Volltext: Hessenland (3.1889)

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wahrhaftig noch, um diese Kleinigkeit! Seufzend 
strich er den lang herabwallenden Bart, und 
schritt dem Kinderzimmer zu; auf dem Wege 
dahin murmelte er in sich hinein: 
„Es ist gut, daß heute Mittwoch ist, und ich 
mich mit Max treffe, sonst wäre es nicht zum 
Aushalten!" 
Mit raschem Griff öffnete Richard Löpel dann 
eine der auf den breiten Flur mündenden 
Thüren, und trat bei den Kindern ein, wo ihn 
Heller Jubel empfing. 
Franz, Greil,? und der kleine Otto, alle 
waren gleich entzückt den Papa zu sehen. Es 
gab eine Menge Streit zu schlichten, Verbesserungen 
an Spielsachen zu bewundern, und auch Straf 
predigten zu halten. 
Schnell verflog dem Vater bei dem jungen 
Völkchen die eine Stunde, über welche er vor 
dem Ausgang noch verfügte; dann griff er wieder 
um nach Ueberzieher und Hut, öffnete die Wohn 
zimmerthür und rief hinein: 
„Adieu Anna! Ich treffe mich heute, wie du 
weist, mit Max, bei Howald." 
Die Hausfrau saß am Tisch über ein Haus 
haltsbuch gebeugt; sie hob den Blondkopf. Die 
Hängelampe beleuchtete voll den Ausdruck ihres 
zarten Gesichtes; er deutete — auf sieben Tage 
Regenwetter. 
„Ach heute ist Mittwoch." Das war Alles, 
was sie mit gleichgültigem Ton erwiderte; 
sie hob kaum die Lippen auseinander, und die 
braunen Augen sahen theilnahmslos in's Leere. 
„Na, dann Adieu!" 
Heftig machte der Bankbeamte Kehrt, und eilte 
zur Thüre und zum Vorgang hinaus; draußen 
auf der Treppe lüpfte er noch einmal den weichen 
Schlapphut und murmelte: 
„Das verdammte Gebrumme!" 
Nachdem der Enteilende mehrere Straßen durch 
wandert war, auch für einen Theil des Weges 
Pferdebahn benutzte; machte er Halt vor einem 
mittelgroßen' Hause. An diesem Hause machten 
sich hauptsächlich die Parterre-Fenster bemerkbar; 
zwar wurden sie von dichten, gelben Vorhängen ver 
hüllt ; aber sie trugen mit großen, weißen, weithin 
lesbaren Buchstaben, Inschriften, wie: Kaffee, 
Wein, Warme Speisen, u. s. w. Einigen Scheiben 
hafteten außerdem noch papperne Lockvögel mit 
den Worten: „Echt Pilsener Bier!" an. 
In diese Schlemmer-Höhle von Howald drang 
der Bank-Kassierer so sorglos ein, als ob er sich 
darin ziemlich heimisch fühle. Es war nun aller 
dings auch sehr behaglich dort. 
Beim Eintritt kam er in einen großen Raum, 
in welchem erst einzelne Gäste vorhanden. Dem 
zufolge herrschte noch musterhafte Ordnung vor, 
und befrackte Kellner drückten sich unbeschäftigt 
darin herum. 
Zur unteren Hälfte waren die Wände desselben 
mit Holztäfelung versehen, die obere schmückten 
Wandmalereien. Kleine Tische init rothen Decken 
und Untersätzen für die Bierglüser versehen, waren 
im Raum vertheilt. Am Büffet harrte eine 
junge Dame auf die etwaigen zu erwartenden 
Befehle der zukünftigen Gäste; kokett blickte sie 
unter ihren braunen Simpelfranzen auf die statt 
liche Gestalt des eintretenden Beamten. 
Achtlos ging dieser jedoch an allen Herrlichkeiten 
vorüber, und auf ein kleines Eckzimmer zu, welches 
durch eine tief geraffte Portiere, vor den Blicken, 
der im großen Restaurationsranme Anwesenden, 
fast ganz verborgen blieb. 
„Kommst du endlich, Richard!" so tönte es 
dein Kassirer in urkräftigem Baß entgegen. 
Ein Mann in den besten Jahren hob das 
Antlitz von einem Band „Fliegender Blätter", 
mit welchem er sich wartend unterhalten. 
„Schon lange hier, Max?" fragte der Ein 
tretende und entledigte sich der für's Zimmer 
überzähligen Kleidungsstücke. 
„Verteufelt lange, wenn man allein sitzt!" 
„Wie kommt es denn, daß du heut' so früh 
hier bist, Amtsrichterchen?" 
„Habe den Neunuhr-Zug benutzt und meine 
Geschäfte rascher erledigt." 
„Nun sage mal: wäre cs denn nicht viel ge- 
scheidter, du verlebtest den Mittwoch- und Sainstag- 
Abend lieber bei uns in aller Gemüthlichkeit?" 
„Nee, nee, nee, nee! Erstens wohnt ihr zu 
weit vom Bahnhof, und dann will ich meine 
Freiheit behalten!" 
Der Amtsrichter sprang vom Ecksopha empor, 
warf das Journal auf den Tisch, und streckte 
seine untersetzte Gestalt, wie jemand, der vom 
langen Sitzen steif geworden; er faßte den Freund 
dabei etwas schärfer in's Ange, trat plötzlich 
rasch zu ihm und sagte ironisch und anknüpfend 
an des Freundes Aufforderung: 
„Und übrigens alter Junge, siehst du mir 
verdammt wenig nach Gemüthlichkeit bei euch 
aus! Ich habe cs dir gleich angemerkt, kenne 
das Gesicht; habe etz schon öfters an dir beob 
achtet, und verlange Beichte. „Halt!" rief er, 
als der Freund etwas erwidern wollte. „Erst 
essen und trinken, dann Cigarren anrauchen, 
und dann schwatzen!" 
„Was essen wir?" fragte Löpel. 
„Ja, siehst du Richard, wenn du nicht einen 
so verständigen, praktischen Freund hättest, mäßest 
du dich noch lange gedulden; aber so: gieb Acht!" 
Der Amtsrichter drückte auf den Telegraphen, 
und sofort kam ein schwalbenbeschwänzter Kellner 
gesprungen.
        

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