Volltext: Hessenland (3.1889)

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„Das Spielzeug der Männer? Else ich bitte 
Dich." 
Dem blonden Herrn, welcher ans der äußersten 
Ecke derselben Bank saß, war der Katalog längst 
aus den Händen geglitten und er hatte sein 
Ohr, während die Augen an dem Bilde des 
Kanzlers hingen, dem Gespräche der beiden 
jungen Damen geliehen. Bei den letzten Worten 
Luciens, die so angstgejagt über ihre Lippen 
geflogen, wandte er den Kopf und sah in ein 
fremdes, bleiches Gesicht, das von zwei großen 
Augen seltsam durchgeistigt wurde. Er hatte 
das Gefühl, als sei ein so weiches und doch 
selbstbewußtes Angesicht ihm bis jetzt nur in 
Museen auf alten Bildern begegnet, der Aus 
druck ihrer Züge war so traumhaft sinnig, als 
habe eine ferne, stillere Zeit sie gemeiselt. 
„Hast Du Ibsens „Nora" niemals auf der 
Bühne gesehn?" tönte Else's etwas scharfe 
Stimme in sein träumendes Sinnen hinein", 
die dramatische Wirkung ist ja geradezu klassisch." 
„Ich habe das Stück gelesen — ja — 
antwortete Lucie langsam — jetzt wieder mit 
gesenkten Lidern, „es hat mich gefesselt, aber 
ich habe, ehrlich gestanden, nicht recht begriffen 
— warum — —" 
„Warum sie von ihrem Manne fortgeht? 
Nicht begriffen? Ich bitte Dich, Lucie, hat es 
Dich denn nicht indignirt, wie er so gar kein 
Verständniß für ihr großes Opfer zeigt und wie 
ihm das Urtheil der Welt mehr gilt als sein 
Weib?" 
„Er hat überhaupt keinen Charakter und ist 
nicht maßgebend - mich jammern nur die 
Kinder — aber ich glaube, ich bin nicht reif für 
diese Fragen, Else, sie beängstigen mich." 
„Nun ich meinentheils — ich würde gerade 
handeln wie Nora", sagte Else ihren Kopf mit 
einer selbstbewußten Miene nach links werfend, 
wo der blonde Herr saß und wieder sorgfältig im 
Kataloge blätterte, „ich würde mich, unter allen 
Verhältnissen von meinem Manne trennen — 
wenn — — 
„Wenn?" fragte Lucie. 
„Nun wenn — wenn — wenn er mir nicht 
gleiche Rechte einräumen wollte." Lucie 
lächelte, aber während Else ihren Platz behauptete 
und die Toiletten der Damen musterte, die an 
ihr vorüber schwebten, war sie aufgestanden und 
durchwandelte den ernsten Raum. Das mit 
Else geführte Gespräch beeinträchtigte ihren 
Genuß und sie hätte mit sich selbst hadern mögen, 
daß ihr Fühlen und Denken, durch einsames 
Leben, eine so einseitige Anschauung gewonnen 
hatte. 
Was konnte das Schicksal ihrer novellistischen 
Skizzen sein, die sie vor kaum Monatsfrist in 
die Welt geschickt hatte? Sie schämte sich, mit 
ihren einfachen, poetischen Bildern bis in die 
tiefste Seele hinein und hätte Vieles darum ge 
geben, wenn diese Blätter niemals aus ihren 
Händen gegangen wären. Es überkam sie eine 
seltsame Angst, bei allen den großen Gedanken, 
die hier mit der Kunst vermählt waren, und 
doch wieder fühlte sie ihr eigenes Verknüpftsein 
mit denselben. 
Hatte denn nicht schließlich Alles seine 
Berechtigung — und konnte nicht Jeder die 
Welt so malen und dichten, wie sie sich in 
eigener Seele gab? 
Sie wav wieder bis dicht vor Else angekommen, 
und ohne auf den jungen Mann zu achten, der noch 
immer auf demselben Platze saß — sagte sie: 
„Weißt Du Else, daß ich, trotzdem ich gar 
keiner Richtung angehöre und ihre Absichten nicht 
verstehe, es doch gewagt habe einige poetische 
Skizzen in die Welt zu schicken? 
„Du Lucie?" 
„Ja, ich." Was kann mir passiren? 
Höchstens, daß man sie mir als ungenügend 
zurückschickt und das wird mich gar nicht ab 
schrecken, kein Bischen. Ich werde dann erst 
recht studiren, prüfen und denken — auch wenn 
ich niemals verstehen lerne, warum die neue 
Richtung — so durchaus „Richtung" sein muß. — 
„Und unter Deinem eigenen Namen läßt Du 
etwas Wirkliches drucken?" 
„Ja wohl — unter meinem eigenen Namen, 
sagte jetzt Lucie, von ihrer eigenen Angst an 
gefacht, "während ein seltsames Leuchten über 
ihre Züge ging. „Skizzen von Lucie Florau" 
— was weiter? Mein Bruder hat es über sich 
genommen, den wilden Blättern, wie er sie 
nennt, ein Unterkommen zu verschaffen." 
„Aber man wird sie niemals drucken!" 
„Das thut nichts, so habe ich wenigstens 
alles empfunden und geschrieben." 
Der junge Mann, der bis jetzt regungslos 
gesessen hatte, erhob sich bei den letzten Worten 
und maß das schlanke, schöne Mädchen, über 
deren blasses Gesicht sich ein feines Roth ergossen, 
vom Kopf bis zu den Füßen. 
„Ach, da ist Lilli Perser" hörte er Elses 
scharfe Stimme in seine Träume hinein — 
„entschuldige mich ein paar Augenblicke, Lucie — 
ich -" 
„Und ich — ich gehe noch einmal zur Madonna 
zurück — dort findest Du mich." Und während 
Elses rothes Kleid in einem Knäuel ähnlicher 
Farben verschwand, schritt Lucie, das Herz von 
Schönheit und Kunst geschwellt, durch die Reihe 
der Säle, bis zu dem schlichten Bilde der 
Madonna von Gabriel Max.
        

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