Full text: Hessenland (3.1889)

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Dev Mai in Mestphalen. 
Kaum hatte der Mai, der Halde Mai, 
Gerufen sein wonniges „Werde!" 
So zog ein grollendes Wetter herbei, 
Wohl über der rothen Erde. 
Die Männer, die in den Schachten dort 
Geschafft, in der Finsterniß hausend, 
Sie standen auf, ein Mann, ein Wort, 
Wohl an die Siebenzigtausend. 
Sie hören nicht, was die Nachtigall singt, 
Sie achten den Duft nicht des Maien, 
Die Lerche, die in die Lüfte sich schwingt, 
Sie kann ihr Herz nicht erfreuen. 
Der Lenzcszauber erscheint wie Hohn, 
Sieht man heran sie rücken, 
Sie kommen, sie fordern ihren Lohn 
Mit düster flammenden Blicken. 
Erst waren es wohl hundert nur, 
Die ihren Berg Verließen, 
Dann folgten Tausend ihrer Spur, 
Schwarzbraune, drohende Riesen. 
Sie hoben empor sich zum Sonnenlicht, 
Die dunkeln Kinder der Felsen: 
„Wir wollen ertrotzen, was uns gebricht, 
Wie die Fluth heran wir uns wälzen!" 
Sie kommen daher mit Weib und Kind, 
Sie kommen in endlosen Schaaren, 
Und wie Einer denkt, sind sie Alle gesinnt, 
Sie schrecken nicht Noth, nicht Gefahren. 
Die tief gehaust in der Erde Schooß, 
Die den Tod, den schrecklichen, kennen, 
Sie wollen erzwingen ein besseres Loos 
Und wenn in's Verderben sie rennen. 
Es lacht der Mai im ganzen Reich 
Mit seinen leuchtendsten Strahlen, 
Nur Wetterwolken hängen bleich 
Wohl über dem Land Westphalen. 
Des Reiches Schirmherr mit starker Hand 
Wird er die Waage halten 
Und was er hat ;u Recht erkannt, 
Dess' wird er zum Guten walten! 
M. Mennccke. 
Di Zeive') ärmer« sich. *) 
Löpps*) hatt d'r Grith di Kuhr gemacht, 
Däi wollt nix voh ’m weasse, 
Doas kränkt ean grämt 'n Doa ean Noacht — 
'R huot sich bahl verreaße. °) 
Seih Voatter prerrigt daawe Uohrn?) 
„Doas huost de näit nuthwennig." 
Doach allgemach wuhr meat de Juohrn 
D's Löppsi goar verstännig. — 
D's Grithche eaß aach üller woarn, 
Kah Borsch gong näit mich bei se; 
Si harr ihr schih 5 ) Gesicht verwahrn — 
Ean zählt zoum ahle Eise. 
Si nahm de Löpps ctz gern zoum Mann — 
Doach waaß m'r wvas der denkt: 
Ean wann ich se etz krüije") kann ... 
Ich will se näit geschenkt. 
I». Heivi-t. 
') Zeiten. 2 ) Lipps (Philipp). 3 ) Verrissen. 4 ) Pre 
digt tauben Ohre». Schön. *) Kriegen. 
*) Aus „Humoristische Gedichte in Wetter 
auer Mundart" von P. Geibel inHöxta.M. «Fried- 
berg bei C. Scriba). Von diesem interessanten Büchlein 
ist jetzt die vierte Auflage in Verbreitung. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Er war ein gewaltiger Zecher vor dem Herrn, 
der neulateinische Dichter Petrus P a g a n u s. 
Gleich seinen Brüdern in Apoll, seinen hessischen 
Landsleuten Helius Eobanus Hessus und Euricius 
Cordus huldigte er nicht minder dem Sorgenbrecher 
Bacchus, wie den neun Musen. Auch ihm war kein langes 
Leben beschieden, am 29. Mai 1576 ereilte ihn in 
seinem 45. Lebensjahre der Tod. Geboren war er 
am 30. März 1532 zu Wanfried, sein eigentlicher 
Geschlechtsname war Dorfheilge, den er nach der da 
maligen Sitte unter den Gelehrten, in Paganus 
latinisirte. In Eschwege besuchte er die Schulen, 
darauf studirte er in Marburg und erhielt 1550 
daselbst die Magisterwürde. Zog hierauf nach Hol 
land und von da über Italien nach Wien, wo er 
zürn poeta laureatus gekrönt wurde. Nach der 
Rückkehr in sein Vaterland 15L1 wurde er zum 
Professor der Dichtkunst und der Geschichte in Mar 
burg ernannt. Er war ein außerordentlich gewandter 
Gelegenheitsdichter, die lateinischen Verse flössen ihm 
nur so vom Munde. Als Probe seines Talentes in 
dieser Kunst führt Strieder in seiner hessischen Ge 
lehrten - Geschichte nach Melander's (Jocorum atque 
seriorum lib. I, Nummer 329) eine hübsche 
Anekdote an. Bei einem von dem deutschen 
Ordens-Komthur in Marburg gegebenen Gastmahle 
hatte man dem Professor Petrus Paganus, wie es 
der damalige Comment mit sich brachte, so arg zu 
getrunken, daß er bei seinem Weggehen, wie man zu 
sagen pflegt, auf keinem Beine mehr stehen konnte. 
Da richtete er denn in seiner Trunkenheit mit 
lallender Zunge eine folgende Apostrophe an seine 
Beine: 
8ta pes, sta mi pes, sta pes, ne labere mi pes, 
Ni steteris, lapides hi tibi lectus erunt. 
(Fest sollst du stehen, mein Fuß, steh' fest, Fuß, 
und lasse das Wanken;
	        

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