Full text: Hessenland (3.1889)

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Die Ankunft des Belagerungsheeres rettete dann 
das Kloster vor weiterer Zerstörung. 
In den letzten Tagen des Juli nahte sich 
das Heer des Herzogs von Burgund, wie 
der Chronist berichtet, mit unglaublicher 
Schnelligkeit, einem reißenden Strome vergleich 
bar. Das Klirren der Waffen, das Wiehern 
und Stampfen der Rosse, der Stimmen ver 
worrener Schall und das Rasseln der Wagen 
und Geschütze kündete seine Ankunft schon drei 
Stunden im Voraus an. ') Die Zahl der 
') Ebenda S. 414. 
Streiter wird verschieden, von einzelnen bis zu 
60 und 80,000 angegeben, belief sich aber in 
Wirklichkeit wohl nicht höher als auf 13 — 14000?) 
Am Abend des 29. Juli erschien Karl auf 
der Anhöhe im Südwesten der Stadt, dem sog. 
Sandberge bei dem Dorfe Holzheim. 
') So die Chronik I o h. Knebels (Basler Chro 
nisten II, 436). Vgl. auch Löh rer, Gesch. der Stadt 
Neuß, S. 147. 
(Fortsetzung solgt.) 
Hur Geschichte von Mlhelmsyöhe. 
Von U. Neuber. 
(Fortsetzung.) 
So ließ er denn auch am Schlosse Weißen- 
stein nicht allein mehrfache Reparaturen vor 
nehmen, sondern auch dasselbe bequemer ein 
richten , und in dessen Nähe, unter mühe 
voller Abtragung von Hügeln und Ausfüllung 
von Tiefen nach dem Habichtswalde einen neuen 
Lustgarten mit verschiedenen Eremitagen (wie die 
Eremitage des Sokrates) und Anpflanzung seltener 
Gewächse anlegen, mit einem großen Bassin von 
268 Fuß im Durchmesser, aus welchem die große 
Fontaine, die ihr Wasser aus dem Sammel 
teiche der Kaskaden erhält, einen gewaltigen 
Strahl entsendet, bei vollem Wasser-Anlasse bis 
zur Höhe von 19» Fuß mit 10 Zoll im Durch 
messer. Die Leitung dieser Arbeiten besorgte der 
General-Lieutenant von Gohr. 
An der Stelle der sehr verfallenen Moritz- 
Grotte wurde eine neue Grotte angelegt, welche 
das Reich der Unterwelt vorstellen sollte und den 
Herrscher derselben Pluto — daher die Bezeichnung 
Pluto-Grotte — mit seiner Gemahlin Pro- 
serpina, umgeben von höllischen Gestalten und 
Ungeheuern, namentlich dem dreiköpfigen Höllen 
hunde Zerberus, enthielt (zum großen Theile jetzt 
verschwunden). 
Außerdem ließ Friedrich II. das noch jetzt 
vorhandene Gasthaus zur Aufnahme der von 
Nah und Fern kommenden Besucher der schönen 
Anlagen erbauen (1767), ferner das chinesische 
Dörfchen Moulang (Mu-Lang) mit Moschee 
und Pagode, und die Fasanerie, sowie die schnur 
gerade Linden-Allee bis beinahe nach Kassel anlegen. 
Engelhardt in seiner Erdbeschreibung der hessischen 
Lande') bemerkt dazu: 
i) Thl. I. S. 171. 
„und dadurch den Weg dahin, (nemlich nach 
Cassel), der sonst auf zwo Stunden gerechnet 
wurde, um eine halbe Stunde und mehr 
verkürzen lassen, sodaß er mit einem nur 
müßigen Fuhrwerke in einer halben Stunde 
bequem gefahren werden kan." 
Uebrigens verlief die Straße nicht bis Kassel 
in gerader Richtung, sondern machte au dem jetzt 
s. g. Rondel, wo damals eine Backstein-Brennerei 
lag, eine Wendung und zog sich dann in einem 
Bogen bis zum W e i ß e u st c i u e r Thore hin, 
vor dem sich allmählich die W e i ß e n st e i n e r 
Vorstadt entwickelt hatte. Da diese Biegung 
bald nicht mehr höheren Orts zusagen mochte, 
wurde die Straße zur Stadt hin in gerader Linie 
fortgesetzt (1776) und schloß bei derselben ab mit 
dem Neuen Will)elmshöherThöre, da 
mals Königsthor, genannt, welche letztere Be 
zeichnung später auf das Weißensteiner Thor 
übertragen worden ist') und für dies noch heut 
zu Tage besteht. 
Auch ließ er an den Kaskaden schon damals 
nothwendige Reparaturen vornehmen, und zwar 
an allen Theilen derselben, sowie der Neptuns- 
Grotte, der Pan's- oder Pvlyphem-Grotte^) mit 
den Vexirwassern, und dein Riesenschlosse selbst, 
und hinter der Polyphem-Grottc, im Felsen eine 
Wasser-Orgel anlegen durch den Hof-Orgelbauer 
Georg Peter Wilhelmi (1778), welche sechs 
') Hoffmeister, Geschichte von Kassel S. 296. Amtt. vgl. 
Sammlung Fürst!. Hess. Landes-Ordnungen Bd. VII. S. 
185, woselbst eine darauf bezügliche Anzeige des Gouverne 
ments v. 21. Aug. 1798 mitgetheilt wird. 
2) Die Mittel-Figur ist eine Riesen-Gestalt auf einer 
Hirtenpfeife blasend, von den Meisten für dm Zyklopen 
Polyphem gehalten.
        

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