Full text: Hessenland (3.1889)

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Korps, welches auf dem Marktplatze vor unserem 
Hause stattfand, in Thätigkeit war. 
Die V. O. vom I I. Oktober 1830 ordnete all 
gemeine Bürgerbewaffnung an, deren Zweck die Sicher 
stellung der öffentlichen Ruhe und Ordnung sein 
sollte. Nachdem die erforderlichen Gewehre aus dem 
Zeughause geliefert waren, wurden in Kassel zwei 
Bataillone Bürgergarde formirt, deren 4. und 8. 
Kompagnie als Schützen mit Büchsen bewaffnet 
waren und später das 3. Bataillon bildeten. Außer 
dem bestand, wie auch früher, eine Abtheilung zu 
Pferd, welche bei den Unruhen gute Dienste leistete. 
Die Dienstthätigkeit der Bürgergarde wurde durch ein 
Reglement regulirt, welches 2 Jahr bis zum Er 
scheinen des Bürgergardegesetzes in Geltung blieb. 
In Anerkennung der von der Bürgergarde bei 
Wiederherstellung der Ruhe in der Residenz geleisteten 
Dienste hielt Wilhelm II. am 10. Dezember 1830 
eine Parade über dieselbe auf dem Friedrichsplatz ab, 
hegte aber wenig Sympathieen für ein bewaffnetes 
Bürgerkorps, dessen Uniform, namentlich die roth 
wollenen Epauletten, ihm allzusehr an das fran 
zösische Muster erinnerten. Der Name Bürger- 
' g a r d e durfte bei ihm nicht gebraucht werden und 
bald nach der Parade verbot er ihr den Friedrichs 
platz als Sammelplatz, da über diesen Platz nur 
der Landesherr und nicht die Stadt zu verfügen habe. 
Größere Sympathieen brachte den Bürgerbataillonen 
die Kurfürstin Auguste entgegen, wie sich namentlich 
bei der am 26. Mai 1831 auf dem Friedrichsplatz 
stattfindenden Fahnenweihe zeigte. 
Auf dem oberen Theil des Friedrichsplatzes bildete 
das gesammte Korps ein nach der Königsstraße 
offenes Viereck, welches hier durch eine reich geschmückte 
für die Kurfürstin und die Prinzessin Karoline be 
stimmte und zwei daneben befindliche für das Offizier 
korps, Stadtrath und Staatsbehörden errichtete Estrade ge 
schlossen wurde. In dem Viereck war ein Altar er 
richtet, welchen die Kasseler Jungfrauen, die Stickerinnen 
der Fahnen, umstanden und auf welchem die Fahnen, 
nachdem die Kurfürstin und die Prinzessin Nägel in 
dieselben eingeschlagen hatten, in feierlicher Weise von 
dem Pfarrer Wilke geweiht wurden. Hiernach folgte 
der Vorbeimarsch des Korps vor den Tribünen. Auf 
dem unteren Theil des Platzes waren für den Nach 
mittag und Abend Tanzplätze und verschiedene Arten 
Volksbelustigungen — Kletterstangen u. s. w., sowie 
eine große Anzahl Buden für Speisen und Getränke 
hergerichtet. Hier entwickelte sich ein Volksfest, wie 
es Kassel in ähnlicher Weise nur an König Jerome's 
Geburtstagsfesten gesehen hatte. 
(Schluß folgt.) 
— 
Konöerbare Uahnentreue 
Im Zeughause zu Kassel befand sich vordem 
eilte denkwürdige Fuldaer Landwehrfahne von 
rothem Seidenzeuge mit dem Bilde des hl. Boni- 
fatius auf der einen und dem achteckigen Fuldaer 
Kreuze auf der anderen Seite. G. I. Malkmus 
berichtet in seinem trefflichen Historienbüchlein 
folgenden seltsamen Vorgang, bei welchem diese 
Fahne eine Rolle spielte: 
Als Napoleon I. mit seiner Armee nach Frank 
reich zurückgegangen war und die Truppen der 
Alliirten ihm auf verschiedenen Punkten über 
den Rhein nachsetzten, erhielt die Fuldaer Land 
wehr Befehl, in das südliche Frankreich einzu- 
marschiren. Sie nahm ihren Weg durch die 
Schweiz, kam nach Genf, dann nach Grenoble, 
Besanyon und nach Lyon, wo sie längere Zeit 
garnisonirte. An einer Schlacht oder einer an 
dern nennenswerthen Waffenthat hat sie sich nie 
mals betheiligt; denn sie hatte sich auf ihrem 
Marsche nicht übereilt und war daher überall 
zu spät gekommen; ja als sie in Lyon einrückte, 
hatte Napoleon seine Abdankungsurkunde in 
Fontainebleau bereits unterschrieben. Deshalb 
brachte sie auch ans dem Feldzuge keine Sieges 
trophäe mit nach Hause; denn die alte französische 
Trikolore, die sie in einem Städtchen im Hause 
eines Maire's über dessen Bette gefunden und 
mitgenommen hatte, kann doch wohl nicht als 
eine eroberte Kriegsfahne betrachtet werden. Wie 
ihr Einmarsch in Frankreich, so war auch ihr 
Rückmarsch in die Heimath ein sehr langsamer 
und gab einem Witzbold zu dem bekannten Spott- 
liede Anlaß: 
„Nur immer langsam voran, nur langsam voran, 
Daß die Fuldaer Landwehr nachkommen kann!" 
Auf dem langsamen und langen Rückwege 
ließen es sich die Herren Offiziere ganz wohl sein, 
ja es wäre ihnen lieb gewesen, wenn die Reise 
noch einmal so lang gedauert hätte, als sie wirk 
lich dauerte; aber die übrigen Mannschaften litten 
Hunger und Noth, erhielten keinen Sold und 
bekainen zum Theile auch Heimweh nach Frau 
und Kindern. Außerdem begriffen sie auch nicht, 
warum sie noch so lange zwecklos von Haus und 
Hof und Geschäft abwesend sein sollten, nachdem 
doch der Krieg beendigt und der Friede geschlossen 
war. Aus diesen Erwägungen entstand und reifte 
allmählich bei Vielen der Entschluß, ohne Weiteres
	        

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