Volltext: Hessenland (3.1889)

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deutschen Staaten zeigt aber, daß unter den so 
gänzlich veränderten Verhältnissen und Partei 
bildungen seine Zeit, und wohl für immer, vor 
über ist. 
Neben der Bürgergarde bildete sich noch aus 
Freiwilligen ein uniformirtes Bataillon Schutz 
wache. Da es durchgängig aus jüngeren Leuten 
und früheren Militairs, welche nicht zum Ein 
tritt in die Bürgergarde verpflichtet waren, be 
stand. so war es um so mehr geeignet, wesentliche 
Dienste zu leisten, als sein Kommandeur, ein 
früherer aktiver Offizier, der durch seine vortreff 
lichen militairgeschichtlichen Werke bekannte Maxi 
milian von Ditfurth, sich mit großem Eifer 
dessen Organisation und militärischen Ausbildung 
widmete. 
Außerdem hatte sich zumeist aus Anhängern 
der demokratisch-socialen Partei ein etwa 600 
Mann starkes Freikorps gebildet, welches aber 
nach einigen Monaten, weil es sich den Anord 
nungen des Kommandeurs der Bürgergarde, dem 
es unterstellt war, nicht fügen wollte, aufgelöst 
und entwaffnet wurde. 
In unserer Kompagnie wurde stramm exercirt 
und hatten wir jüngeren Leute noch häufiger 
Dienst, als die älteren, da wir häufig zum Extra 
dienst, Bewachung bedrohter Personen u. s. w. 
kommandirt wurden. Die Straßentumulte waren 
noch sehr häufig und machten das Einschreiten 
der Bürgergarde nothwendig, namentlich am 3. 
Juli nach Verkündigung der Wahl des Reichs 
verwesers und am 5. Juli bei der Entwaffnung 
des Freikorps. 
So ernst sich diese Auftritte für uns zuweilen 
auch gestalteten, so waren doch die friedlichen 
Exercirübungen, wenn im Feuer exercirt wurde, 
wie ich an mir selbst erfahren sollte, zuweilen 
noch gefahrvoller. 
Bei einem Scheibenschießen der Kompagnie auf 
dem Schützenhause, war mir der Ladestvck meines 
Nebenmannes, dessen Gewehr sich bei dem Aus 
stößen der Patrone entladen hatte, dicht an der 
Nase vorbei geflogen. Als wir einige Tage 
später auf dem Forste ein durch unsere 2 Tam 
boure angedeutetes Defilse fortwährend feuernd 
passirten, war es mir aufgefallen, daß das iminer 
dicht an meinem Ohre liegende Gewehr meines 
Hintermannes, eines ehrsamen Buchbindermeisters, 
keinmal losgegangen war, und ergab es sich, daß, 
als auf meine Anzeige das Gewehr untersucht 
wurde, 6 Patronen darin steckten. Mehrfach war 
es vorgekommen, daß nach Aufsetzen der Ladung 
das Herausziehen des Ladestocks versäumt war, 
wodurch einmal ein Mann sehr lebensgefährlich 
verwundet wurde. 
Man konnte es übrigens der Mannschaft nicht 
allzusehr verdenken, wenn sie das Abschießen des 
Gewehrs möglichst zu vermeiden suchte, da die 
alten Feuerschloßgewehre dabei solche Ohrfeigen 
austheilten, daß man regelmäßig mit geschwollenem 
Backen den Rückmarsch antrat. Doch fehlte es 
im Dienst der Bürgergarde auch nicht an mancherlei 
Freuden besonderer Art. Dazu gehörten nament 
lich die im Jahre der Gleichheit und Brüder 
lichkeit arrangirten Bälle der Bürgerbataillone 
im Hanusch'schen Saale. 
Eine noch viele großartigere Feier, als 
die Fahnenweihe der Bürgergarde im Jahre 
1831 gewesen war, war am 6. August 
1848 die Weihe der Fahne der Schutz 
wache. Die Anordnungen waren dazu in der 
Karlsaue auf dem Bowlingreen, ähnlich wie da 
mals auf dem Friedrichsplatz getroffen. Diesmal 
war vor dem Orangerieschloß die Tribüne für 
den Kurfürsten errichtet, von wo aus er nach der 
Weihe der Fahne die Parade über das Bataillon 
Schutzwache und die gesammte Bürgerwehr ab 
nahm. 
Das Volksfest Nachmittags auf demselben 
Platze ist allen Theilnehmern unvergeßlich ge 
blieben. Mit solchem Enthusiasmus ist der Kur 
fürst weder vorher, noch nachher jemals vom 
Volke empfangen worden, als er Nachmittags 
in schwarzem Civilanzuge mit der schwarz-roth- 
goloenen Kokarde am Hute auf dem Platze erschien. 
Den ihm von den Bürgern Herbold und Dallwig 
überreichten Ehrentrunk nahm er dankend an und 
äußerte hierauf, der heutige Tag, an welchem 
dem Erzherzog Reichsverweser gehuldigt sei, sei 
dem deutschen Vaterland gewidmet, überall höre 
er die auf dasselbe ausgebrachten Hochs, da wolle 
er auch einmal das engere Vaterland hoch leben 
lassen, worauf alle einstimmten und unter Be 
gleitung der Bürgergardenmusik erst das „Heil 
unserem Kurfürst Heil" und dann „Was ist des 
Deutschen Vaterland" gesungen wurde. 
Der Kurfürst nahm die verschiedenen Volks 
belustigungen in Augenschein und hörte noch das 
unter Spohr's Leitung von den vereinigten Siug- 
vereinen ausgeführte Konzert mit an. 
Zum Schluffe wurde ein Feuerwerk abgebrannt, 
bei welchem zuletzt das Wort „Einigkeit" in 
Brillantfeuer strahlte. In einem damaligen 
Zeitungsbericht über das Fest wurde hervorge 
hoben, wie sinnig dieses wie aus Aller Mund 
gesprochene Wort gewählt gewesen sei, wie kurz 
und bündig es den Sinn und die Bedeutung des 
Festes ausgesprochen habe, und wie groß die 
Hoffnung sei, daß es als ein gutes Omen für 
die Zukunft des deutschen Reiches betrachtet 
werden könne. 
Die Hoffnung, auf diesem Wege zu Deutsch 
lands Einigung zu gelangen, sollte sehr bald ge 
täuscht werden. Nach zwei Jahren tagte in
        

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