Full text: Hessenland (3.1889)

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an der fränkischen Saale, unweit Hammelburg, 
behandelt und die glänzendsten Erfolge erzielt, 
so daß der „Saalecker" zu den besten Weinen 
Deutschlands zählte. Hatten doch Fuldaer 
Fürsten auf dem Dammersfelde an der Rhön 
eine große Schweizerei angelegt, um den dort 
gewonnenen Dung nach den an 8 Stunden ent 
fernten Saalecker Weinbergen verbringen und 
dort zur Verbesserung des Bodens verwenden 
zu lassen. 
Hofkellermeister Schild ließ die Weinberge an 
dem Johannisberge großen Theils mit Saalecker 
und Rüdesheimer Reben neu anpflanzen, die 
Lese bis zum Spätherbst — Anfang Novem 
ber — verschieben, bei dieser die guten und über 
reifen Trauben von den schlechtem und minder- 
reifen sorgfältig sondern und beide Trauben 
sorten besonders keltern. Nach einem Alter von 
zwei Jahren wurden die guten Weine — der 
Ausbruch — nach Fulda geführt, in, dem 
Keller des Orangeriegebäudes, dem sog. Johan 
nisberger Keller, gelagert und höchst vorsichtig 
behandelt. Sie wurden in der Regel nur in 
versiegelten Flaschen, anfangs und lange zu sehr 
billigen, seit dem Jahre 1803 aber, nachdem 
das Fürstenthum Fulda in den Besitz des Erbprin 
zen Wilhelm Friedrich von Dramen übergegangen 
war, zu weit höheren Preisen verkauft,* *) die 
schlechteren und Zinsweine aber auch faßweise 
abgegeben. 
Die Einführung der späten Lese am Johannis 
berg ist übrigens einem Zufall zuzuschreiben. Das 
Vorkommniß ist interessant genug, um hier 
wiedergegeben zu werden. Am Johannisberg 
wirkten zwei Patres des Fuldaer Benediktiner 
stiftes. Das Amt des einen Paters hatte, wie 
Karl Braun sagt, einen mehr „vinikolen", denn 
geistlichen Charakter. Er war Kellermeister, 
ihm stand, nebenbei bemerkt, außer der Ver 
waltung des Gutes und der Pflege des 
Weinbaues auch die Aufsicht über jene unter 
irdischen Räume zu, welche die Bezeichnung 
„bibtivtlieea subterranea“ trugen, deren werth - 
vollstes Werk: das beste Faß „nutriinenturn 
Spiritus", „Nahrung des Geistes" , genannt 
wurde —, dem anderen Pater lag die 
Seelsorge auf dem Johannisberge ob. Der 
Pater Kellermeister hatte u. a. auch die Ver 
pflichtung, im Herbste, wenn die Trauben reif wurden, 
durch einen Boten Proben derselben nach Fulda zur 
Bestimmung der Lese bringen zu lassen. Be 
sagter Bote erkrankte nun in Steinau oder Schlüch 
tern — die lose Welt von damals soll behauptet 
haben, er habe unterwegs zu viel gezecht — 
*) Die Rasche 1775er Johannisberger, die im Jahre 
1802 nur 4 Gulden und früher noch weniger kostete, 
wurde nunmehr um 12 Gulden verkanft. 
und traf in Folge dessen erst 14 Tage später 
in Fulda ein. Dadurch war die Lese verzögert 
und gerade durch dieses späte Einherbsten wurde 
der vorzügliche 1775er erzielt, der sich nament 
lich durch sein feines „Bouquet", die „Blume", 
auszeichnete. Für die Folge wurde die Lese am 
Johannisberg stets spät angesetzt, und da sich 
diese Neuerung bewährte, so fand sie auch bald 
Nachahmung im ganzen Rheingau. 
Ganz außerordentlich begünstigt ist der Jo 
hannisberg durch seine Lage, sie beeinflußt fast 
mehr noch die Güte seines Weines, als der 
Boden. Nach dem Ausspruch des berühmten 
Oenologen Wilhelm von Hamm*) ist eine dem 
Weinbau gleich günstige Lage nur noch in der 
Gironde und in dem Hegyalljagebirge (Ungarn) 
anzutreffen. Der Berg selbst steht auf Thon 
schiefer. Nach den Analysen Liebig's ist der 
Boden des Schloßweinbergs ein eisenhaltiger 
Thonboden von sehr wechselnder Zusammen 
setzung je nach der Himmelsgegend; der Thon 
gehalt beträgt 8,3 bis 14,62, der Eisengehalt 
5,54 bis 8,84, die Bittererde — auf deren An 
wesenheit die Weinbauer besonderes Gewicht 
legen 0.43 bis 1,62, der Kalk 0,86 bis 7,57, 
Kali 2,73 bis 6,35 und Kieselerde 65,46 bis 
67,36 Prozent. Die Vorzüge des Johannis 
berger Weines sind neben größter Reinheit 
höchst angenehmer, lieblicher Geruch und Ge 
schmack , gewürzhafte Süße, Konsistenz und 
Stärke in unübertreffbarem Einklang. Karl 
Braun, der treffliche wackere Weinkenner, schil 
dert uns in seinem Artikel über den Johannis 
berg *) den Genuß dieses Göttertrankes in der 
ihm eigenen genialen Weise: 
„Stoßen wir an: Gesegnet sei der Rhein! Merken 
Sie, wie der Duft des Weines das Zimmer erfüllt ? 
Wenn wir sie nur sehen könnten, die luftigen Gestal 
ten, die um uns her ihr Wesen treiben. Fühlen 
Sie nicht, wie der edle Saft in Ihr Inneres 
dringt gleich konzentrirtem hellen Sonnenschein, 
der sein lustiges Licht leuchten läßt, sein be 
lebendes Licht über jede Faser Ihrer Nerven 
und Ihres Gehirns?" 
„Das ist aber auch eine Anhäufung tausend 
jähriger Kultur", deren wir uns erfreuen. Tau 
send Jahre mußte der schaffende Geist und die 
fleißige Hand von vielen menschlichen Generationen 
sich auf diesen Fleck Landes konzentriren, um 
uns diesen Trunk zu bereiten. Alle sozialen, 
wirthschaftlichen und politischen Gewalten dieser 
*1 Herausgeber des „Weinbuchs", nach dem Tode des 
Verfassers in dritter Auflage, bearbeitet von Freiherrn 
A. von Babo, Leipzig 1886. s. S. 125 flg. 
*) „Bilder aus Nassau, Württemberg und Hessen- 
Darmstadt" in „Bildern aus der deutschen Kleinstaaterei", 
8. Bd. Hannover 1881.
        

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