Full text: Hessenland (3.1889)

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Geschichte von Wilhelmshöhe. 
Von K. Neuber. 
Auf der Höhe der Civilisation angelangt hält 
es schwer, sich in die Zeit ihrer Uranfänge hineinzu 
versetzen. So ist es auch keineswegs leicht, sich 
zu vergegenwärtigen, das; der herrliche Park in 
unserer Nähe, welcher mit seinen schönen Anlagen 
und Waldungen die ungetheilte Bewunderung 
aller fremden wie einheimischen Besucher wach 
ruft, vor einem Jahrtausend noch eine völlige 
Einöde, entfernt von menschlichen Ansiedlungen, 
war, in der zahlreiche Scharen von Wild der 
verschiedensten Arten, von denen manche jetzt 
ausgestorben sind, sich frei herumbewegen, und 
die sich dorthin wagenden Menschen bedrohen 
konnten. 
Unsere Hauptstadt Kassel selbst war zur Zeit 
der Kreuzzüge, also im 12. und 13. Jahrhundert, 
noch ein kleines Geineinwesen von geringer Aus 
dehnung und eingepfarrt zu dem größeren Orte 
Dietmelle, dem heutigen Kirchditmold. Die 
damalige religiöse Begeisterung, durch die Geist 
lichkeit genährt und gefördert, trieb ihre Früchte 
in den vielen geistlichen Orden, und so hatte 
auch das kleine Kassel eine Reihe von Klöstern 
aufzuweisen, theils innerhalb der Stadtmauern, 
theils in der Umgegend, wie das Kloster 
Weißen stein. Die Entstehung desselben wird 
in folgender Weise mitgetheilt: 
In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts 
überließen die Einwohner von Dietmelle, ver 
treten durch ihren Bogt, den Grafen Adalbert 
von Scowenburg (Schauenburg), in dem ihnen 
gehörigen Habichtswalde einen Platz in der Nähe 
eines aus dem Waldesgrün sich erhebenden weißen 
Felsens — an derselben Stelle, wo jetzt maje 
stätisch das Schloß thront — wie es in der Ur 
kunde heißt: »loourn iUnru in Witzenstein“ auf 
Antrieb eines Fritzlarischen Geistlichen, des Ma 
gisters Bovo oder Bonifacius, einer frommen 
Brüderschaft zur Ansiedlung. Es war ein Ort, 
wie selten einer, durch seine Abgeschiedenheit von 
der Welt mitten im Waldesdickichte, geeignet sich 
den irdischen Sorgen zu entziehen und ganz 
religiösen Uebungen hinzugeben. Der Erzbischof 
Heinrich I. von Mainz bestätigte diese Schenkung 
in einer zu Geismar datirten Urkunde v. I. 1143.') 
Die Brüderschaft lebte nach der Regel des heiligen 
Augustinus, d. h. nach einer auf Grundlage von 
Schriften desselben abgefaßten päpstlichen Satzung, 
und erhielt große Schenkungen in bisher der Kirche 
zu Dietmelle gehörigen Grundstücken, sowie ver 
schiedene Berechtigungen: zu taufcu, zu begrabe» 
und die Kranken zu besuchen (baptizare, sepelire 
et infirmos visitare). 
Auch war sie bald in der Lage, sich ein eigenes 
Gotteshaus zu errichten, und auf Ersuchen ihres 
ersten Prvbstes Bruno weihte 1145") der geuauute 
Erzbischof Heinrich die der Jungfrau Maria zu 
Ehren erbaute Kirche in Witzenstein (ecclesia 
in wizenstein oder in lapide albo) ein und be 
stätigte das Kloster als ein Augustiner Mönchs 
kloster. Als solches erscheint es auch in einer 
Urkunde von 1163, in welcher Heinrich der Löwe, 
Herzog von Baiern und Sachsen, eine Schenkung 
seiner Untergebenen au das Kloster Weißensteiu 
bestätigt. 3 ) In einer späteren vom Erzbischöfe 
Konrad vouMainz ausgestelltenSchenknngsurkunde 
von 1184 wird jedoch mitgetheilt, daß daselbst ein 
Convent von Brüdern und Schwestern sei, 
welche Gott und der heiligen Jungfrau Maria 
dienten: 
,prediote 8. Marie ecclesie in wizinstein 
in usum tarn fratrum quam sororum 
ibidem deo et beate marie deservientium 
perpetualiter contradidimus.“ 4 ) 
Diese Vereinigung der beiden Geschlechter hat 
jedoch nicht lange bestanden. Denn eine Urkunde 
von 1193 redet nur von heiligen Jungfrauen 
von Weißenstcin und an anderer Stelle: 
„Jungfrauen des Thales der heiligen Maria 
bei Weißenstein." Z 
') Zusti; Hessische Denkwürdigkeiten Th. IV. Abth. I. 
S. 18. 81; vgl. Piderit, Geschichte v. Kassel S. 28 fg. — 
Geismar ist Hofgeismar, 
s) Zusti a. O. S. 34. 
-) Justi S. 37. 
4 ) Justi S. 39. — Aehnliche Erscheinungen finden sich 
auch bei anderen Klöstern, z. B. dem Ahuaberger Kloster 
zu Kassel. 
9 Zusti S. 40 sg. -
        

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