Volltext: Hessenland (3.1889)

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nach Hause zu gehen, und zur Ausführung dieses 
Vorhabens schien ihnen in Heidelberg, wo sie eben- 
wohl wieder längere Zeit liegen mußten, eine 
passende Gelegenheit sich darzubieten. Hier hiel 
ten nämlich die Offiziere einen Ball, der die 
ganze Nacht hindurch dauerte und zu dem die 
Militairmusik spielen mußte. Unter Anführung 
zweier Unteroffiziere, Gaß und Kammandel, rot 
teten sich 250 bis 300 Mann zusammen und be 
schlossen, in derselbigen Nacht abzuziehen, zugleich 
aber auch die Fahne mitzunehmen, damit man 
sie nicht für fahnenflüchtig erklären könne. Sie 
rückten vor das Quartier des Obristen, über 
rumpelten den Posten, der vor dem Hause stand, 
überredeten ihn mitzugehen, holten die Fahne 
heraus und suchten sofort das Freie. Auch 
hatten sie zwei Trommler bei sich; von den 
Offizieren aber und der Musikbande, sowie von 
den Fuldaischen freiwilligen Jägern, die gleich 
falls in Heidelberg lagen, hatte sich Keiner ihnen 
angeschlossen. Bis zum anderen Morgen, wo 
man ihren Abzug gewahr wurde, hatten sie schon 
einen Vorsprung von mehreren Stunden. Die 
Offiziere waren nicht gewillt ihnen nachzusetzen, 
theils weil sie vom Balle noch einen dicken Kopf 
hatten, theils weil sie sich nicht auf ihre Leute 
verlassen konnten; auch marschirten die Deser 
teure nicht auf der Landstraße weiter, sondern 
auf Seitenwegen, vermieden namentlich solche 
Orte, wo Garnisonen lagen, wie Frankfurt und 
Hanau, gingen vielmehr durch den Vogelsberg 
und gelangten endlich über Lauterbnch, Landen 
hausen und Haimbach in die Nähe von Fulda. 
Der damalige Stadtkommandant, Obrist von 
Buseck, von der Sache in Kenntniß gesetzt, er 
schrak nicht wenig über das unerhörte Beginnen. 
Er ließ sofort das Paulusthor, das Schulthor, 
das Wilhelms- und Kohlhäuserthor schließen und 
von einigen Veteranen, die ihm eben zu Gebote 
standen, mit geladenen Gewehren bewachen. In 
dessen kamen die Landwehrleute durch die anderen 
Thore, die nicht verschließbar waren, trupp 
weise in dm Stadt herein und sammelten sich auf 
dem Domplatze. Von da zogen sie zu dem Hause 
des Obristen, brachten ihm die Fahne und er 
boten sich, eine Wache vor das Haus zu stellen. 
Die erstere nahm der Obrist an, die letztere lehnte 
er ab. Nun verlangten und erhielten sie bei den 
Bürgern Quartier und wurden zum Theil von 
diesen gern aufgenommen. Am ersten und 
zweiten Tage trieben sie sich lustig auf den 
Straßen und in den Wirthshäusern herum und 
waren munter und guter Dinge; aber schon am 
dritten Tage änderte sich die Situation. Die 
Besatzungen von Frankfurt, Aschaffenburg und 
Hanau waren zusammengezogen und den Ver 
wegenen nachgesendet worden und rückten mit 
zwei Feldkanonen in Eilmärschen nach Fulda vor. 
Die Deserteure, denen es bang wurde, als sie den 
Ernst ihrer Lage erkannten, sammelten sich mit 
den Waffen wieder aus dem Domplatze. Alsbald 
waren sie von allen Seiten umzingelt. Die zwei 
Kanonen wurden mit Kartätschen geladen und 
vor ihnen aufgepstanzt. Der Obrist von Buseck 
forderte sie nun auf, die Waffen abzulegen und 
sich zu ergeben. Sie verlangten Bedenkzeit. Man 
bewilligte ihnen eine Frist von zehn Minuten, 
nach deren fruchtlosem Ablaufe sie zusammen 
geschossen werden würden. An Widerstand war 
nicht zu denken, das sahen sie ein; darum er 
gaben sie sich auf Gnade und Ungnade. Sie 
wurden sofort entwaffnet, als Gefangene ab 
geführt und vorerst in der Kaserne, im alten 
Zeughause und in den Räumen des vormaligen 
Zuchthauses untergebracht. Die Rädelsführer 
wurden in die Kasematten der Hauptwache ein 
gesperrt, dann unter scharfer Bewachung nach 
Frankfurt gebracht und vor ein Kriegsgericht ge 
stellt. Einer derselben, Kammandel, hatte sich 
jedoch, nichts Gutes ahnend, schon am Tage vor 
der Kapitulation aus dem Staube gemacht, soll 
nach Holland, von da nach Batavia gegangen 
und dort gestorben sein. Das Kriegsgericht ver 
urteilte die Urheber und Anstifter der Desertion 
zum Tode durch Erschießeu. Wegen der Eigen 
thümlichkeit des Falles aber, da sie buchstäblich 
genommen die Fahne nicht verlassen hatten, auch 
nicht aus Feigheit, sondern aus Huuger und 
Noth davongegangen waren, wurde die Todes 
strafe nicht vollzogen, sondern in Spießruthen 
laufen umgewandelt. Die übrigen Landwehr 
leute wurden als Verführte betrachtet, in 
kleineren Abtheilungen nach Poppenhausen, 
Brückenau und Hammelburg verlegt, hier noch 
eine Zeit lang im Dienste behalten und dann 
in ihre Heimath eutlassen. 
Fernweh. 
Nur fort, nur fort, ich seh' die Wolken ziehen 
Und dort der Vögel ruhelose Schaaren, 
Das Frühroth über fernen Bergen glühen, 
Auch ich muß fort, mich faßt es bei den Haaren. 
Hier ist die Sonne kalt, das Licht so trübe, 
Es friert mich so, ich möchte Feuer trinken, 
Die Menschen sind so arm an wahrer Liebe, 
Und jenseits scheint ein Paradies zu winken.
        

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