Full text: Hessenland (3.1889)

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Tagen den Europamüdeu noch als die „iteite SBelt“ 
erschien, wo die phantastischsten Träume sich verwirk 
lichen ließen. Amerika war übrigens schon damals 
für Strubberg kein fremdes Land, da er bereits vor 
der Veränderung seiner Familienverhältnisse eine 
Reise dorthin unternommen hatte. Die vorzügliche 
Ausbildung, welche er in seiner Jugend in allen 
körperlichen Uebungen, besonders aber im Reiten und 
Schießen, erhalten, kam ihm bei dem neuen Leben, 
das er nun führte, wohl zu statten, denn er drang 
bekanntlich bis in die Wildniß des amerikanischen 
Westens vor und lebte dort an der Leone „viele 
Jahre lang in einer hölzernen Festung mitten unter 
den Wilden", mit denen er sich herumschlug, bis sie 
ausfindig machten, daß „Strubba", wie sie ihn 
nannten, nicht allein mit der Flinte, sondern auch 
mit der Medizin umzugehen verstand, worauf sie 
Freundschaft mit ihm schlossen. Ein leicht empfäng 
licher Kopf, hatte er, in seiner Abgeschiedenheit von 
den Stätten civilisirter Menschen, die Wichtigkeit des 
Gegenstandes wohl erkennend, sich der ärztlichen 
Wissenschaft zugewendet, ebenso wie er sich noch in 
seinen alten Tagen in Deutschland mit der Juristerei 
vertraut machte. Da die „Medizinmänner" aber bei 
den Indianern in noch höherem Ansehen stehen, wie 
bei uns, so ist es leicht erklärlich, daß Strubberg bei 
den Rothhäuten bald einen gewissen Einfluß erlangte. 
Von allgemeiner Bedeutung aber wurde sein Aufent 
halt in Amerika durch die Gründungen des deutschen 
Fürsten-Vereins in Texas. Dieser Verein war durch 
die schon in den dreißiger Jahren stark auftretende 
Auswanderung deutscher Unterthanen nach Amerika 
entstanden, und hatte den Zweck, wie auch sein Name: 
„Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in 
Texas" besagte, die Europamüden in ihrer neuen 
Heimath so viel als möglich vor den Uebergriffen der 
älteren Kolonisten zu schützen, vielleicht aber rechnete 
man auch mit dem Umstand, bei den günstigen Be 
dingungen, unter welchen die Auswanderungslustigen 
nach Texas befördert wurden, auf gute Manier eine 
Anzahl unruhiger Köpfe los zu werden. Unter der 
Leitung des Prinzen Carl Selms zu Braunfels 
brachen die ersten Auswandererzüge nach dem jen 
seits des Weltmeeres gelegenen gelobten Lande auf, 
und da das von den Vereinigten Staaten für 200 000 
Dollars gekaufte Territorium vorläufig sich noch als 
völlig ungeeignet znm Ansiedeln erwies, so erwarb 
Prinz Solms noch einen weiteren Länderstrich in 
einer günstigen Lage an der Guadelupe und gründete 
daselbst die erste Kolonie, die Stadt Neu-Braunfels, 
worauf er wieder nach Deutschland zurückkehrte. Bald 
aber wuchsen die Auswanderer, welche unter dem 
Protektorate des deutschen Fürstenvereins nach Amerika 
segelten und Neu-Braunfels aussuchten, zu einer 
Masse an, auf welche man nicht gerechnet hatte. Es 
fehlte zuletzt an dem Nöthigsten und die Folge davon 
war, daß eine verherende Epidemie unter den An 
siedlern ausbrach. In diesem kritischen Moment, wo 
das Fortbestehen der ganzen Niederlassung in Frage 
gestellt schien, wurde Strubberg zum Kolonial-Direktor 
berufen und übernahm zugleich die Behandlung 
sämmtlicher Kranken. Als die Epidemie erloschen 
war, führte er, nachdem er in Neu-Braunfels ein 
Waisenhaus errichtet hatte, gegen fünfzig Familien 
hundert Meilen weiter nördlich über die Pierdenales, 
wo er die zweite Kolonie, die Stadt Friedrichsburg, 
wahrscheinlich nach seinem Rufnamen also benannt, 
gründete. In dem Vorwort zu seiner „Friedrichs 
burg" betitelten Erzählung, welche er dem Herzog 
Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha gewidmet hat, 
schreibt unser Landsmann: „In dem nachfolgenden 
Werke gebe ich ein Bild aus dem bedeutungsschwersten 
Abschnitt meines ereignißreichen Lebens, bedeutungs 
schwer durch meinen Einfluß auf das Schicksal vieler 
Tausend Deutscher, welche damals meiner Fürsorge 
bedurften. — Wie manches Band der Verwandt 
schaft, der Freundschaft, der Liebe wurde damals nach 
dem fernen Wunderlandc gespannt, wie mancher heiße 
Wunsch zog mit den dahineilenden Freunden über 
den weiten Ocean nach dem verheißenen Paradiese, 
und wie mancher innige Herzensgruß wandert wohl 
noch immer aus der alten deutschen Heimath durch 
den ungemessenen Raum nach dem wonnigen, sonnigen, 
ewig grünen Texas hinüber!" An der Leone hatte 
Strubberg den Beinamen der „große" oder auch der 
„unverwüstliche Kapitän" erhalten, jetzt nannte man 
ihn den „Städtegründer." Nach einem fast zwanzig 
jährigen Aufenthalte an der Jndiancrgrenze, allein 
unterbrochen durch die Theilnahme an dem Kriegs 
zug der Nord-Amerikaner gegen Mexico, beschloß 
Strubberg, endlich einmal wieder die alte Heimath 
aufzusuchen, einestheils durch die Sehnsucht nach 
seiner Schwester dazu getrieben, andererseits aber 
auch durch ein Augenleiden bewogen, welches durch 
einen Insektenstich hervorgerufen worden war und 
ihm für einige Zeit die größte Schonung auferlegte. 
In Kassel wurde Strubberg von seiner einzigen 
Schwester Emilie auf das Zärtlichste empfangen und 
fand auch bald in den höheren Gesellschaftskreisen 
die freundlichste Aufnahme. Er war eine weitgereiste, 
interessante Persönlichkeit, mit einem fcffctiibcu Er- 
zühlertalent begabt, und so konnte es nicht fehlen, 
daß er ungewöhnliches Aufsehen erregte und außer 
den alten Freunden, auch die jüngeren hiesigen 
Männer von Welt mit ihm in nähere Verbindung 
traten. Manchen Nachmittag und Abend verbrachte 
er in ausgewählter Gesellschaft im Hotel ©d)oiu- 
bardt auf der Wckhelmshöhe, und die Aufmerksamkeit, 
welche die Zuhörer den Erzählungen der Abenteuer, 
die er im fernen Westen bestanden, schenkten, war so 
groß, daß der verstorbene Oberstallmeister von Esch- 
wege ihn, als die Zeit der Abreise herannahte, auf 
forderte, das Mitgetheilte niederzuschreiben und das 
Manuskript seinen Freunden zum Andenken zu über
        

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