso wie die Picarden am Niederthore, 
mit ihren großen Geschützen, deren der Herzog 
i. G. 350 mit sich geführt haben soll, der Stadt 
heftigen Schaden und schossen Thore samt 
Thürmen vollständig zusammen. ' 
So war die Stadt ringsum eingeschlossen bis 
auf die Seite der beiden Rheininseln. Aber die 
Belagerten waren unverzagt. Einen trefflichen 
Gebrauch wußten sie bereits von dem kleinen 
Gewehr, den Hand- und Hakenbüchsen zu machen. 
Ihre Schützen schwärmten draußen umher und 
thaten den Burgundern so nachdrücklichen Schaden, 
daß diese es anfänglich nicht wagten, den Gürtel 
enge um die Stadt herumzuziehen, vielmehr sich 
in respectvoller Entfernung hielten. 
Auch herrschte in der Stadt die ruhigste 
Zuversicht. An Vorräthen war kein Mangel, 
trotz der ungünstigen Jahreszeit, in welcher die Be 
lagerung hinsichtlich der Ernte der Feldfrüchte be 
gann. Dazu war Wein und Bier in großer Menge 
vorhanden; von ersterem fanden sich '700 Fuder 
der allerbesten Sorte vor, von letzterem kamen 
10000 Faß an Reisige und Landsknechte zur 
Vertheilung. So herrschte im Anfang der Be 
lagerung das fröhlichste Treiben in der Stadt. 
Auf dem Markt, in allen Schänken erklangen 
Flöten und Pfeifen und die lustigen Lieder der 
Landsknechte. Die Flötenspieler Landgraf Her 
manns , den wir schon als einen Freund der 
Musik kennen lernten, ließen ihre süßen Weisen 
erschallen; kurz, es war nicht, als ob ein er 
barmungsloser Feind draußen vor den Thoren 
läge, sondern als feierte die Stadt im tiefsten 
Frieden ihr Kirchweihfest. 
Vor allem sah Karl der Kühne ein,. daß es 
nicht möglich sein werde, die Stadt in seine 
Gewalt zu bekommen, so lange er nicht auch die 
beiden Rheininseln besetzt hätte. Denn von hier 
aus konnten den Belagerten fortwährend Unter 
stützungen und Lebensmittel zugeführt werden. 
Diese Werder in den Kreis der Einschließung 
hereinzuziehen, war deshalb sein nächstes Ziel. 
Ein Versuch der Picarden und Lombarden, den 
Arm des Rheines, der die Inseln vom Festlande 
schied, zu durchreiten, schlug gänzlich fehl; in's 
tiefe Wasser fortgerissen ertranken Rosse und 
Reiter. Dagegen gelang es schon am 4. August 
den Belagerern, auf einigen herbeigeschafften 
Nachen und Flößen die Werder zu erreichen 
und mit drei Fähnlein Landsknechten zu besetzen.') 
Damit schien die Einschließung vollendet / und 
besorgt sahen die Neußer hinüber nach dem Rheine 
und entsandten Boten um Hilfe an die Freunde 
in Köln. Aber ehe diese Hilfe ankommen konnte, 
wagten sie selbst einen muthigen Handstreich. 
Am 6. August öffnete sich plötzlich das kleine 
Judenthor, das vom Markte zum Wasser hinab 
führte, und etwa 170 Bürger und Söldner traten 
in Waffen heraus. Auf Kähnen erreichten sie 
zuerst die kleinere der beiden Inseln, dann durch 
wateten sie den seichten Wasserarm, der sie von 
der größeren und den hier in Schlachtordnung 
stehenden Feinden schied. Eine kleine Weile 
standen sich beide Schlachthaufen gegenüber, und 
gespannt sah man von beiden Seiten dem bevor 
stehenden Kampfe zu: die Bürger von Mauern 
und Thürmen und der Herzog mit den Seinen 
von den hohen Ufern, ohne daß man im Stande 
gewesen wäre Hilfe zu bringen wegen des Mangels 
der Schiffe. Es war ein Moment des Zögerns 
und der Erwartung. Dann aber griffen die 
Neußer die Gegner ungestüm an und hieben 
erbarmungslos auf sie ein. Es entstand ein 
heißes Ringen, denn die Burgundischen wehrten 
sich tapfer. So berichtet der Chronist, der selbst 
Augenzeuge des Kampfes war, wie der Fahnen 
träger der Lombarden (auf dessen rother Fahne 
die bedeutsamen Worte standen: Die stehen in 
der größten Gefahr, die sich am meisten fürchten), 
nachdem ihm ein Neußer beide Hände abgehauen 
hatte, die Stange noch mit den blutigen Stünipfen 
versuchte festzuhalten. Allein vergebens, ein 
wuchtiger Hieb endete sein Leben. 
Bald zeigte sich die überlegene Körperkraft der 
Germanen und trug den Sieg über Picarden und 
Lombarden davon. Wer von diesen den wilden 
Streichen entgehen wollte, stürzte sich in die 
Fluten des Rheines; aber auch hier fanden Viele 
den Tod. Der Rest, meist Verwundete, wurde 
gefangen nach der Stadt geführt. 
') Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein, H. 49, 
S. 17 f. Nr. 29.
        

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