Full text: Hessenland (3.1889)

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empfangen wurde. Nach Abhaltung der Parade 
erließ er an den Regimentskommandeur der Bürger 
garde, Maurermeister Seidler, über dessen mili- 
tairische Haltung und Sicherheit in seinen 
Funktionen er sein Erstaunen zu erkennen gab, 
folgendes Schreiben: 
„Der gute Geist und die feste Anhänglichkeit 
an die gesetzliche Ordnung, welche die Bürger 
garde meiner Residenzstadt in der jüngsten auf 
geregten Zeit in so anerkennenswerther Weise 
bethätigte, hat Mir zu besonderem Wohlgefallen 
gereicht. Mit um so größerem Vergnügen habe 
ich dieselbe heute vor mir versammelt, und wie 
ihre musterhafte Haltung Mir eine wahrhafte 
Befriedigung gewährte, so haben insbesondere 
die Bezeugungen aufrichtiger Treue und Ergeben 
heit, welche bei dieser Gelegenheit Mir gewidmet 
waren, Meinem Herzen wohlgethan. 
Ich fühle mich hierdurch zum wärmsten Dank 
verpflichtet und ersuche Sie, den Ausdruck des 
selben der Bürgergarde Meiner Residenz kund 
zu geben." 
Die Bürgergardisten hatten in dieser Zeit 
einen anstrengenden Dienst, da fast kein Tag 
ohne erhebliche Aufläufe und Straßenexcesse vor 
über ging, welche ihr Einschreiten nöthig machten. 
Das war namentlich der Fall bei den damals 
sehr beliebten Katzenmusiken, welche dem Volke 
mißliebigen Personen gebracht wurden. Bei 
einer solchen Gelegenheit kam es am 9. April 
zu einem Vorgang, welcher geeignet war, die 
bedenklichsten Folgen herbeizuführen. 
Eine große Volksmenge hatte, von einer Ab 
theilung Bürgergarde begleitet, dem Minister 
Eberhard ein Lebehoch gebracht, gleichzeitig hatte 
aber eine aus anderen Elementen bestehende 
Menge die Absicht, andern Personen, namentlich 
dem Generalmajor v. Helmschwerd eine Katzen 
musik zu bringen. Als nun die ersterwähnte 
Menge auf ihrem Wege zur Wohnung des Mi 
nisters v. Baumbach, welchem ebenfalls ein Hoch 
ausgebracht werden sollte, an der Kaserne der 
Garde du Corps vorüberzog, stürzten etwa 40 
Garde du Corps in ihren Stalljacken hervor 
und hieben auf die Menge, von welcher sie an 
nahmen, daß es diejenige sei, welche dem v. Hrlm- 
schwcrd die Katzenmusik bringen wolle, ein und 
verwundeten Viele, darunter mehrere, namentlich 
einen Mann von der Abtheilung der Bürger 
garde, schwer. 
Eine unbeschreibliche Aufregung und Wuth 
zeigte sich über diesen lleberfall in allen Theilen 
der Stadt; in allen nach den Kasernen führenden 
Straßen wurden Barrikaden errichtet und das 
Zeughaus gestürmt. Mit Waffen aus diesen! 
versehen, rückte eine große Volksmenge vor die 
Kaserne der Garde du Corps, aus welcher diese 
Truppen gerade ausrückten, und verwüstete diese 
vollständig. 
Die Bürgergarde wurde alsbald alarmirt und 
besetzte das Palais. Ihrem ruhigen und be 
sonnenen Verhalten an diesem Abend, obgleich 
auch bei ihren Mitgliedern die Wuth über den 
Ueberfall nicht geringer war, ist es wesentlich zu 
verdanken, daß die Sache ohne weitere schwere 
Folgen verlief. 
Alle, welche Sinn für Aufrechthaltung der 
Ordnung im Staate hatten und nicht pflichtig 
zum Dienste in der Bürgergarde waren oder sich 
diesem bisher unter irgend einem Vorwände ent 
zogen hatten, traten jetzt freiwillig in diese ein, 
wodurch deren Bestand um etwa ein Fünftel er 
höht wurde. Es war dies namentlich der Fall 
bei den jüngeren Staatsdienern, jüngeren Aerzten 
und sonstigen Angestellten. Wir waren in einer 
Anzahl von einigen 20 bei der Kompagnie des 
als besonders energisch bekannten Bürgerhaupt 
manns Eggena eingetreten und hatten schon am 
ersten Tag nach dem Zeughaussturm Dienst in 
der Kompagnie, welche Nachmittags mit einer 
Kompagnie Leibgarde das Zeughaus besetzt hielt, 
und Nachts eine Wache auf dem Stadtbau bezog. 
In dieser Zeit erschien eine Schrift des Ober 
gerichtsanwalts Alsberg, „Worte zur Beherzigung 
über Volksbewaffnung und Bürgergarde", in 
welcher deren Werth dargelegt und u. a. darüber 
gesagt wird: In ruhigen Zeitkäufen wird dieser 
vollständig verkannt, da man die Dinge nach dem 
Erfolge des Augenblicks beurtheilt, durch die 
neuesten Zeitereignisse sind aber alle Vorurtheile 
gegen dieselbe widerlegt. Der aufgeregte, zur Selbst 
hülfe schreitende Theil der Bevölkerung, welcher 
bei Aufruhr und Unruhen nichts einzusetzen hat, 
läßt sich durch den bewaffneten Bürger am leich 
testen in die Schranken der Gesetzlichkeit zurück 
führen, während er in der ihm entgegentretenden 
Militairmacht seinen Feind erblickt und diese ihn 
mehr aufregt, als die ihm näher stehenden 
Bürger. 
Die Bürgergardc, aus dem bemitteltsten Theile 
der Bevölkerung bestehend, hat bei Erhaltung der 
Ruhe und Ordnung am meisten einzusetzen, so 
wie denn auch der verblendete Unruhestifter durch 
das Entgegentreten der Bürgergarde die Ueber 
zeugung erlangt, daß nicht'die Mehrzahl der 
Einwohnerschaft, sondern nur seine Genossen 
mit ihm gleiche Sache zu machen geneigt sind, 
was von niederschlagendem und besänftigendem 
Einfluß auf die Gemüther der Tumultuanten 
sein muß. Das Institut der Bürgergarden ist 
hiernach ein wesentlich nothwendiges." 
Die Ausführungen Alsbergs hatten unter den 
damaligen Zeitverhältnisien gewiß ihre Berechti 
gung, das Eingehen dieses Instituts in allen
        

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