Full text: Hessenland (3.1889)

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Besuch abgestattet. Sie hätten sich in ihrem Thurm 
ganz sicher gefühlt, da sie doch hätten annehmen 
dürfen, daß man auf sie und ihr mit Eisengittern 
verziertes Kerkerloch arn letzten einen Verdacht werfen 
würde. — Das Urtheil über die nun geständigen 
Verbrecher ließ nicht lange auf sich warten. Sie 
wurden zu einer gepfefferten Strafe verurtheilt und 
sofort dem in der Hauptstadt gelegenen Zuchthaus zu 
geführt, von wo aus sie schwerlich ihre nächtlichen 
Spaziergänge haben fortsetzen dürfen. — So der 
italienische Bericht. Natürlich vergaß Müller nach 
seiner Rückkehr in die Heimath nicht, sich nach dem, 
was er in Italien gelesen hatte, bei seinen Bekannten 
zu erkundigen. Zu seinem Erstaunen erfuhr er, daß 
die Sache im Großen und Ganzen sich wirklich so 
verhalte, wie die Erzählung in jener Zeitung gelautet 
habe. Wie aber die Begebenheit in die italienische 
Zeitung gekommen ist, das hat er niemals heraus 
bringen können, und das wird wohl auch für alle 
Zukunft ein Räthsel bleiben. 
Marburg. Dr. K. W. 
Manchem der Leser der Zeitschrift „Hessenland" 
geht es vielleicht, wie dem Schreiber dieser Zeilen, 
daß er sich hin und wieder zu einer der Erzählungen 
oder Gedichte eine Bemerkung am Rande macht, 
natürlich zunächst zu seinem Nutz und Frommen 
und etwa eines der Mitleser. Das geschah auch 
beim Lesen der Erzählung von dem „hessischen 
Träumer", welche der verehrte Herr F. M. aus seiner 
interessanten Sammlung mittheilt. Es würde nun 
mit dieser Randbemerkung genug sein, da aber durch 
dieselbe der Rahmen der Erzählung wesentlich er 
weitert wird, so erlaube ich mir Ihnen dieselbe zu 
zuschicken, in der Hoffnung, daß sie auch einem oder 
dem andern Leser, besonders aber dem Erzähler zur 
Ergänzung seiner Sammlung willkommen sein wird. — 
Der Pfarrer E m a n u e l George Christian 
Streibelein war eine noch in meiner Jugendzeit 
in Niederhessen wohl bekannte und viel besprochene 
Persönlichkeit, nud so erinnere ich mich noch einer 
ganzen Zahl von Anekdoten, die im Munde des 
Volkes über ihn gingen und ihn als einen derben 
Witzbold, verwegenen Menschen und namentlich rück 
sichtslosen Franzosenfeind kennzeichneten. — Er war 
seit dem 13. November 1787 Pfarrer zu Rambach 
in Niederhessen. Während der westphälischen Okkupation 
befreite er Jahre lang durch ungesetzliche Mittel 
(namentlich Trauungen ohne die vorgeschriebenen 
Legitimationen, völlig unwahre Bescheinigungen rc.) die 
jungen Männer seines Kirchspiels von der Konskription, 
und erst als mehrere Jahre hindurch kein Pflichtiger 
aus Rambach und Weißenborn zur Ziehung er 
schienen war, veranlaßte der Kantonmaire 1812 eine 
Untersuchung, welche die Sache ans Licht brachte, 
und so wurde Streibelein, „weil er seine Amtsauctorität 
zu gesetzwidrigen Handlungen misbraucht hatte" durch 
Dekret des Königs von Westphalen vom 23. Juni 
1813 seines Amtes entsetzt. Hiernach war er 1810 
noch Pfarrer in Rambach und noch nicht einmal in 
Untersuchung und somit seine Theilnahme an dem 
Festessen in Hersfeld, wenn sie überhaupt in beut 
genannten Jahre stattfand, durchaus nicht auffällig. 
Wenn nun am Schluß jener Erzählung gesagt 
wird, er habe eine andere Pfarrstelle, soviel bekannt, 
würdiger als die frühere verwaltet, so ist schon 
durch die Tradition in Niederhessen, aber auch sonst- 
her in völlig beglaubigter Weise bekannt, daß 
Streibelein 1814 Pfarrer zu Frielingen wurde, aber 
auch dort wegen mehr oder minder schwerer Dienst 
vergehen, namentlich wieder unzuständiger Kopulationen, 
lästerlicher Reden und Handlungen, arger Trunken 
heitsfälle, kassirt worden ist, durch Resolution des 
Kurfürsten Wilhelm I. 1818. Aus der Zeit nach 
dieser Kassation stammt wohl die Anekdote, welche 
Schreiber dieses in seinen Knabenjahren oft hat er 
zählen hören, daß Streibelein nach Verlassen des 
Pfarrhauses ein kleines Hänschen in dem Dorfe 
bezogen und über der Hausthür die Inschrift ange 
schrieben habe: „In diesem kleinen Hauselein da 
wohnt der Herr Pfarrer Streibelein". Und trotz 
seiner zweimaligen Kassation wurde dieser Mann 
1819 wieder Pfarrer zu Oetmannshausen, aber auch 
dort durch Obergerichtserkenntniß wieder abgesetzt, 
starb aber bevor das Oberappellationsgericht gesprochen 
hatte, den 3. Juni 1834. Schreiber dieses hat in 
den 40er und 50er Jahren einen Verwandten oder 
Nachkommen jenes Pfarrers gekannt, welcher nach 
Absolvirung des Kasseler Gymnasiums Theologie 
studirte und ein sehr braver und frommer junger 
Mann war, leider aber als Kandidat der Theologie 
hu Dienst der Jrvingianischen Gemeinde früh starb. 
Aus Heimath und Fremde. 
Gegenwärtig verweilt Ihre Majestät die deutsche 
Kaiserin Auguste Victoria mit vier Söhnen, 
dem Kronprinzen Wilhelm, dem Prinzen Friedrich 
Eitel, Adalbert und August Wilhelm auf Schloß 
Wilhelmshöhe, um dort nach der anstrengenden 
Badekur in Kissingen einige Zeit in Ruhe und 
Zurückgezogenheit zu verbringen. 
Das Augustheft der „Deutschen Rundschau" ent 
hält die vierte Abtheilung von Julius Rodenberg's 
„Franz Dingelstedt, Blätter ans seinem
	        

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