Full text: Hessenland (3.1889)

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gaugeitcit Morgen nnd ihre kanin zu glaubenden 
Folgen. „Siehst du", sagte er zum Schlüsse, 
„es ist das beste Weib von der Welt, fleißig, 
ordentlich wie wenige, gesund, eine gute Mutter 
und Hausfrau, dabei anspruchslos; aber . . 
„Aber! sie hat ihre Brummtage!" 
„Ja, leider! Die kleinste Mißhelligkeit ruft 
bei ihr ganz nnmotivirtes Schmollen hervor, 
wovon sie sich daun nicht so rasch wieder los 
reißen kann, und — diese Tage sind ganz 
nnansstehlich!" 
„Ja, das begreife ich." 
„Wahrhaftig, wir hätten alle Ursache glücklich 
zn sein. Die Kinder sind ans dem Gröbsten 
heraus; wir haben unser gutes Auskommen; 
aber dieses Schmollen, dies Empfindlichsein über 
eine Kleinigkeit kommt wie der Blitz aus heiteren 
Himmel, und fängt an, sich bedenklich oft zu 
wiederholen". 
„Obgleich es ja noch schlimmere Fehler giebt, 
ist's doch störend in der Ehe. Mußt's ihr ab 
gewöhnen, der Frau Anna". 
„Leicht gesagt". 
„Ach, was! Ich wollte es ihr schon abgewöhnen. 
Aber das ist eben der Fehler, in den alle Ehe 
männer verfallen. Schmollt die Frau — so 
wird besorgt gethan, ängstlich gefragt, am Ende 
noch gar getröstet." 
„Du hast klug reden! Habe mal erst 'ne 
Frau!" 
„Werde mich hüten! Jetzt aber in allem 
Ernst: Wie lange brummt deine Frau denn 
gewöhnlich?" 
„Manchmal zwei, zuweilen drei Tage, es ist 
auch schon vorgekommen, daß sie fünf Tage 
schmollend im Hause herum ging." 
„Na, höre mal, dann ist es aber höchste Zeit 
zu einer Radikalkur, sonst hast du es für immer 
verdorben!" 
„Mir wird selbst bange dabei, und es ist mir 
auch der Kinder wegen unangenehm". 
„Gewiß, gewiß! und vor allen Dingen macht 
mau sich das Leben doch nicht so uunöthiger 
Weise schwer". 
Der Beamte seufzte, und klemmte die Nase, 
die etwas laug und schmal ausgefallen war, 
verdrossen zwischen Daumen und Zeigefinger. 
Nach einigem Stillschweigen erhob sich der 
Amtsrichter, legte die Hände ans den Rücken 
und schritt mit gesenktem Kopf einigemal wuchtig 
in dem engen Raum auf und nieder, ungefähr 
so. wie ein gefangener Löwe im Käfig. Plötzlich 
blieb er vor seinem Freunde stehen, beugte sich 
über den schmalen Tisch, legte ihm beide Hände 
auf die Schultern und sagte: 
„Jetzt gebe ich dir einen freundschaftlichen 
Rath, altes Hans: Fange gleich morgen eine 
Probekur au: Wenn deine Hausfrau schmollt, 
sei du am Tage teufelsmüßig lustig, und am 
Abend gehe obendrein aus". 
, „Das kaun ich nicht!" 
„Du mußt! Ich will dir zu Liebe auch die 
langweilige Eisenbahufahrt machen und dir die 
Zeit vertreiben." 
„Wem, ich fast den ganzen Tag außer dem 
Hause zubringe und ein behagliches Heim habe, 
mag ich mich am Abend, ausgenommen, wenn 
ich es dir zu Liebe thue, nicht in Restaurationen 
herumdrücken." 
„Es ist ja aber nicht behaglich bei dir!" 
„Das geht vorüber." 
„Nein, das wird immer schlimmer, glaube es 
mir!" 
„Du könntest am Ende recht haben, die Sache 
will überlegt sein", sagte der Kassierer und sah 
nachdenklich eine Weile vor sich nieder; dann 
richtete er sich willensstraff in die Höhe, 
trommelte mit der mageren Hand auf den Tisch 
und fügte schmunzelnd hinzu: 
„Gut, ich will auf deine Rathschläge eingehen; 
aber sehe ich, daß du dich auf die Erziehung der 
Frauen so gut verstehst, kannst du dich heilig 
darauf verlassen, daß ich mir einen Kuppelpelz 
frei bit toethteite“ 
„Hat keine Noth!" Der Amtsrichter winkte 
wegwerfend mit der großen Hand und zog die 
Uhr heraus. „Alle Wetter, ich muß eilen, sonst 
bleibe ich hängen!" 
„Ist's schon so an der Zeit?" 
„Die allerhöchste. Du kommst doch mit auf 
die Bahn?" 
„Natürlich." 
Beide Herren rüsteten sich schnell; der eine 
griff nach seinem Schlapphut, der andere erfaßte 
seinen halbhohen, braunen Filz und massiven 
Stock; sodann hoben sie die Portiere auseinander 
und durchschritten eilig den jetzt dicht besetzten 
Borraum. 
Wie ein Planet der Sonne, so folgte der 
Kellner mit der Serviette unter dem Arm den 
Herren bis zur Ausgangsthür, um diese dienst 
eifrig aufzureißen; er hatte eine unbegrenzte 
Hochachtung vor der freigiebigen Hand des Amts 
richters. 
Der Bahnhof war bald erreicht. Bei dem 
zweiten Glockenzeichen streckte Max Binder dem 
Freunde noch einmal die fleischige Hand znm 
Coupofenster heraus und sagte: 
„Adieu Richard! Also, auf morgen: Land 
graf werde hart! Es wird so lange mit allen 
möglichen Gegenmitteln gekämpft, bis du mir 
sagst: sie schmollt nie mehr. Schade sonst um 
die hübsche Frau".
        

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