Full text: Hessenland (3.1889)

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; Hier liegt seine Schuld; er ist im Reinen 
Mit dem Fremden, der sein Volk bedrückt, 
Und der Tod will ihm Erlösung scheinen. 
Keiner ist, der um ihn mühte weinen, 
Wenn die Kugel morgen ihn entrückt; 
Wenn hinab er zu des Lodes Reiche 
Morgen gehl, so wird kein Auge feucht. — 
Sieh, da ist, ols ob stch eine bleiche 
Schöne Frau zu ihm hernieder beugt. 
Wo sic jetzt wohl weilt? so denkt er; mag fie wissen, 
Was das Schicksal über ihn beschloß? 
Schmiegt sie wohl, wenn er, die Brust zerrissen, 
Auf die Haide sinkt, in weiche Kissen 
Sich daheim im väterlichen Schloß? 
Jetzt erwacht sie wohl und hört die Kunde, 
Die gedruckt in allen Blättern steht. 
Rnd sie weint und spricht mit bleichem Munde 
Für des Todten Seele ein Gebet. 
B, bist Du's? so spricht er, — keine Lüge? 
Und Erinnerung kaum entschwundener Zeit 
Lockt ein Lächeln ihm ans seine Züge. 
Denn Erinnerung ist des Trostes Wiege 
Dem Gefangenen in der Einsamkeit. 
War's nicht dort zu Homberg in dem Stifte, - 
Kerzen flammten, Walzerton erklang, — 
Da um Karolinens schlanke Hüfte 
Er im Tanz entzückt die Arme schlang? 
Also träumt er. Sieh, da beugt sich wieder 
Aus ihn nieder die Gestalt der Frau, 
Küßt ihm feine schweren Augenlider, 
Rnd ans feine Stirne füllt's hernieder, 
Wie aus Weiberaug' ein Thrünenthau. 
Stilles Lächeln liegt auf feinen Zügen, 
Als zum letzten Male er erwacht. 
Denn er weiß, der Traum kann ihm nicht lügen, 
War es doch der Traum der letzten Rächt. 
Dem Vergnügen schien es, dafz man fröhne, 
Und daß Freude nur die Losung sei. 
Aber heimlich schmiedeten die Plane 
Dort des Hessenlands getreue Söhne 
Zn dem Sturz der fremden Tyrannei. 
Und sie selbst, den Freiheitsbrand zu schüren, 
Die Begeisterung zu dem heiligen Krieg, 
Stand sie da wie eine der Walküren 
Alter Zeit, die auf die Erde stieg. 
Rnd gelassen tritt im Frührothstrahte 
Vor die Büchsen Georg Hasserodt. 
Von den Höh'n der Berge, aus dem Thäte 
Grüßt der Mai ihn noch zum letzten Male: 
Horch! die Büchsen krachen, — er ist todt! 
Kühn zerrissen hat der Knechtschaft Bande 
Er und was den Geist in Fesseln hält; 
Rnd der Freiheit ew'gem Vaterlande 
Wandelt zu der Dringe Held. 
* * 
* 
Georgs Blicke mit Bewunderung hingen 
An des Mädchens herrlicher Gestalt. 
Ihre Liebe möcht' er nicht erringen, 
Denn nur höheren und ernsten Dingen 
Galt im Stift sein kurzer Aufenthalt; 
Doch des Mädchens würdig sich zu zeigen, 
Wie ihm auch das Loos des Schicksals fiel, 
Selbst von ihr beweint in's Grab zu steigen, 
Schien ihm eines Lebens bestes Ziel. 
Also hat er Fried' und Ruh' gesunden, 
Ahnungslos, daß Karoline ihm 
War so nah in seinen letzten Stunden. 
Denn auch sie, in schwere Hast gebunden, 
Büßte ihres Herzens Rngestüm. 
Riet der Thränen hat sie noch vergossen, 
Viel Gebete ans zu Gott gesandt 
Rm den Edlen, den der Feind erschossen, — 
Bis auch sie die ew'ge Ruhe fand. 
Kugo Mrunner. 
Anmerkung: Georg Wilh. von HasserodL, ehem. hessischer Lieutenant, wurde wegen seiner Theilnahme 
am Dörnberg'schen Aufstand am 13. Mai 1809 auf dem Forste bei Kassel erschossen. — Unter Karoline ist Karoline 
von Baumbach gemeint, welche den Aufständischen in Homberg die Fahne überreichte und deshalb längere Zeit im 
Kastell zu Kassel gefangen saß.
	        

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