Volltext: Hessenland (3.1889)

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ermann, 
kanögraf zu Kessen, Wursürst und Krzblschos 
von Döln. 
Von Hugo Brunner. 
(Fortsetzung.) 
Auf dieser Anhöhe, etwa eine Piertelmeile 
von der Stadt entfernt, wurde ein vorläufiges 
Zeltlager aufgeschlagen. Alsobald entsandte der 
Herzog einen Herold an die Stadt und ließ 
Einlaß fordern; aber die Neußer beriefen sich 
auf des Kaisers Frieden, in dem sie stünden, 
und lehnten so jede Verhandlung ab. Die Er 
bitterung gegen den Herzog war derart, daß der 
Herold von den Mauern mit Schmähungen 
beleidigt wurde, ja daß inan ihn erschlagen hätte, 
wenn nicht die Väter der Stadt dagegen auf 
getreten wären?) 
Herzog Karl hatte eine solche Antwort voraus 
gesehen; denn er ließ sofort 6000 Mann zu 
Roß und Fuß, hauptsächlich Lombarden und 
Picarden, in 3 Heerhaufen aus dem Lager aus 
rücken, um die Stadt im ersten Anlauf zu 
nehmen?) Unter dem lauten Schall der Hörner, 
mit wehenden Bannern und hochgehobenen Lanzen 
kamen sie herangesprengt, die Reiter in stattlicher 
Rüstung, und auch die Rosse durch vergoldete 
Leder- oder leichte seidene Decken geschützt. Schnell 
ließ Landgraf Hermann die Bürger und Söldner 
sich sammeln und ihnen entgegen rücken. Diese 
stellten sich hinter den Hecken und Zäunen, die 
die Stadt umgaben, auf, in ihrer linken Flanke 
durch die Erft, im übrigen durch zahlreiche 
Geschütze gedeckt, und erwarteten muthig den 
Angriff. Jetzt schloffen die feindlichen Reiter- 
schaaren bei dem Anblick des kaum erwarteten 
Widerstandes sich fest zusammen. Mit eingelegten 
Speeren, als wollten sie jeglichen Gegner über 
den Haufen reiten, kamen sie herangetrabt. Schon 
waren sie in dem Bereich der Kugeln, da gaben 
die Neußer Feuer aus Feldschlangen und Haken 
büchsen, daß Rosse und Reiter stürzten und der 
Angriff in's Stocken gerieth. Im selben Augen 
blicke griffen die Reisigen aus der Stadt die 
feindliche Schlachtreihe von der Seite an und 
würden sie wohl gänzlich über den Haufen ge 
worfen haben, wenn sie nicht selbst zu schwach 
gewesen wären. Sie waren nämlich, wie die 
Chronik sagt, ursprünglich nicht sowohl zum 
Fechten herangezogen, als um die Gegner heraus- 
') Dies und das Folgende nach dem Magn. Chron. 
Belg. S. 4t4ff. und Wierstraat's Histori des beleegs 
van Nuis. Chroniken deutscher Städte. Bd. 20. III. 
(S. 479.) 
2 ) Das Magn. Chr. Belg, spricht nur von Reitern; 
Wierstraat dagegen sagt: si quamen zo perde ind 
vios gedrungen. 
znfordern und in das Bereich der Geschosse zu 
locken. Trotzdem setzten sie den Burgundischen 
hart zu; der Kampf dauerte mehrere Stunden, 
dann zog sich das Heer des Herzogs nicht ohne 
merklichen Verlust zurück. 
So war der erste Angriff mit Glück ab 
geschlagen, und der Muth der Belagerten hob 
sich. Herzog Karl aber mußte sich zu einer 
regelrechten Einschließung der Stadt bequemen. 
Am nächsten Morgen (den 30. Juli) bewegte 
sich das Heer näher an die Stadt heran. Der 
Herzog selbst nahm seine Wohnung in der Nähe 
des Klosters vor dem Oberthore, in dessen 
Baumgarten hinter der Kirche man ihm sein 
kostbares Zelt aufschlug. 
Hier wohnte der Fürst 46 Wochen lang, ohne 
ein anderes Haus zu betreten. Des Nachts 
schlief er gewappnet in seinem Stuhle. Ihn 
umgab eine zahlreiche Dienerschaft, eine aus 
erlesene Leibwache; und zwölf der edelsten Herren 
seines Heeres hatten ihre Zelte im Kreise herum 
aufgeschlagen. 
Bald entwickelte sich auf Feldern und Wiesen 
um die Stadt ein wunderbares Leben. Es war, 
als wüchse eine neue Stadt aus der Erde, so 
erhoben sich überall die Hütten und Zelte der 
Kriegsleute. Aber auch andere Menschen strömten 
in Menge herbei. An Wegen und Straßen zu 
beiden Seiten erbauten die Kaufleute, Schenk- 
wirthe, Waffenschmiede, Apotheker und viele 
andere Gewerbetreibende ihre Buden; andere 
brachen ihre Häuser daheim, im Kölnischen oder 
im Herzogthum Jülich, einfach ab und setzten sie 
samt Thüren und Fenstern hier wieder her, 
als gedächten sie sich für Jahr und Tag häuslich 
niederzulassen. Da wurde gespielt, getrunken, 
gesungen und gefeilscht, als sei das Lager ein 
ewiger Jahrmarkt; und die Goldschmiede boten 
den Landsknechten und ihren Dirnen Kostbar 
keiten zum Kauf an, wie sie in mancher großen 
Stadt nicht zu finden waren. Schlug man doch 
die Zahl der Weibspersonen, die dem Heere 
folgten, auf 1000, ja auf 1600 und mehr an?) 
Das Heer des Herzogs war aus den ver 
schiedensten Nationen zusammengesetzt. Er selbst 
mit seinen Burgundern umlagerte die Stadt auf 
der Süd- und Südwestseite vom Oberthore bis 
zu dem Zollthore hin. An ihn schlossen sich im 
') Basler Chroniken, II, S. 136 und 173; vgl. 
Magn. Chr. Belg. S. 416.
        

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