Full text: Hessenland (3.1889)

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Ein geschichtlicher Rückblick 
von 
W. Nogge-Ludwig. 
Den Bürgern Kassels war schon in frühen Zeiten, 
sobald die Städte überhaupt zu einiger Bedeutung 
und die Bürger zu Ansehen und Einfluß in den 
selben gelangt waren, die Verpflichtung auferlegt 
worden, bei Vertheidigung ihrer Stadt Mithülfe zu 
leisten. Sie waren in dieser Zeit eine feste Stütze 
des Landesherrn im Kampfe mit dem auswärtigen 
Feind und namentlich mit dem — stets fehdelustigen 
Adel des Landes. So hatten die Bürger Kassels im 
Jahre 1385 bei der Belagerung der Stadt durch 
Balthasar von Thüringen und Otto von Braun 
schweig das von dem Feinde zwischen dem Weinberge 
und Wehlheiden angelegte Lager angegriffen und die 
Belagerer bis nach Zwehren zurückgetrieben. In 
dem Bruderkriege der Landgrafen Ludwig II. (1458 
bis 1471) und Heinrich III. wird als Vorzug des 
ersteren, als Besitzer von Niederhessen, bei der Thei 
lung die Kriegsmacht der Kasseler Bürger, deren 
Brauchbarkeit und bewiesene Tapferkeit besonders 
hervorgehoben. In der Mainzer Stiftsfehde stellten sie 
24 Mann zu Roß und 250 Mann zu Fuß. 
Wilhelm IV. hatte gleich nach seinein im Jahre 
1567 erfolgten Regierungsantritt die Festungswerke 
Kassels wiederhergestellt und erweitert und zu deren 
Vertheidigung neben 8 Fähnlein Landsknechten 3 Fähn 
lein Bürger, jede 200 Mann stark, bestimmt, welche 
ihr Standquartier auf dem Pferdemarkt, vor dem 
Ahnaberger (Weser) Thor und in der Neustadt (Unter- 
neustadt) hatten. 
Die Bürger wurden im Gebrauch der Waffen 
unterrichtet, wie sich aus dem am 1. April 1594 
vom Landgraf Moritz für sie erlassenen Exercier- 
Reglenlent ergiebt. Die Schießübungen fanden in 
der Aue am Einfluß der kleinen in die große Fulda 
und später auf den den Schützen eingeräumten Werder 
vor dem Ahnaberger Thore statt. 
Nach dem Reglement sollten die Schützen, welchen 
eine Uniform vorgeschrieben war, auch unterwiesen 
werden, wie sie mit ihren Rohren Reverenz thun 
sollen und nur diejenigen, die schon mit ihrem Rohr 
Bescheid wissen, sollen nach der Scheibe schießen dürfen, 
den andern soll erst gelehrt werden, wie sie hurtig 
laden und abschießen mögen. Für das hurtige Laden 
ist die Vorschrift im Reglement von besonderem 
Interesse, welche dem Drillmeister für die Einübung 
desselben gegeben wird. Danach soll es in folgenden 
Kommandos geschehen: 
Heb dein Rohr auff 
Faß die Lunten zwischen die Finger 
Leg dein Rohr auff 
Füll die Flasche mit Pulver 
Leg dein Rohr ab 
Halt dein Rohr über sich 
Heb die Lunten ab 
Blaß die Lunten ab 
Setz die Lunten auff 
Meß die Lunten 
Verwahr die Pfanne 
Blaß in die Kohlen 
Schaub die Pfann' aufs 
Füll die Pfann' 
Schaub die Pfann' zu 
Ladt Pulver ein 
Ladt Kugel ein 
Zeuch den Ladstock aus 
Setz Kugel auff 
Steck den Ladstock ein 
Schlag an 
Schieß ab. 
Die Verwendung der Bürger bei Kümpfen gegen 
einen äußeren Feind und außerhalb ihrer Stadt fand 
immer weniger Anwendung, je mehr es aufkam, 
fremde Söldner in Dienst zn nehmen. Schon in 
dem erwähnten Bruderkriege hatte Ludwig 600 
Böhmen (Trabanten) und Heinrich III. über 1000 
Schweizer in Sold genommen. 
Ihnen blieb aber noch im 30jährigen Krieg und 
den folgenden Jahren die Pflicht mit zwei Fähnlein 
junger Mannschaft und den Frei- Hand- und Doppel 
hakenschützenkompagnien die Stadt zu bewachen und 
im Nothfall zu vertheidigen. Bei feierlichen Aufzügen 
erscheint auch ein berittenes Corps bewaffneter Bürger. 
Im Jahre 1664 wurde ihnen das Scheibenschießen 
an den Sonntagen verboten und ihnen in den Jahren 
1733 und 1766 neue Reglements ertheilt, welche solches
        

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