Full text: Hessenland (3.1889)

133 
Schau trug. Er verglich sich mit Vorliebe einem 
braven immer gerüsteten und des Befehls ge 
wärtigen Soldaten, der durch Gegenwart des 
Geistes und durch Muth die Gefahren besteht. 
Mit dieser Derbheit und anscheinenden Rücksichts 
losigkeit war aber nicht nur ein gutes Theil 
Gutmüthigkeit und Dienstfertigkeit, sondern auch, 
was man nicht hätte erwarten sollen, ein hoher 
Grad von Eitelkeit verbunden, die er, wie er 
denn überhaupt geradeaus war, überall un- 
gescheut an den Tag legte. Besonders that er sich 
viel auf seine Bekanntschaft mit den angesehensten 
Männern der Wissenschaft zu gut und nahm es 
sehr übel, wenn diese durch Marburg reisten, 
ohne ihn zu besuchen. So schreibt er in einem 
Brief: „Ich habe Erfahrung, ich kenne die Welt 
von allen Seiten und habe Verbindung mit 
Tausenden von Menschen. Mit der halben katho 
lischen Welt stehe ich in Verbindung; die Dal 
berg, Bibra, von Beroldingen, sind alle 
meine Freunde." Man hat ihn, und nicht mit 
Unrecht, mit einem ungeschliffenen Diamanten 
verglichen. Denn bei seinen mannigfachen guten 
Eigenschaften des Geistes und des Herzens fehlte 
ihm doch 4 — die Willenskraft zur Selbst 
beherrschung. 
Dies zeige sich besonders in seinen letzten 
Lebensjahre». Er hatte sich, schon fast 60 Jahre 
alt, zum zweiten Male verheirathet und zwar 
mit seiner bisherigen Haushälterin Namens 
Karvline Drebieg. Diese war ihm aber 
keineswegs eine ebenbürtige und edelgesinnte 
Lebensgefährtin, wie es seine erste Frau gewesen, 
und vermochte namentlich keinen Einfluß auf ihn 
zu üben. So wurde seine Leidenschaft für den 
Wein mit jedem Tage größer. Diese Schwäche 
machte sich ebensowohl in seinen Vorlesungen, 
wie in seiner ärztlichen Thätigkeit fühlbar. Stand 
er nicht unter dem Einfluß des Weines, so offen 
barte sich seine frühere Tüchtigkeit; im entgegen 
gesetzten Fall waren seine Leistungen oft sehr 
klägliche. Aber trotz wiederholter Schlaganfälle, 
von welchen ihn seine Kollegen, die Professoren 
Busch und Michaelis, durch ihre Geschicklich 
keit hergestellt hatte», konnte er der verderblichen 
Leidenschaft nicht widerstehen. So kam es, daß 
ein Mann, dessen kräftiger Körperbau für ein 
hohes Alter bestimmt zu sein schien und dessen 
Geschicklichkeit der leidenden Menschheit noch für 
manches Jahr hätte Segen bringen können, schon 
in der Mitte der sechziger Jahre durch den am 
2. Januar 1804 eintretenden Tod seinem Beruf 
entrissen wurde — ein warnendes Beispiel, daß 
auch die tüchtigste Kraft, wenn sie nicht geschont 
und in rechter Weise angewendet wird, wenn sie 
namentlich des festen religiösen Haltes entbehrt, 
vor der Zeit dem Sicchthum oder gar dem Tode 
verfällt. 
:•-*«- 
Aus Armand's Weben 
Von W. Dennecke. 
Es war im Herbste deö Jahres 1854, als in 
den Straßen Kassels, die damals noch nicht so belebt 
waren, wie heutzutage, eine eigenartige Männergestalt 
die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Man 
fragte sich, wer der hochgewachsene Mann mit dem 
langen, wellenförmig gedrehten Schnurrbart, der 
schwarzen Binde über dem einen Auge, dem spitzen, 
schräg aufgestülpten Cylinder und dem großen mit 
dem einen Ende über die Schulter geschlagenen Reiter- 
mantel wohl sein möge? Mit langen schnellen Schritten 
eilte er dahin, bei den ihm Begegnenden den 
Eindruck des Fremdartigen, sowie einer stürmi 
schen Vergangenheit, hervorrufend. Der jüngeren 
Generation war der neue Ankömmling völlig fremd, 
der älteren aber war er von zwanzig, dreißig Jahren 
her bekannt und es hieß: „Es ist der Fritz Strub 
berg, der aus Amerika herübergekommen, um seine 
Schwester zu besuchen." Strubberg's Vater, aus 
Holland stammend, war der Besitzer einer hiesigen 
Tabaksfabrik gewesen und der Heimgekehrte selbst 
hatte in den dreißiger Jahren, nachdem er in Bremen 
die Handelswissenschaft erlernt, einer Filiale in 
Münden vorgestanden. Strubberg's Eltern machten 
in Kassel ein großes Haus und der damals in voller 
Jugendblüthe stehende Fritz erschien als der verzogene 
Liebling des Glücks. Es wehte durch jene Zeit noch 
ein romantischer Zug, und man scheute sich nicht, den 
selben auch im Aeußeren zu erkennen zu geben. Der 
junge Strubberg besaß eine glühende Phantasie, eine 
ansprechende Persönlichkeit und war der Sohn eines 
reichen Kaufherrn, was fehlte ihm also, um der 
Löwe des Tages zu sein? Noch erinnerte man sich 
seiner, wie er über den Friedrichsplatz, von aus 
erlesenen Rüden begleitet, im phantastischen Kostüm 
ä la Abällino zur Jagd auszog und die Bewunderung 
der Damen erregte. Aber dem Glücklichen, Viel- 
beneideten sollten mit der Zeit die Bitternisse des 
Lebens nicht vorenthalten bleiben, die Fabriken seines 
Vaters gingen in andere Hände über und Fritz 
Strubberg war auf seine eigene Thatkraft angewiesen. 
Sein abenteuerlicher Sinn führte ihn nach Amerika, 
dem goldenen Lande der Freiheit, welches in jenen
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.