Full text: Hessenland (3.1889)

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Der Tod hat eine Lücke gerissen; in weiten 
Kreisen wird man im Hessenlande schmerzlich 
den Verlust des trefflichen Mannes empfinden, 
der am vergangenen Freitag Nachmittag in 
seiner Heimathsstadt Gudensberg zur letzten Ruhe 
bestattet wurde. Ich glaube sagen zu dürfen: 
Alle, die so zahlreich herbeigekommen waren, 
um Herrn Christian Nöll die letzte Ehre 
zu erweisen, haben gefühlt, daß der Tod dieses 
Mannes ein Ereigniß war, dessen Bedeutung 
die Grenzen der Familie weit überschritt; den 
meisten aber ging der Verlust wirklich tief zu 
Herzen. Das machte das echt Menschliche, was 
in der Persönlichkeit, in dem Charakter des 
Mannes lag, der, wie selten ein Anderer, das 
Vertrauen seiner Mitbürger ein Menschenalter 
hindurch in vollem Maaße genossen hat. 
Christian Nöll war am 19. Dezember 1826 
in Gudensberg geboren; obgleich der jüngste 
Sohn, erbte er doch, da die Brüder, zum Theil 
in reiferem Alter, vor ihm starben, das väter 
liche Gut, das er im Lause der Jahre wesent 
lich verbesserte und vermehrte. Aber das Feld, 
auf dem er hauptsächlich gewirkt hat, war ein 
anderes. Nicht nur hat er seit Langem in dem 
Rathe seiner Vaterstadt gesessen; im Jahre 1863 
wurde er zuerst in den kurhessischen Landtag 
gewühlt, dem er bis zum Jahre 1866 angehörte. 
Vom Jahre 1868 an war er sodann dauernd 
Mitglied des hessischen Kommunallandtages und 
des Landesausschusses. Im Herbst des letzt- 
vergangenen Jahres wurde er vom Wahlkreis 
Melsungen-Fritzlar als Vertreter in das preußi 
sche Abgeordnetenhaus gesandt, in welchem er 
sich der konservativen Partei anschloß. Aber 
das jäh auftretende Herzleiden, das sich zuerst 
in Berlin heftig bemerkbar machte, und dann 
sein kürzlich erfolgter, früher Tod, — war er 
doch noch nicht 63 Jahre alt, — ließen ihn 
der ncuerrnngenen Stellung nicht lange genießen. 
In Marburg, wo er Heilung suchte, schied er 
am 23. Juli aus diesem Leben. 
Christian Nöll hat als Mitglied des Kommnnal- 
landtages und des Landesausschusses viel Gutes 
gewirkt. Was an segensreichen Anstalten seit 
20 Jahren in Hessen ins Leben gerufen worden 
ist, hat er helfen zu Stande bringen. Dabei 
war er frei von jeglicher Selbstsucht, ein makel 
loser Charakter. Vor Allein aber war er ein 
treuer, zuverlässiger Freund. Auf sein Wort 
konnte man bauen, und wo er helfen konnte, 
war es ihm eine wirkliche Freude, ein Herzens 
bedürfniß, dies zu thun; den Dank aber suchte 
er stets von sich abzuwehren. Er hat den Ein 
fluß, den ihm seine Stellung in weiten Kreisen 
sicherte, nur in gutem Sinne verwerthet: das 
zeigt die allgemeine Theilnahme, die ihm folgt. 
Aber eben dieses ächt Menschliche, das — wie 
ich oben schon sagte, — in seinem Charakter 
lag, das sich in allen seinen Reden kundgab, 
war es, was ihm hinwiederum das Vertrauen 
seiner Mitbürger sicherte. Er war, was der Dichter 
eine Persönlichkeit nennt; d. h. er war ein in 
sich abgeschlossener, ursprünglicher Charakter, dem 
nichts Fremdes anklebte; wenn er sprach, leuch 
teten seine blauen Angen, die Muskeln des 
Gesichtes waren in lebhafter Bewegung, und 
Niemand, der mit ihm zusammen kam, konnte 
sich dem Eindruck seiner Worte entziehen. In 
allen Verhältnissen, in die er cingriff, mußte 
mit ihm gerechnet werden. 
Mir selbst wie meiner Familie war er ein 
treuer Freund und ist eines liebevollen Andenkens 
sicher! 
Kugo jSrUHlUT. 
Me schmollt. 
Novrllelle von M. Friedrich stein. 
(Fortsetzung.) 
„Es scheint so", erwiderte der Kassierer ge 
zwungen lächelnd. 
„Nun aber Scherz bei Seite; mache nicht so 
ein Gesicht wie der betrübte Lohgerber, dem die 
Felle fortgeschwommen sind, sondern vertraue 
dich mir, deinem treuesten Freunde. Du weißt, 
ich habe deine hübsche Frau gern, kenne aber 
die Schwächen des weiblichen Geschlechtes besser 
wie du, und weiß vielleicht Rath. Was hat's 
denn gegeben?" 
„Ach, eine ganz lächerliche Bagatelle, kaum 
der Rede werth!" 
Die Ueberredungskunst des hellsehenden Amts 
richters löste dem mehr ideal beanlagten Freunde 
die Zunge, und mit halblauter, unterdrückter 
Stimme schilderte er ihm die Szene am ver-
        

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