Volltext: Hessenland (3.1889)

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mit einer Jugendfreundin und führte dieselbe auch 
heim, leider aber war die Ehe keine glückliche und 
nach kurzer Zeit trennte er sich wieder von seiner 
Gattin, um das alte Junggcsettenlcben bis zu seinem 
Tode fortzusetzen. Von großer Bedeutung für Ar 
mand war in den letzten zwanzig Jahren seine 
Freundschaft mit dem Prinzen Wilhelm von Hissen 
Philippsthal'-Barchfeld, dem Schwiegersohn des Kur 
fürsten, da er für denselben im Interesse der Rechts 
verhältnisse des kurfürstlichen Familien-Fidcikommisses 
unausgesetzt thätig war und nach Regelung der von 
den hessischen Agnaten gemachten Ansprüche eine be 
deutende Summe für seine dieserhalbigen Bemühungen 
erhielt, welche letzteren in zahlreichen literarischen 
Arbeiten bestanden halten. Diese nahmen seine Zeit 
derartig in Anspruch, daß er seit einer Reihe 
von Jahren nicht mehr an das Romanschreiben 
denken konnte. Neben seiner Thätigkeit als erzählen 
der Schriftsteller hat Armand auch den Versuch 
gemacht, für die Bühne zu schreiben, jedoch ohne 
Erfolg. Sein Lustspiel „Der Mann ohne Poesie", 
welches unter dem Pseudonym Norwald auf 
dem hiesigen Königlichen Theater 1809 gegeben 
wurde, hatte sich keiner Wiederholung zu erfreuen, und 
das Drama „Die Quadrone", sowie das Schauspiel 
„Gustav Adolph", das er 1882 veröffentlichte, fanden 
überhaupt nicht den Weg auf die Bühne. Die un 
ausbleibliche Wirkung des Alters machte sich nach und 
nach auch bei dem sonst so unverwüstlichen Kapitän 
geltend, der sich rühmen konnte, in seinem ganzen 
Leben Alles in Allem keinen Schoppen ^Feuer- 
wasser" getrunken zu haben, er wurde leidend, ging 
seltener aus und siedelte zuletzt nach Gelnhausen über, 
wo er ani 3. April d. I. gestorben ist, geboren war 
er am 18. März 1806 in Kassel 
Zur Charaktcrisirung der Art und Weise, wie 
Armand-Strubberg zu unterhalten verstand, sei mir 
vergönnt, Einiges aus meinem persönlichen Verkehr 
mit ihm wiederzugeben. 
Ich lernte Armand im Jahre 1866 kennen und 
der erste Abend, welchen ich mit ihm in einer Thee 
gesellschaft verbrachte, wird mir unvergeßlich sein, da 
er bei vortrefflicher Laune war und seinem Erzähler- 
talent die Zügel schießen ließ. Er sprach, wie man 
zu sagen pflegt, frei von der Leber, seine Rede mit 
lebhaftem Mienenspiel und Gestikulationen begleitend, 
dabei die ungeheuerlichsten Begebenheiten mit der 
größten Kaltblütigkeit bis in's Detail ausmalend. 
Es war trotzdem aber ein Vergnügen, ihm zuzuhören, 
denn der Zweifel, der hin und wieder an der That- 
sächlichkeit des Mitgetheilten auftauchen konnte, kam 
bei der virtuosen Manier, mit welcher Armand seine 
Erzählungen zur Geltung brachte, nur wenig in Be 
tracht. „Mit Louis Napoleon", so erzählte er u. A., 
„war ich eng befreundet, er liebte mich, obgleich ich 
ihn in Amerika einmal als Schnellläufer geschlagen 
hatte I. Als ich in den fünfziger Jahren auf meiner 
Reise nach Deutschland durch Paris kam, empfand 
ich große Lust, den alten Filou in den Tuilerien zu 
besuchen, aber verschiedene Umstände hinderten ulich 
daran. Dennoch sollte ich ihn zu Gesicht bekommen, 
und auch die Kaiserin, die schöne Eugenik, die ich 
bis dahin noch nicht kannte. Eines Tages befinde 
ich mich nämlich in den Elysäischen Feldern, als es 
plötzlich heißt: Der Kaiser kommt! — Auch die 
Kaiserin? frage ich. — Auch die Kaiserin! ent 
gegnet man mir. Ich dränge mich vor und stehe 
bald in der ersten Reihe des Spaliers, welches von 
den Spaziergängern gebildet wird. Der Wagen mit 
dem kaiserlichen Paare rollt heran, aber, o wehe, die 
Kaiserin saß auf der mir entgegengesetzten Seite und 
da sie unablässig zur Chaise hinausgrüßte, so wäre 
es mir unmöglich gewesen, ihr Gesicht genau sehen 
zu können, wenn Napoleon mich nicht, als ich den 
Hut abnahm, bemerkt und zu ihr ganz laut gesagt 
hätte: Siehe, da steht Strubberg! — Daraufhin 
wandte sie sich herum und ich sah, indem beide mich 
freundlichst grüßten, ihr pikantes Gesicht, voll spanischer 
Grazie. — Während meines damaligen Aufenthaltes 
in Paris", fuhr Armand fort, „fand ich am Schau 
fenster eines Buchladens Hsine's „Romanzero" aus 
gestellt; da ich dieses Werk meines Jugendfreundes 
noch nicht kannte, trat ich ein und kaufte es. Nun, 
sagte ich zu dem Verkäufer, der arme Heine ist also 
endlich seinen Leiden erlegen, denn ich hatte in einer 
brasilianischen Zeitung gelesen, daß er in einem 
italienischen Irrenhause gestorben sei — Aber nein, 
sagt der Buchhändler, Herr Heine lebt noch, zwar 
sehr elend, aber noch bei vollem Verstand. — Wo 
wohnt er? — Rue d'Arnsterdam Numero so und 
soviel! — Ich springe hinaus, nehme mir gar nicht 
die Zeit, erst in einen Fiacre zu steigen und laufe, 
was giebst du, was hast du, in die Rue d'Arnsterdam, 
Nummer so und soviel, vier oder fünf Treppen hin 
auf, bis ich vor seiner Stubenthüre stehe. Ich schelle, 
ein Weib tritt mir entgegen, schön wie der Morgen, 
die himmlische Mathilde. Ist Heine zu sprechen? 
frage ich sie. — Ich bedauere, erwidert sie, Henry 
nimmt keine Besuche mehr an. — Mich aber wird 
er annehmen! rufe ich. Mich, seinen besten Freund! 
Sagen Sie ihm nur, daß Strubberg da ist! — 
Aber da, na, da hätten Sie ihn hören sollen? Rein 
mit dem Strubberg! schrie er aus dem Nebenzimmer", 
rein mit dem Strubberg! als ob er geradezu toll ge 
worden wäre. Die alte, liebe Stimme war es uod), ich 
stürzte in feine Kammer und wünschte lieber, daß ich 
draußen geblieben wäre, denn was mußte ich sehen? 
Auf einem Bette lag ein Ding, das wie ein Zwerg 
l) Napoleon III. war als Prinz körperlichen Uebungen 
zugethan und hat auch einen Wettlauf in einer Arena 
unternommen, wobei er vor Beendigung desselben einen 
Blutsturz bekam. Was es mit der obigen Angaoe für 
eine Bewandtniß hat, muß dahingestellt bleiben.
        

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