Full text: Hessenland (3.1889)

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„Es giebt deren noch mehr, für gewisse fein 
schmeckerische Amtsrichter". 
Die Lokomotive pfiff. Ein sarkastisches Lächeln 
war das Letzte, was der Kassierer von seinem 
entschwindenden Freunde erkannte. 
Eilend verließ der Bankbeamte den Bahnsteig 
und suchte seine weit gelegene Wohnung so rasch 
wie möglich zu erreichen. 
* * 
* 
Der nächste Morgen im Hause Löpcl dämmerte 
trüb herauf, nicht nur als naßkalter, düsterer 
Januar-Tag, sondern auch auf dem Antlitz der 
jungen Hausfrau, und als der Kassierer zum 
Morgenkaffee in's Wohnzimmer kam, wußte er mit 
einem einzigen Blick unter die gesenkte zierliche 
Morgenhaube, daß das Geschmolle noch im besten 
Zuge sei. 
„Guten Morgen Anna!" sagte er. 
Für die Schmolltage war der Morgenkuß 
stets ausgesetzt. Nur halblaut wurde ihren 
Lippen ein gnädig gewährtes „Guten Morgen" 
abgerungen. 
Herr Löpel begann seine Kur. 
„Lalala, lala, la, la!" trällerte er, und be 
trachtete im ovalen Goldrandspiegel den Sitz 
seiner Kravatte; dann fing er an zu pfeifen. 
Der Kopf mit der hübschen Morgenhaube 
schnellte in die Höhe und die unter derselben 
befindlichen braunen Augen richteten sich in ver 
letztem, erstauntem Ausdruck auf den fröhlichen 
Sänger. 
Der Kaffee dampfte in den Tassen, und das 
Frühstück zum Mitnehmen, welches Herr Löpel 
Auf dem Melersberg bei Fulda. 
Es ragt von der Bergesspitze 
Ein Kirchlein altersgrau, 
Sankt Benedikt's wack're Söhne, 
Die schufen einst den Bau. 
Sie ebneten unverdrossen 
Den Fels zum Fundament, 
Wo seit elfhundert Jahren 
Die ew'ge Leuchte brennt. 
Von Stein zwei Königsgestalten, 
Die grüßen von der Wand, 
Auf hohen Stühlen thronend, 
Das Szepter in der Hand. 
Doch höher als diese Mächt'gen 
Ein Dritter schaut herab: 
in dem Bankinstitut verzehrte, lag fein säuberlich 
neben seiner Tasse auf dem Teller bereit. 
Der Kassierer setzte sich seiner stumm kasice- 
trinkenden Ehehälfte gegenüber; sic steckte die 
feine Nase in die Kaffeetasse, und wenn die 
schmalen Lippen unbeschäftigt waren, zogen sie 
sich wie in verbissenem Groll zusammen. 
„Schlafen die Kinder noch?" fragte Löpel als 
Anregung. 
„Hm!" erwiederte Frau Anna, statt eines „ja". 
Lange Pause. — 
„Ha, ha, ha! War gestern köstlich beim 
Amtsrichter, famose Sitzung! Gehe heute wieder 
zu ihm", erzählte Löpel sehr heiter der jungen 
Frau. Das Gesicht wurde länger. 
Pfeifend suchte der Hausherr im Papierkorb 
nach einem großen Couvert zum Einwickeln 
seines Brotes; bald sing seine Lustigkeit an, ihm 
selbst Spaß zu machen. 
„Adieu Anna!" Singend ging er zur Thür 
hinaus. — 
Um 1 Uhr mittags kam Richard Löpel zurück 
und trug dieselbe Lustigkeit zur Schau. Die 
Gegenwart der Kinder erleichterte ihm die Sache 
sehr; dennoch mußte er dem Freunde am Abend 
bei Howald berichten, daß er die Stimmung 
seiner Frau durch seine auffallende Lustigkeit nur 
verschlimmert habe. „Nun, dann kommt einfach 
die Kur Numero 2", sagte der Amtsrichter. 
„Morgen tobst du um jede Kleinigkeit, die dir 
in den Weg kommt, los; fängst bei jeder Gelegen 
heit ungeheuerlich an zu schelten." Das war 
der Rath des Weiberkenners. 
(Fortsetzung folgt.) 
Nicht Krone und nicht Scepter, 
Er trügt den Hirtenstab. 
Ein räthselhaftes Bildwerk. 
Das Mancher sinnend schaut: 
Was dachten wohl die Mönche, 
Als sie es aufgebaut? — 
Sie blickten hinab zum Thalgrund — 
Ein Lichtheerd strahlte dort, 
Im Waldesdunkel entzündet 
Durch Winfried's Schöpferwort. 
Drum stellte des Bildner's Meißel 
Den Stifter größer hin, 
Als jene gewalt'gen Herrscher 
Fürst Karlmann und Pipin. 
Die stehen ihm stark zur Seite, 
Mit königlicher Macht 
*i—^—!*
        

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