Full text: Hessenland (3.1889)

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Stadt die größte Aufregung, welche sich erst 
legte, als die verehrte Fürstin sich einer wiederum 
an sie abgesandten Deputation der Bürgerschaft 
bereit erklärte, am folgenden Tage, den 7. December, 
im Theater zu erscheinen. Am Abend wurde sie 
bei ihrem Erscheinen von einer sehr großen Volks 
menge, welche sich vor deni Theater eingefunden 
hatte, enthusiastisch begrüßt. Nach ihrem Eintritt 
ins Theater verlief sich die Menge nicht, sondern 
verblieb dort bis zum Ende der Vorstellung, 
wurde aber bedauerlicher Weise durch eine große 
Anzahl unreiner Elemente, welche sich durch lautes 
Geschrei und Pfeifen die Zeit vertrieben, vermehrt. 
Der Umstand, daß sich die Volksmenge in dichten 
Scharen bis vor das Palais ausdehnte, gab Ver 
anlassung , daß das gesummte Militair Befehl 
erhielt, auf den Friedrichsplatz auszurücken. 
Gleichzeitig ließ Polizeidirektor Giesler, obgleich 
ihm von angesehenen Bürgern versichert wurde, 
daß nichts weiter beabsichtigt werde, als der 
Kurfürstin ein Lebehoch zu bringen, auch für die 
Bürgergarde Alarm schlagen. Da ein großer Theil 
der Bürgergardisten sich unter der Volksmenge 
befand, so verlief längere Zeit, bis sich etwa 400 
derselben vor dem Theater zusammenfanden. 
Zunächst fragte Giesler bei dem Kommandeur 
derselben an, ob er die Verantwortung dafür 
übernehmen wolle, daß an dem Abend keine Un 
ordnungen vorfallen würden, wozu dieser sich 
natürlich außer Stand erklären mußte. Kaum 
hatte Giesler diese Erklärung erhalten, so verlas 
er die Aufruhrakte, was aber kaum von den 
Nächststehenden gehört wurde, und unmittelbar 
darauf erhielt die Garde du Corps Befehl scharf 
in die nichts ahnende Menge einzuhauen. Der 
Befehl wurde in rücksichtslosester Weise befolgt 
und hatte zahlreiche, zum Theil schwere Verletzungen 
zur Folge. Als sich die Menge, welche sich die 
letzte Zeit ganz ruhig verhalten, vollständig ge 
flüchtet hatte, erhielt die Bürgergarde den sehr 
überflüssigen Befehl, die weitere Ordnung aufrecht 
zu halten. 
Die Behörden erließen, nachdem auch die Land 
stände eine energische Eingabe an dieselben gemacht, 
beruhigende Erklärungen und auch der Kurprinz 
verhieß strenge Bestrafung der Schuldigen. Da 
auch der Bürgergarde vorgeworfen wurde, daß 
sie das Volk nicht geschützt habe, so verwahrte 
sie sich in einem öffentlichen Anschlag gegen den 
ihr namentlich gemachten Vorwurf der Saum 
seligkeit. 
Aus dem Umstand, daß das Erscheinen des 
Bürgergardengesetzes trotz dem Andrängen der 
Landstände immer wieder verzögert wurde, war 
zu entnehmen, daß der Kurprinz jetzt, nachdem 
Ruhe und Ordnung überall im Lande wiederher 
gestellt war, die Bedeutung der Bürgcrgarde eben 
nicht mehr hoch anschlug. In dem §, 1 des 
Bürgergardengesetzes vom 23. Juni 1832 wird 
als deren Zweck angegeben: „Die Bürgerbewaff 
nung in den Stadt- und Landgemeinden ist als 
eine bleibende Anstalt für geeignete Mitwirkung 
zur Erhaltung der inneren Ruhe und Ordnung, 
im Nothfall auch zur Landesvertheidigung inner 
halb der kurhessischen Grenzen bestimmt." 
Da sie in den nächsten Jahren keine Gelegen 
heit zur Erfüllung ihres eigentlichen Zweckes fand, 
so minderte sich auch ihr Ansehen bei der Be 
völkerung und machte sich mehrfach die Ansicht 
geltend, daß es nur eine unnöthige, die Bürger 
in ihrer Geschäftsthätigkeit störende Soldaten 
spielerei sei. 
Abgesehen von ihrem mehrmaligen Ausrücken 
zum Exerciren auf den Forst in den Sommer 
monaten, wo für leibliche Stärkung immer hin 
reichend gesorgt war, beschränkte sich ihr Dienst 
in Kassel wesentlich auf Besetzung der Wachen, 
wenn über die Garnison große Parade abgehalten 
wurde, oder diese ein Lager außerhalb der Stadt 
bei den Herbstmanoeuvern bezogen hatte, obgleich 
nach §. 7 des Bürgcrgardengesetzes ein solcher 
Dienst nur in Kriegszeiten von ihr verlangt 
werden konnte. 
Das in Folge der mangelnden Veranlassung 
zu einer ihrem Zweck entsprechenden Verwendung 
geminderte Ansehen der Bürgergarde trat auch 
darin hervor, daß sich die zum Dienste in der 
selben Pflichtigen, namentlich die Staatsdiener, 
in dieser Zeit davon durch alle möglichen Gründe 
frei zu machen suchten. 
Da brachten die Ereignisse des Jahres 1848 
dieses Institut wieder zu einem Ansehen und 
einer Geltung, wie es im Jahre 1830 nicht an 
nähernd der Fall gewesen war. 
Gleich die ersten in Kassel ausgebrochenen Un 
ruhen hatten bei den dem Kurfürsten am 6. März 
überreichten Sturmpetitionen, mit dem in fast 
allen Städten Deutschlands gleichen Inhalt, eine 
so bedrohliche Gestalt angenommen, daß der Kur 
fürst sich an die Bürgergarde um Schutz für sich 
und sein Hans wandte und Abends dem Kom 
mandeur der vor dem Palais aufgestellt gewesenen 
Abtheilung derselben persönlich seinen Dank für 
ihre gute Haltung und Mitwirkung bei Her 
stellung der Ruhe mit der Aufforderung aus 
sprach, dies den Mitgliedern des Korps bekannt 
zu machen. 
Wie hoch er die von der Bürgergarde in diesen 
Tagen geleisteten Dienste anschlug, zeigte er durch 
eine am 21. März über dieselbe abgehaltene 
Parade, bei welcher er zwar nicht, wie man ge 
glaubt hatte, in Bürgergardeuniform, wohl aber 
mit der weißen Bürgergardebinde am Arm in 
Militairuniform erschien und vom Volke jubelnd
        

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