Full text: Hessenland (3.1889)

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sein: Wen habe ich die Ehre in meinem Haus zu 
empfangen? Und als dieser antwortete: ich bin 
Graf Donnersmark, soll der Pfarrer gleich weiter- 
gefragt haben.- um Vergebung von der braunen oder 
von der schwarzen Linie? Ganz verwundert rief der 
Offizier: Aber, Donnerwetter! wie wissen Sie denn 
von solchen Dingen? Sind Sie aus Schlesien? 
Das nicht, erwiderte der Pfarrer; aber ich weiß recht 
wohl, daß sich Ihre Familie vor 100 Jahren in 
diese zwei Linien getheilt hat, und kann Ihnen aus 
jeder derselben eine Anzahl Namen nennen. Nein, 
das begehre ich nicht, antwortete der Offizier. Meine 
Vorfahren, die Schwarzen und die Braunen, mögen 
ungestört in Ihrem Gedächtniß ruhen; mich verlangt 
jetzt nur nach einem Platz, wo ich mich nach dem 
langen Ritt erholen kann. 
Und wer war der Mann mit dem außerordentlichen 
Gedächtniß? Es war der Pfarrer Egger von 
Zella bei Ziegenhain. Er gehörte nicht zu den 
hervorragendsten Gliedern seines Standes, aber an 
genealogischem Wissen hat es ihm weder vorher noch 
nachher irgend einer seiner Standesgenossen gleich 
gethan. K. W. 
Das Walpertsmännchen. So hieß in dem 
Dorfe Salzberg am Eisenberge im früheren Amt 
Raboldshausen (Neuenstein), jetzt zu dem Amtsgericht 
Homberg gehörend, derjenige Gemeindeangehörige, 
welcher den 6 Gnacken betragenden Rutscherzins der 
Gemeinde jährlich am Walburgistag an die Herren 
von Buchenau nach Bucheuau zu liefern hatte. Das 
Walpertsmännchen mußte am I. Mai frühmorgens 
um 6 Uhr sich in dem, etwa 7 Wegstunden von 
Salzberg entfernten Buchenau einfinden und mit dem 
Schlage sechs bereits, es mochte Witterung sein, 
welche es wollte, auf einem bestimmten Steine der 
Brücke vor dem Buchenauischen Schlosse sitzen. Ver 
spätete es sich, so wuchs der Zins in geometrischer 
Progression; am Walburgis-Abend hätte die ganze 
Gemeinde des kleinen Dorfes Salzberg den Zins 
nicht mehr bezahlen können (es würde derselbe, da 
der Gnacke 6 Heller betrug, um 6 Uhr Abends auf 
384 Thaler, nach unserem heutigen Gelde 1152 Mk., 
angewachsen sein); deshalb verwarnte auch der Beamte 
auf dem Neuenstein jedesmal die Gemeinde, und 
diese gab dem Walpertsmännchen zwei Begleiter mit, 
für den Fall, daß ihm ein Unglück begegnete. Saß 
aber das Walpertsmännchen zur rechten Zeit auf 
dem Steine, so mußten es Die von Buchenau begrüßen 
lassen, worauf es die Gnacken zahlte. Darauf wurde 
es ^nit vorgeschriebenen Speisen reichlich bewirthet, 
und wenn es hierbei in drei Tagen nicht einschlief, 
mußten es die Zinsherren lebenslänglich verpflegen. 
Schlief es aber ein, so wurde es ungesäumt aus 
der Burg weggeschafft. — So lesen wir in dem 
„Hersfelder Jntelligenzblatt" , Jahrgang 1802, 
herausgegeben von den Gymnasiallehrern Lorenz 
Kraushaar und Georg Philipp Schuppius. Auch 
Jakob Grimm und A. F. C. Vilmar beschäftigen 
sich mit diesem Gebrauche, ersterer in seinem Werke 
„Deutsche Rechtsalterthümer" (S. 388), letzterer in 
seinem „Idiotikon" (S. 440). In dem „Hersfelder 
Jntelligenzblatt", S. 9, vom 31. Mai 1802, ist 
auch ein Gedicht enthalten, welches von dem da 
maligen Besitzer der Buchenauischen Herrschaft, dem 
Freiherrn Julius von Buchenau, dem Vorletzten des 
einst so fehdelustigen, merkwürdigen und bedeutenden 
Geschlechtes, verfaßt und an einen der Herausgeber 
des genannten Hersfelder Blattes gesandt, gewisser 
maßen der Schlüssel zu jener Schilderung ist. Wir 
lassen es hier folgen: 
Das Walpertsmännchen. 
Das Walpertsmännchen nennen wir den Mann, 
Der mir Walburgis muß sechs Gnacken zahlen 
Und dann das Recht hat, herrlich hier zu leben. 
Die Sitte hält Jahrhunderte schon an. 
Walburgis früh, Schlag sechse, trifft er ein, 
Er setzt sich einsam hier auf meine Brücke, 
Kommt näher nicht, bis ich ihn erst beschicke, 
Und was er bringt, muß alte Münze sein. 
Bestimmt ist auch, was ich ihm geben soll: 
Gekochtes Fleisch, Gebackenes und Braten, 
Der alte Thorwart wird zum Mahl geladen 
Und beide trinken sich die Köpfe voll. 
Auch darf er bleiben, bis er Schlaf bekommt, 
Trinkt Bier und Schnaps vor, bei und nach dem Essen 
Und wandert jährlich zu mir her aus Hessen. — 
Nun denke hin, was solch' ein Zins mir frommt? 
So gibt's noch manchen Brauch in unserm Gau, 
Viel Alterthümer, viele alte Rechte, 
Der Hut an eurem Rathhaus dort, ich dächte, 
Der stammte auch von einem Buchenau! — *) 
Der Gebrauch, welcher sich bis in das 15. Jahr 
hundert zurückverfolgen läßt, hat sich bis zum Jahre 
1806 erhalten. 
K. Z. 
*) Das ist wohl ein Irrthum. Der Eisenhut, welcher 
zur Erinnerung an die denkwürdige Vitalis-Nacht (28. April) 
1378 am Nathhause zu Hersfeld aufgehängt ist, soll nicht 
von einem Buchenau, sondern von einem Ritter Eberhard 
von Engern herstammen.
        

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