Full text: Hessenland (3.1889)

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agrum Mattiaeum; man kennt ferner die fönte 
Mattiaci u. s. w., aber das Wort ist hier offenbar 
adjectivisch zu fassen ; was nun gar Mattiaeum oder ver 
kürzt Mattium sagen will, ist ganz unverständlich. 
Bielleicht ahnte der Verfasser selbst, daß man ihm 
bei seinen Angaben aus der Vergangenheit einst 
dreiste und neugierige Fragen über das Woher 
die Sache? vorlegen könnte. Er versuchtes 
darum mit der Zukunft, wo er schon sicherer ist, 
uncontrollirt zu bleiben, und sagt auf S. 25: 
„Nächste Frist (für die Erscheinung Karls des Großen 
am Odenberge) ist 1889.“ Wenn das der Herr- 
Verfasser so gut berechnet hat, so gelingts ihm viel 
leicht auch, die Erscheinung der weißen Jungfrauen 
an den mannigfachen Bergen des Hessenlandes aus 
zurechnen : man kann da viele Schätze erwerben! 
Ans eben der Seite läßt der Anonymus den h. 
Bonifatius aus dem Holze der Donners - Eiche die 
Kapelle auf dem Bürberge erbauen. Hätte er, ehe 
er die Feder zu seinem „Ehrenbuche“ ansetzte, Landau's 
„Territorien", das Werk treuer Forschung 
eines ächten hessischen Gelehrten, gelesen, 
so würde er sich daraus S. 372 ff. belehrt haben, 
daß Bonifatius nirgend anders als auf der Stelle 
des Fritzlarer Domes die Kapelle erbaut haben kann. 
S. 26 berührt es widerwärtig, wenn den Hessen 
als Widersachern des hohenstaufischen Kaiserhauses 
sozusagen ein Lob ertheilt wird, doppelt unan 
genehm, da es unter dem Deckmantel der Anonymität 
geschieht; da der Verfasser kein Siegfried an Wissen 
ist, so steht ihm die Tarnkappe übel an. 
Wir wollen mit dem Verfasser über seine An 
sichten bez. der Herkunft der thüringischen Landgrafen 
nicht streiten, denn die Sache ist sehr dunkel. Er 
gestatte uns jedoch, auf folgender Stelle ihn fest 
zunageln : 
S. 28 heißt es: „Die hessische Fürstenwürde 
jenes dritten Ludwig, unter welchem die Vereinigung 
(von Thüringen und Hessen) stattfand, war also 
älter denn seine thüringische. Er hatte schon einige 
Jahre zu Gudensberg, in hohem Ansehen bei Kaiser 
und Reich gewaltet, als er dann eben deshalb 
auch noch Landgraf von Thüringen ward; in welchem 
Lande er als fränkischer Standesherr von Vorfahren 
ererbte große Besitzungen inne hatte." 
Gewiß war die hessische Fürstenwürde Ludwigs 
älter als seine thüringische; denn sein Schwiegervater, 
Graf Giso von Gudensberg, von dem er jene erbte, 
starb 1122; sein Vater Ludwig II. aber, der Graf 
von Thüringen, erst 1123; wäre der letztere statt 
1123 z. B. 1121 gestorben, so war die thürin 
gische Grafenwürde Ludwigs die ältere, wie jedem 
einleuchten wird. Item, der Verfasser möchte gerne 
glauben machen, daß nicht Hessen an Thüringen 
gefallen sei, sondern umgekehrt: ist dies schon Par- 
tikularismus, so hinkt doch die Methode! 
Wenn er aber sagt, Ludwig habe schon einige 
Jahre zu Gudensberg gewaltet, als er dann eben 
deshalb auch noch Landgraf von Thüringen ge 
worden sei, so ist dies eine Entstellung, die gerügt 
werden muß. Von 1123 bis 1130 war Ludwig III. 
Graf von Thüringen und heißt z. B. in einer Ur 
kunde des Klosters Breitenau v. I. 1123: comes 
de Turingia Lndewieus, qui et advocatus. Er 
halte aber auch nach dem Tode seines Vaters, wie 
es scheint, die hessische Grafenwürde ganz an seinen 
jüngeren Bruder Heinrich Raspe abgetreten, der 
z. B. im Jahre 1130, wo er stirbt, Graf von 
Gudensberg genannt wird (Ann. Rosenveld, ad a. 
1130. Pertz, Monum. Germ. XVI. 104), Erst 
113!, also nach Heinrichs Tode, nennt sich Ludwig 
wieder comes de Wuodensberg (Wenck, Hess. 
Landesgesch. II, Urkb. S. 96); und nun soll er gar, 
nicht als Graf von Thüringen, nein, weil er 
Graf von Hessen war, Landgraf von Thüringen 
geworden sein?! Eine seltsame Art der Geschichts 
schreibung ! Nebenbei bemerkt, wäre ich neugierig zu 
erfahren, wo dem Verfasser die Kunde herkommt, daß 
Ludwig einige Jahre zu Gudensberg in hohem 
Ansehen bei Kaiser und Reich gewaltet habe! Für 
Nachweisung des Chronisten, der dies berichtet, wäre 
ich dankbar. 
Es würde uns zu weit führen, wollten wir die 
vielen Irrthümer oder absichtlichen Entstellungen dem 
Verfasser auf Schritt und Tritt und Seite für Seite 
— wie wir leicht könnten — aufdecken; wir könnten 
noch in Versuchung kommen, das ganze Werk abdrucken 
zu lassen. Kurz erwähnt sei nur noch Folgendes: 
S. 31 „Dieses Treuegelübde von der Mader Heide rc." 
Der Chronistgibt gar den Ort nicht an, wo die Volks 
versammlung der Hessen (1246) gehalten sein soll; sie 
konnte ebensogut,wenn siewirklich stattfand,am 
Spieß sein. Hätte aber der Verfasser, ehe er sein 
Buch schrieb, den Aufsatz von Ilgen und Vogel 
im X. Band der Ztschr. f. Hess. Gesch. N. F. S. 
151 fs., der i.J. 1883 erschien, sich angesehen, 
so würde er gewußt haben, daß der Markgraf Heinrich 
von Meißen vonvornherein nicht der Feind, sondern 
der Vormund Landgraf Heinrichs des Kindes war 
(bis 1256 oder 1257). Herzog Albrecht von Braun 
schweig war der Eidam der Herzogin Sophie von 
Brabant und ihr Bundesgenosse in der um 1260 
entbronnenen Fehde gegen Meißen. Trotzdem redet 
der Vers, von sechzehenjährigem blutigem Ringen 
mit dem Markgrafen von Meißen und dem Herzoge 
von Braunschweig! 
Wenn wir S. 33 lesen: „Sammlung des Chat- 
tenstammes — das war von jeher die Losung des 
Hauses Brabant“, so möchten wir fast meinen, die 
Losung der Einigung der Nationen sei nicht erst in 
diesem Jahrhundert aufgekommen. Der Verfasser 
denkt: es wär' so schön gewesen! Aber den alten 
Landgrafen waren die Plesse'schen, die Schaum 
burgischen und andere sächsische Besitzungen ebenso
	        

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