Full text: Hessenland (3.1889)

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Von Kassel reifte ich') in einer sehr interessanten 
Gesellschaft bis Paderborn; es war ein Graf 
von Schulenburg-Oeynhausen, der seinen Sitz 
15 Stunden von Paris hat und vor zwei Jahren 
eine große Reise durch Südamerika gemacht. 
Jetzt kam er aus Italien, namentlich aus Neapel, 
hatte sich einige Monde zu Baden aufgehalten 
und wollte nun seine Güter in Westphalen be 
suchen. Um halb 10 Uhr kamen wir in Pader 
born an. Am anderen Tage besah ich die nicht 
unfreundliche Stadt mit ihren schönen Kirchen 
und machte die Besuche, welche der Zweck meines 
Hierseins waren. Aergerlich war mir die Nach 
richt, daß Bernhardt erst an demselben Morgen 
abgereist sei. In der Hoffnung, ihn noch zu er 
reichen, fuhr ich am nächsten Morgen nach Horn; 
der Weg war abscheulich, durch eine ununter 
brochene Fläche von Haide; oft konnte das Pferd 
nicht fort im tiefen Flugsande, dessen dunkele 
Farbe wie ein Leichentuch über der Gegend lag; 
eine Wanderung zu Fuß würde hier in jeder Hinsicht 
entsetzlich ermüdend sein. Nur wenige Dörfer 
finden sich hier und diese sind sehr verschieden von 
den unseren, sowohl hinsichtlich ihrer Anlage, als 
auch der Bauart ihrer Häuser. Es sind nur 
einzelne Höfe, welche einen stundenweiten Kreis 
beschreiben; die Häuser sind sehr niedrig, das 
Scheunenthor ist die Hausthür, die Wohnstube 
ist zum Theil zugleich Stall, nirgends zeigt 
sich ein Schornstein, der Rauch hat keinen anderen 
Abzug, als durch Thür und Fenster. Am 
meisten sieht man ganz einzelne Höfe, die gleich 
Inseln aus der weiten todten Haide sich erheben. 
Erst an der Lippe-Detmold'schen Grenze bei 
Schlangen beginnt eine Chaussee und die Gegend 
wird anders. Eine doppelte Eichenallee führt 
bis zum Fuße des Teutoburger Waldes. Ein 
wildes, dichtbewaldetes Gebirge, voll schroffer 
Abhänge und tiefer Gründe. Am Ausgange 
des Gebirges liegen die berühmten Extersteine, 
durch welche die Straße hindurchführt. In den 
Felsen gehauene Stufen führen bis zu den Gipfeln 
der mächtigen Klippen. In Horn erfuhr ich, daß 
Bernhardt bereits nach Hameln abgereist sei; 
dahin konnte ich nicht folgen und fuhr deshalb 
nach kurzem Aufenthalt über.das Bad Meinberg 
nach Detmold, um die des Abends nach Rinteln 
abgehende Post zu benutzen. Detmold ist ein 
recht freundliches Städtchen, das ich recht mit 
Muße durchschlendert habe, besonders zeichnet sich 
die Neustadt aus. Um das Schloß, welches ein 
tiefer Wassergraben umzieht, reihen sich einige 
nette Anlagen, an welche das Theater stößt. 
Gegen Abend stieg ich noch in das nahe Gebirg 
und streckte mich auf einem hohen Berggipfel 
nieder, von dem ich eine sehr schöne Aussicht 
genoß. Tief unten im Thalc lag Detmold, 
nordwestlich schaute ich über eine weite unendliche 
Fläche, südlich in ein wildromantisches Thal, voll 
einzelner Meierhöfe. Südwestlich zog sich die 
hohe Kette des Teutoburger Waldes hin. Es 
war der klassische Boden, auf dem Hermann die 
Römer schlug. Voll Phantasien umgaukelt blieb ich 
hier liegen, bis die Sonne die Gipfel des Gebirges 
vergoldete und endlich hinter dieser hohen ewigen 
Mauer, in heiliger Pracht niedersank. Des 
Abends um g'/s Uhr fuhr ich von Detmold ab 
und kam, nach einer Nacht voller Blitze, in der 
Morgendämmerung in Rinteln an. Recht liebe 
voll und freundschaftlich bin ich dort empfangen 
worden. Der Sonnabend') und Sonntag verstrich 
unter Besuchen und Einladungen; nachdem ich 
mich mit der dortigen Regierungs-Deputation 
benommen, setzte ich meine Abreise nach Bücke 
burg ans Montag Mittag fest. (Sonntag Vor 
mittag war ein sehr heftiges Gewitter.) Be 
gleitet von Pfarrer Piderit, Di-. Fuldncr und 
Herrn v. Wille kam ich endlich hier an und befinde 
mich recht wohl bei diesem heitern Völkchen. 
Meine Tischgesellschaft besteht tu der Regel aus 
einem englischen Hauptmann Adair, einem Stall 
meister von Apell (einem Hessen), einem Kon 
rektor Krüger und Professor Tischbein. ^) In 
der Regel werden des Nachmittags Spaziergänge 
gemacht, das scheint bei den hiesigen Staats 
dienern nothwendig zu sein. Sv war ich am 
Dienstag etwa eine Stunde von Bückeburg auf 
der sog. Kluse in Gesellschaft des Kammer- 
direktors und einiger Mitglieder der Regierung. 
Am Mittwoch besuchte mich der Deputirte 
Knipping von Rinteln und brachte mir Grüße 
von Bernhardt, der heute oder morgen hier ein 
treffen wird. Er hatte seine eigene Kutsche uub 
wollte nach Minden, ans sein Drängen fuhr ich 
mit. Minden ist eine alte winkelige Stadt, hat aber 
einige alte Häuser von einer herrlichen Architektur. 
Ungeheure Grübe» und Wälle umgeben die 
Stadt, und die sog. Militürvvrstadt bildet eine 
eigene Festung, gleichsam die Citadelle. Hier 
stand ich vor der porta westphalica, aus der 
stolz die Weser in die nun bis zum Meere un 
unterbrochen sich streckende Ebene herabströmte. 
Mit Bernhard! werde ich die Pforte besuchen. 
Mit dem 18. Oktober beginnt eine Dampfschiff 
fahrt zwischen Minden und Bremen, welcher 
') 26. September. 
2 ) Karl Ludwig Tischbein, geb. 1797 zu Dessau, 
seit 1827 Hofmaler und Professor in Bückeburg, gestorben 
daselbst am 17. Februar 1855, entstammte der berühmte» 
hessischen Künstlersamilie Tischbein. Sei» Vater war 
Friedrich August Tischbein, Direktor der Kunstakademie zu 
Leipzig, gest. 1812 zu Heidelberg. 
') 23. September.
	        

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