Full text: Hessenland (3.1889)

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regierte ein in Schwelgerei und Ueppigkeit lebender Fürst. 
Mit ihm waren Tausende von Hungerleidern ge 
kommen, welche nun das Mark des Landes verzehrten." 
Je weiter Stteibelein in seinem Traum kam, desto 
gespannter wurden die Mienen der Zuhörer, und ihre 
Blicke richteten sich auf den Uuterpräfekten, der un 
ruhig auf seinem Stuhle hin und her rückte und über 
legte, ob er dem hochverräterischen Lästermaul nicht 
einen Platz hinter Schloß und Riegel anweisen solle. 
Der Redner aber fuhr, unbeirrt durch das Benehmen 
seiner Tischgenossen also fort: „Ueberall, wohin ich 
blickte, sah ich Schergen und Polizeispione, die jeder 
freien Aeußerung nachspürten, um sie zur Anzeige zu 
bringen. Ja, ich selbst fühlte mich von Gendarmen 
ergriffen, die mich ins Gefängniß schleppen wollten. 
Indem ich nun mit aller Anstrengung meiner Kräfte 
mich aus ihren Armen frei zu machen suchte — wachte 
ich auf und sah das Licht des Tages in mein Schlaf 
zimmer fallen. O wohl mir, rief ich aus, daß das 
was ich eben gesehen, nur ein böser Traum war, daß 
wir vielmehr unter der Regierung des gütigen Königs 
Jerome leben und heute seinen Geburtstag feiern! 
In diesem Gefühl, meine Herrn, lassen Sie uns die 
Gläser erheben und stimmen Sie mit mir ein in den 
begeisterten Ruf: Se. Majestät, unser allergnädigster 
König Jerome, lebe hoch und abermals hoch und zum 
dritten Mal hoch!" 
Die Anwesenden konnten nicht umhin, obgleich mit 
sehr verschiedenen Empfindungen, in den Ruf einzu 
stimmen, Streibelein aber feierte seinen Triumph mit 
mehr als einem Glas Wein. — Nach der im Späl- 
herbst 1813 erfolgten Rückkehr des Kurfürsten Wil 
helm I., dem er drei seiner Söhne als Soldaten zu 
führte und dabei vorstellte, daß er nur wegen seiner 
hessischen Gesinnung abgesetzt worden sei, erhielt er 
wieder eine Pfarrstelle und, soviel bekannt, hat er 
diese würdiger als die frühere verwaltet. K. W. 
Aus Heimat!) und Fremde. 
Das soeben erschienene Juliheft der „Deutschen 
Rundschau" enthält die zweite Fortsetzung von 
Julius Rodenberg's „Franz Dingelstedt. 
Blätter aus seinem Nachlaß." Diesmal be 
schäftigt sich Julius Rodenberg mit Dingelstedt's 
Leben und Wirken in Kassel, wo dieser als wohl 
bestellter Gymnasiallehrer am 13. April 1836 ein 
traf und bis zum Herbste 1838 verblieb. Hochinter 
essant ist diese Schilderung, die uns zunächst ein 
prächtiges Bild von dem humorvollen Treiben Dingel 
stedt's und seiner Freunde V. E. Freys, Eduard 
Wiegand, Friedrich Oetker u. s. w. in dem von ihnen 
eines fröhlichen Abends des Jahres 1838 gestifteten 
„Fürstentage" entwirft. Sie hatten unter sich und 
ihre Freunde „die schöne Welt" vertheilt, und zwar 
folgendermaßen: Wiegand war Kaiser von Oesterreich, 
Oetker König von Schweden und Norwegen, 
Dingelstedt — die jungfräuliche Königin von Eng 
land! Freys war Erzbischof sämmtlicher erledigter 
Bisthümer und zugleich Erzkanzler sämmtlicher Poten 
taten. Als Primas yon Canterbury salbte er die 
jungfräuliche Königin von England, wobei solch ein 
Lärm mit einer Trommel und Trompete die ganze 
Nacht verübt wurde, daß der gegenüberwohnende 
Polizei-Lieutenant drohte, im Wiederholungsfälle alle 
gekrönten Häupter zur Wache sistiren zu lassen. Die 
regelmäßigen Zusammenkünfte fanden abwechselnd bei 
den Potentaten statt, die sich untereinander „Oester 
reich", „Schweden", „Frankreich" rc. nannten und 
zu den resp. Geburtstagen in Gala, d. h. in Schlaf 
rock und Pantoffeln, erscheinen mußten. — Doch 
man lese selbst. — Hiernach folgt der Briefwechsel 
Dingelstedt's mit dem General von Bardeleben in 
Rinteln, der uns tiefe Einblicke in das von innerem 
Unfrieden und Zwiespalt bewegte Gemüthsleben 
Dingelstedt's und in den ehrenhaften Charakter des 
wohlwollenden, geistig hochstehenden und hochgebildeten 
Generals gewährt. — Wir können Julius Roden 
berg nicht genug dankbar sein für seine Veröffent 
lichung dieser Blätter aus dem Nachlasse Franz 
Dingelstedt's, durch die der geistreiche Verfasser uns 
den Dichter in neuem wahren Lichte erscheinen läßt. 
— Unserem Kasseler Landsmann, dem rühmlich be 
kannten Maler Louis Katzen stein, ist auf der 
internationalen Gemälde-Ausstellung im Krystallpalast 
zu Oporto- für sein Bild „An der Toilette" die 
goldene Medaille mit Diplom zuerkannt worden. 
— Die lange Zeit zweifelhafte Entscheidung 
über die Sababurg scheint schon vor meh 
reren Wochen gefallen zu sein. Sind wir 
recht unterrichtet, so ist sie gegen die unversehrte Er 
haltung dieses alten hessischen Jagdschlosses, an 
welches sich so viele uns theure althessische geschicht 
liche Erinnerungen knüpfen, gerichtet. Die Thürme 
und Mauern sollen, so heißt es, in ihrem bisherigen 
Zustande erhalten, die übrigen Theile dagegen nieder 
gelegt werden, und soll mit den betreffenden Ar 
beiten bereits begonnen worden sein. Wir bedauern 
diesen Entschluß, bei dem wohl die Kostenfrage im 
Vordergründe steht und den Sieg über das historische 
Interesse davon getragen hat. 
Krieskasten. 
D. 8. Frankfurt a. M. Die Fortsetzung der historischen 
Abhandlung „Hermann, Landgraf zu Hessen, Kurfürst und 
Erzbischof von Köln", folgt in der ersten Angustnummer 
unserer Zeitschrift. 
G. v. P. Marburg. Erhalten. Wird s. Z. benutzt 
werden. Besten Dank und freundlichsten Gruß. 
H. K. Wetzlar. Unmöglich. 
Verantwortlicher Redakteur und Verleger F. Zwenger in Kassel. — Druck von Friedr. Scheel in Kassel.
        

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