Full text: Hessenland (3.1889)

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Gesundheit. Der Eine sprach's, der Andre thnt's 
und — ward wirklich gesund. 
Wenn er in ein Hans wohlhabender Leute ge 
rufen wurde, so liebte er es, daß in dem Zimmer, 
in welchem man ihn empfing, zwei brennende 
Kerzen und eine Flasche Wein auf dem Tisch 
standen. Dann Pflegte er erst ein oder einige 
Gläser Wein zu trinken und sich darauf der 
Heilung des Kranken zu widmen. Arnie Leute 
behandelte er unentgeltlich, Reiche ließ er desto 
ausgiebiger zahlen. Dafür nur ein Beispiel! 
Einst kam ein reicher Jude Namens Feidcl, 
der von ihm geheilt worden war, um sich zu 
erkundigen, wieviel er zu zahlen habe. Baldinger 
streckte die flache Hand aus und sagte: Zähl' 
auf! Als Feidel die Hand mit großen Geld 
stücken bedeckt hatte, und mit einem fragenden 
Blick, ob es nicht genug sei, emporsah, streckte 
Baldinger auch die andere Hand aus und rief: 
Noch nicht genug! Was Du gezahlt hast, das 
ist für meine geringe Thätigkeit. Nun zahle 
noch besser für die Armen, um Deinen Dank für 
die von oben geschenkte Heilung auszudrücken! - 
Mit Leuten, denen er keine besondere Rücksicht 
schuldig zu sein glaubte, pflegte er in barschem 
Soldatenton zu sprechen, zum Beispiel: Nun, 
alter Kamerad, wo fehlt's denn? Streck einmal 
Dein Bayonnet (die Zunge) heraus! Es ist zwar 
arg verrostet, aber für diesmal wollen wir es 
wieder blank machen. Wenn Du aber in Deinem 
Schlaraffenleben fortfährst, so heißt es: Marsch 
zur großen Armee (der Todten)! Absonderlich 
war, wie auch aus der eben erzählten Aeußerung 
hervorgeht, seine Vorliebe für alles Militärische. 
Namentlich erzählte er gern aus der Zeit, als 
er bei den preußischen Truppen Arzt war, und 
wenn er sich ein Vergnügen machen wollte, so 
legte er seine hessische Stabsarzts-Uniform an, 
schritt in militärischer Haltung aus seiner Woh 
nung — sie lag am Marktplatz im Haus 
Nr. 15 — an der Hauptwache vorüber und grüßte 
mit wohlwollendem Lächeln die unter das Gewehr 
getretene Mannschaft, welcher er später einen 
sogenannten kleinen Thaler (jetzt etwa zwei Mark) 
zu einem frischen Trunk zusandte. In dieser Vor 
liebe ging er soweit, daß er sogar seine aus 
16 000 Bünden bestehende Bibliothek militärisch 
ordnete. Am Eingang zu derselben standen zwei 
von dem Universitätsmaler Keßler auf lange 
Bretter in Lebensgröße gemalte hessische Grena 
diere, — einer derselben ist noch jetzt in Marburg 
zu sehen — welche dieselbe Uniform trugen, in 
der ihr Regiment 1776 nach Nordamerika aus 
gezogen war. Die Bücher waren in drei Ab 
theilungen gesondert. Die Folianten trugen die 
Uniform der hessischen Artillerie, die Quartanten 
die der Reiterei, die Oktavbände die der hessischen 
Infanterie-Regimenter. Diese Eintheilung war 
so streng durchgeführt, daß er einem Studenten, 
welcher ihn um ein bestimmtes Buch bat, ant 
worten konnte: Gehen Sie in meine Bibliothek 
und holen Sie sich den Flügelsmann vom Regi 
ment von Biesenrvth! 
Diese Bibliothek mahnt uns endlich noch an eine 
Seite in Baldinger's Wirksamkeit, die ihm viel 
leicht vorzugsweise beu Namen des hessischen 
Aeskulaps verschafft hat, nämlich an seine schrift 
stellerische Thätigkeit. Die Bibliothek war nicht 
nur durch ihren Umfang, sondern auch durch 
ihren Inhalt bedeutend. Sie enthielt außer den 
nainhaften Werken über die verschiedenen Zweige 
der Heilkunde auch aus vielen anderen Fächern 
die Werke der berühmtesten Schriftsteller. Er 
besaß nämlich nicht blos in der Medizin, sondern 
auch auf anderen Gebieten, sogar in der alt 
klassischen Literatur, eine ausgebreitete Belesen 
heit und war dauernd bemüht, sic zu erweitern. 
Damit verband sich bei ihm das Bestreben, seine 
Fachgenvssen mit allen Fortschritten der Heil 
kunde und der Naturwissenschaften überhaupt be 
kannt zu machen und sie vor dem Schlendrian 
des handwerksmäßigen Heilkünstlers zu bewahren. 
Zu dem Ende gab er von 1770 bis 1708 das 
neue Magazin für Aerzte und von 1785 bis 
1802 das medizinische Journal heraus. Daneben 
verfaßte er zu gleichem Zweck eine Menge vvil 
meist kleineren Werken. Er gehörte nämlich zu 
den fruchtbarsten Schriftstellern seiner Zeit. In 
der zu seinem Gedächtniß voll Professor Fried 
rich Creuzer verfaßten Abhandlung werden 
84 Schriften von ihm angeführt. Sie sind aller 
dings von ungleichem Werth und enthalten mehr- 
rasch hingeworfene gute Gedanken als gründliche 
Forschungen. Ja manche sind nur Spielereien, wie 
z. B. das im Jahre 1800 zu Ehren des Haupt 
manns und Professors der Kriegswissenschaften, 
Franz Schleicher, veröffentlichte Büchlein 
„über das Schießpulver der Artilleristen und das 
Brechpulver der Aerzte." Aber immerhin haben 
sie in damaliger Zeit das medizinische Studium 
wesentlich gefördert und werden zur Erfüllung 
seines aus Horaz entnommenen Lieblings 
wunsches: „non omnis moriar“ nicht wenig bei 
tragen. 
Wenn wir uns ein Bild von Baldinger in 
seiner Blüthezeit machen wollen, so müssen wir 
uns einen Mann von kräftiger mtb stattlicher 
Gestalt vorstellen, einen Mann, der mit treff 
lichen Gaben, mit wissenschaftlichem Eifer, mit 
ausgebreitetenKenntnissen, mit Scharfsinn, nament 
lich für seinen Berns, mit Witz und heiterer 
Laune ausgerüstet war. In seinem 18inonat- 
lichen Kriegsleben hatte er sich eine soldatische 
Derbheit angewöhnt, die er auch später gern zur
        

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