Volltext: Hessenland (3.1889)

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lichen Antrag, aber zu einem wohlgesetzten ausführlichen 
Schreiben an den Vater des Mädchens, den Herrn 
Dekan und Kirchenrath Gebhardt zu Kirchberg, 
einem zwischen Gießen und Marburg gelegenen Dorf. 
In diesem Schreiben bat er den Herrn Dekan um 
die Hand seiner Tochter Marie Sophie und erhielt 
nach einigen Tagen der Ueberlegung ihr Jawort. 
Nachdem dieser große Schritt gethan war, machte 
sich für den Herrn Professor alles Weitere von selbst. 
Das heißt: er that gar nichts, ließ es aber gern ge 
schehen, daß die Braut und deren Eltern eine passende 
Wohnung suchten, in welcher auch der Schreibtisch 
und die Bücher des Gelehrten einen guten Platz fanden, 
daß sie für die Ausstattung sorgten und den Tag 
der Hochzeit auf den ln. Juli 1802 festsetzten. Und 
er kam endlich der große Tag der Vermählung. Alle 
Räume des Hauses waren festlich geschmückt, die Ver 
wandten und Freunde halten sich pünktlich eingestellt, 
in der Küche herrschte ein geschäftiges Treiben, die 
Brautjungfern nebst der Braut harrten des Ganges 
zur Kirche und der Herr Dekan schritt im Ornat in 
seinem Zimmer auf und ab, noch einmal seine Trau- 
Rede überdenkend. Kurz alles war bereit; es fehlte 
nur — der Bräutigam. Man wartete in peinlicher 
Spannung, man schaute ungeduldig auf den Weg 
nach Gießen, die festgesetzte Stunde war längst vorüber; 
aber derjenige, ohne welchen die Feierlichkeit doch nicht 
stattfinden konnte, war immer noch nicht zu sehen. 
Da warf sich der Bruder der Braut auf ein Pferd, 
sprengte nach Gießen vor das Haus des künftigen 
Schwagers und eilte in das Innere. Ueberall laut 
lose Stille und kein Mensch zu sehen. Endlich dringt 
er in das Allerheiligste, in das Studirzimmer. Und 
was sieht er? Da sitzt der Herr Professor im Schlaf 
rock und Pantoffeln, umgeben von einem Wall großer 
und kleiner Bücher, und saugt, emsig wie eine Biene, 
aus ihnen den Stoff zu einem neuen Buch. „Aber 
um Gottes Willen wo bleiben Sie denn?" ruft der 
Eintretende. „Wissen Sie denn nicht, was für ein 
Tag heute ist?“ Verwundert erhebt sich Künöhl von 
seinem Stuhl und fragt: „nun was für ein Tag ist 
denn heute?* Jetzt konnte sich der junge Mann 
nicht mehr halten und schrie den Andern mit lauter 
Stimme an: „Es ist ja Ihr Hochzeitstag! Schon 
seit mehreren Stunden warten wir auf Sie!" Wie 
aus einem Traum erwachend, schlug sich der Professor 
vor die Stirn und rief: „Ach wie hat mich mein 
Studium beihört! Was muß meine Braut von mir 
denken! O mein Bester, helfen Sie mir, daß wir 
schnell nach Kirchberg kommen! 
Und sie kamen hin. Freilich war die Feststimmung 
tief gesunken. Die Braut trat dem vergeßlichen 
Mann mit verweinten Augen entgegen, die Gäste 
waren verstimmt, und die saftigen Braten waren ver- 
prötzelt; aber desungeachtet ging die Trauung ordnungs 
mäßig vor sich, ja bei dem Hochzeitsmahl thaten die 
Weine diesmal ganz besonders ihre Schuldigkeit und 
begeisterten zu den heitersten Trinksprüchen. Was 
aber das Beste war, die Braut wurde später, nachdem 
sie den Schmerz über die Vergeßlichkeit ihres Ver 
lobten verwunden hatte, an der Seite ihres herzens 
guten Mannes eine glückliche Frau. K. W. 
Als ich in Nr. 8 (Jhrg. 1889) des Hessenlandes 
einige Aufzeichnungen aus 2 alten Kalendern 
(1573 und 1580) veröffentlichte, konnte ich als den 
Verfasser jener einen in der Gegend von Waldeck 
oder Naumburg damals ansässig gewesenen adlichen 
Herrn vermuthen. Wenige Tage nach der Ver 
öffentlichung hatte der Herr Direktor des Großherzog 
lichen Haus- und Staats-Archivs zu Darmstadt Dr. 
G. Freiherr Schenk zu Schweinsberg die Güte mich 
brieflich darauf aufmerksam zu machen, daß Landau 
bereits die Kalender gekannt und in seinen Samm 
lungen zur hessischen Adelsgeschichte, die sich bekanntlich 
im Besitz der Landesbibliothek befinden, verwerthet 
habe. Landau bezeichne dieselben auf einem Blatte 
des Malsburgischen Aktenpacks als „Hertinghausensche". 
Eine Durchsicht der Landauschen Papiere bestätigte 
diese Angabe insoweit als thatsächlich das Blatt 82 
unter der Ueberschrift „Hertingshn. Kalender 1580" 
7 Einträge aus unsrem Kalender gibt. Die anderen 
Nachrichten scheint Landau, wie ich mich bei weiterem 
Nachsuchen überzeugte,nicht benutzt zu haben; ebenso scheint 
ihm der 1573er Kalender mit seiner Angabe über 
Elswet von der Malsburg entgangen zu sein. Herr 
Freiherr Schenk zu Schweinsberg vermuthet mit gutem 
Grund, daß Landau auf einen Hertinghausen als Ver 
fasser deshalb gekonnnen sei, weil die Beziehungen 
zu den im Kalender angegebenen Familien sehr dafür 
sprächen. Der Umstand, daß der Verfasser in der 
Gegend von Naumburg gesucht werden muß, wo die 
von Hertinghausen damals, wenn auch nicht mehr 
Inhaber der Burg, doch reich begütert waren, stützt 
die Landausche Annahme. Nun bin ich in der Lage 
diese Vermuthung noch wahrscheinlicher zu machen. 
Ein Ausflug, dessen Endziel Schloß Waldeck bildete, 
führte mich vor wenigen Tagen durch Naumburg, und 
hier erfuhr ich, als ich in Erinnerung meiner Kalender 
das Gespräch auf die alten Namen der Umgegend 
brachte, aus dem Munde unseres trefflichen Wirths, 
des Herrn Friedrich Büding daselbst, — was ich 
auf der Niveaukarte des Kurfürstenthums Hessen 
vergebens gesucht hatte, — daß die „Mordtgrube" 
und der „Bolckenhagen", wo der Verfasser der Auf 
zeichnungen Aecker besaß (s. Hessenland S. 120) sich 
als Flurnamen in der Naumburger Feldmark bis auf 
den heutigen Tag erhalten haben. Unser Adlicher 
gehört also thatsächlich nach Naumburg. An wen 
sollte man da aber wohl eher denken als an einen 
Hertinghausen? 
Br. Scherer.
        

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