Full text: Hessenland (3.1889)

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weiterführt, welche alsdann auf 3 Steintreppen- 
Reihen, den sog. Ca s ca den, (die Haupt-Cas- 
caden in der Mitte, die Neben-Cascaden zu 
beiden Seiten) fierunter unter Speisung durch 
zwischenliegende 3 kleinere Bassins in einen Teich 
über der Neptuns-Grotte sich ergießen. 
Die Pyramide auf dem Oktogon sollte nun 
noch mit einer Stein-Figur, zu welcher man den 
farnesischen Herkules ausersehen, gekrönt werden. 
Schon arbeitete man deshalb an einem gewaltigen, 
aus deu Balhorner Steinbrüchen zwischen Bal 
horn und Martinhagen mit Aufwand vieler 
Menschenkräfte herbeigeschafften Sandstein-Blocke; 
jedoch wurde dies bald als unausführbar wieder 
aufgegeben, und begnügte man sich mit Errichtung 
einer aus Kupfer getriebenen Statue, angefertigt 
vom Hof-Kupferschmied Otto Philipp Küper 
und aufgestellt 1717, von deren mühsamen Er 
richtung man sich einen annähernden Begriff 
machen kann, wenn man bedenkt, daß in der 
Keule des Herkules 6 Personen von mittlerer 
Größe Platz haben und man durch eine in der 
Keule angebrachte Oeffnung, welche übrigens 
durch eine kupferne Klappe gegen die Einwirkungen 
der Witterung geschlossen werden kann, die riesigen 
Formen der Figur betrachtet. Vom Fuße der 
Cascaden bis in die Keule zählt man überhaupt 
902 Treppenstufen, und ist die Spitze des Her 
kules 523 Meter = 1830V, Fuß hoch. Weit 
und breit muß auch ein Platz gesucht werden, 
von dem aus man eine ähnliche entzückende Aus 
sicht hat, wie vom Riesenschlosse, namentlich wenn 
man auf der kunstvollen ohne Stütze sich gewisser 
maßen selbst tragenden Wendel-Treppe zur Platt 
form des Oktogons gelangt ist: Auf der einen 
Seite die höheren Berge des Habichtswaldes, auf 
der andern zu Füßen die in drei Reihen neben 
einander laufenden Cascaden mit den uralten 
Tannen links und rechts, dann die großartigen 
Park-Anlagen mit dem Schlosse, die Hauptstadt 
Kassel im breiten Thalkessel, und die zahlreichen 
Dörfer, welche sich malerisch um dieselbe gruppiren, 
und am Horizonte schön bewaldete Bergrücken. 
Bei klarem Wetter schaut man sogar über die 
einheimischen Berge hinausragend die Berg-Spitzen 
der Nachbarländer, wie den Brocken und den 
Jnselsberg. Der Dichter Klopstock soll beim 
ersten Anblick dieser Herrlichkeit zu einem Ein 
geborenen des Landes entzückt ausgerufen haben: 
„Mein Gott! welch' einen großen schönen 
Gedanken hat euer Fürst da in Gottes 
Schöpfung hineingeworfen!" 
Im Munde des Volkes heißt der Herkules gewöhn 
lich „der g r o ß e C h r i st o p h e l," da dem gemeinen, 
nicht in die griechische Mythologie eingeweihten 
Manne die Beziehungen zum heiligen Christophorus, 
dem Träger des Christuskindes, näher liegen. 
Leider fuhren die Nachfolger Karls nicht in 
seinem Sinne fort, durch andere Sachen in An 
spruch genommen. Auch der kunstsinnige Land 
graf Friedrich II. wurde im Anfange seiner 
Regierungszeit (1760—1785) durch die Theil 
nahme am siebenjährigen Kriege, in welchem 
Hessen-Kassel zu den Bundesgenossen Friederichs 
des Großen zählte, von friedlichen Bestrebungen 
abgelenkt. Von den Schlachten und Gefechten, 
welche damals auf hessischem Boden ausgesochten 
wurden, fanden einige auch in Wilhelmshöhe und 
insbesondere um das Riesen-Schloß herum statt. 
Am 12. Februar 1761 hatte Herzog Ferdinand 
von Braunschweig, der Oberfeldherr der preußischen 
Bundes-Armee, von Ehlen aus, wo er sein Haupt 
quartier hatte, das Oktogon sowohl wie das 
fürstliche Schloß durch Jäger besetzen lassen, 
während andere leichte Truppen bis Wahlers 
hausen und Kirchditmold vordrangen. Am 14. 
Februar brach ein Theil der in Kassel liegenden 
französischen Besatzung auf, um einen Versuch zu 
machen, die Verbündeten aus dem Habichtswalde 
zu vertreiben. Am Fuße des Gebirges empfing 
sie aber ein so heftiges Geschütz- und Kleingewehr- 
Feuer, daß sie nach beträchtlichem Verluste und 
unter Zurücklassung von 200 Gefangenen nach 
Kassel zurückweichen mußten. 
Ein anderes Gefecht fand am 22. September 
1761 statt. Die Verbündeten hatten in der Nähe 
des Riesenschlosses einen Posten von 120 Berg 
schotten, welcher von einer Abtheilung Franzosen 
angegriffen wurde. Die Bergschotten mußten der 
Uebermacht weichen und zogen sich kämpfend nach 
dem Oktogon zurück, in welchem sie emporstiegen, 
da sie ihre ganze Munition verschossen hatten. Die 
Franzosen theilten sich in vier Haufen und stiegen 
ihnen, gedeckt von einen! seitwärts aufgestellten 
Posten, dieFreitreppen hinauf nach. DieBergschotten 
flüchteten auf die Plattform, von wo sie Steine u. 
dergl., wahrscheinlich auch einen Theil der Figuren 
und Balustraden, auf die Franzosen schleuderten, 
welche ihnen auf den Fersen folgten. Nach ver 
zweifelter Vertheidigung mit Bajonet und Kolben 
mußten endlich die Bergschotten die Waffen strecken. 
Im folgenden Jahre lagerten nach der Schlacht 
bei Wilhelmsthal (24. Juni 1762), woselbst Herzog 
Ferdinand von Braunschweig einen glänzenden 
Sieg über die vereinigte, 80000 Mann starke, 
französische Armee erfocht, ansehnliche Heeres- 
Abtheilungen am Oktogon. Als aber im Jahre 
1763 „des langen Haders müde" die streitenden 
Theile Frieden geschlossen hatten, konnte Land 
graf Friedrich II. wieder seinem durch den Krieg 
schwer gedrückten Lande seine väterliche Fürsorge 
zuwenden, und wohl bekannt ist, wie er dieselbe 
insbesondere zu Gunsten der Hauptstadt und deren 
Umgebung hat walten lassen. (Forts, folgt.)
	        

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