Volltext: Hessenland (3.1889)

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gestatteten ihm daher gern, bisweilen auf längere 
Zeit die nahegelegene Universität Wittenberg 
zu besuchen und im Umgang mit den Professoren 
seine medizinischen sowie seine allgemein-wissen 
schaftlichen Kenntnisse zu erweiteren. Seine Fort 
schritte in letzteren müssen auch nicht unbedeutend 
gewesen sein, da man ihm dort von freien 
Stücken die Würde eines Doktors der Philosophie 
zuerkannte. Ja, es sollte ihm daselbst noch ein 
größeres Glück blühen. Er lernte in einem der 
ihm befreundeten Häuser ein an Gütern armes, 
aber an Bildung reiches, edelgesinntes und frommes 
Mädchen kennen, welches mit seiner Hände Arbeit 
der Mutter, einer in Langensalza lebenden 
Predigerwittwe, den Lebensunterhalt verdienen 
half, damals aber zur Pflege einer kranken Schwester 
sich in Wittenberg aufhielt. Von ihrem Lieb 
reiz entzückt bat er um ihre Hand und zog das 
große Loos, in ihr eine geliebte und liebende 
Frau zu finden, die stets bemüht war ihrem 
Manu das Haus zu einer Stätte geistiger und 
leiblicher Erholung und Erquickung zu machen. 
Nach dem Hubertsburger Frieden, durch welchen 
der siebenjährige Krieg im Anfang des Jahres 
1763 beendigt wurde, entsagte Baldinger seiner 
bisherigen Stellung, ließ sich in Langensalza als 
Arzt nieder und führte dort im Jahr 1764 seine 
Braut — sie führte den glückverheißenden Namen: 
Friederike Gutbier — als Gattin tu sein 
Haus. Vier Jahre später, nachdem er sich durch 
seine Schriften, namentlich durch die über die 
Krankheiten der Soldaten, in der gelehrten Welt 
einen Namen gemacht batte, wurde er zum Pro 
fessor nach Jena, einige Zeit später nach 
Göttingen und im Jahr 1782 von Fried 
rich II., Landgrafen von Hessen-Kassel, als Leib 
arzt, als Lehrer am Collegium Carolinum und 
als Oberarzt eiitiger Truppenabtheiluugen mit 
dem Titel Hofrath nach Kassel berufen. Sein 
Einzug am 17. April 1782 glich einem Triumph 
zug. Denn eine Schaar von 36 seiner Göttinger 
Zuhörer, welche ihren Lehrer zu Roß geleiteten, 
umgab seinen Wagen. Als Baldinger am folgen 
den Morgen seinem neuen Landesherrn auf der 
Parade seine Begleiter vorstellte, hatte derselbe 
die Gnade sie niit blank gezogenem Degen ehren 
voll zu begrüßen. Auch in Kassel erwarb er sich 
durch seine unverdrossene Thätigkeit und durch 
seine Geschicklichkeit allgemeine Anerkennung und 
würde vielleicht bis an sein Ende daselbst geblieben 
sein, wenn nicht der Nachfolger des Landgrafen 
Friedrich, sein Sohn Wihelm IX., um die Uni 
versität Marburg zu heben, das Collegium 
Carolinum aufgehoben und die an demselben an 
gestellten Lehrer nach Marburg versetzt Hütte. So 
kam Baldinger wieder an eine Universität, aber 
leider als Wittwer. Seine geliebte Friederike 
war ihut kurz vor der Uebersiedelung durch beit 
Tod entrissen worden, nachdem sie ihm vier 
Söhne und zwei Töchter geschenkt hatte. Doch 
nur die letzteren überlebten den Vater. Die 
Söhne waren sämmtlich früher gestorben, drei 
als unmündige Kinder, einer als heranwachsender 
Jüngling. Gleich nach dem Eintritt in seine 
neue Stellung war Baldinger eifrig bemüht die 
Errichtung oder Erweiterung der für eine Universität 
nothwendigen Institute zu beantragen, und zwar 
mit günstigem Erfolg. So wurde ein Anatomie- 
gebäude errichtet, indein das am Collegium 
Carolinum vorhandene Holzgebäude auf der Achse 
nach Marburg übergeführt wurde; es wurde ein 
botanischer Garten angelegt, die Entbindungs 
anstalt erweitert und noch Anderes der Art ins 
Werk gesetzt. Kurz, mit Baldingers Eintritt in 
die medizinische Fakultät nahm diese einen neuen 
Aufschwung. Als Anerkennung seiner Verdienste 
ertheilte ihm Landgraf Wilhelm IX. 1787 die 
Würde eines Geheimen Raths. — Auch als Lehrer 
leistete er Bedeutendes. Er wußte nämlich — 
und das war damals noch keineswegs auf den 
Universitäten allgemein gebräuchlich — aus dem 
reichen Schatz seiner Erfahrungen seinen Schülern 
die Vorschriften der HMunde durch Beispiele 
anschaulich zu machen und die Theilnahme der 
selben durch eingestreute witzige Bemerkungen zu 
beleben. Zugleich pflegte er aus seiner großen 
Büchersammlung diejenigen Schriften, welche für 
den vorliegenden Gegenstand der Vorlesung von 
besonderer Bedeutung waren, in das Lehrzimmer 
mitzubringen und zur Ansicht aufzulegeit. 
Neben dieser Lehrthätigkeit war er fortwährend 
auch als Arzt thätig, und auf diesem Gebiet leistete 
er vielleicht noch mehr denn als Lehrer. Er 
besaß nämlich eine an das Wunderbare grenzende 
Begabung den Sitz von Krankheiten zu erkennen. 
In der Regel vermochte er auf den ersten Blick 
zu ergründen, was dem Kranken fehle. Ferner 
verstand er es durch ntöglichst einfache Mittel 
ein Uebel zu heben. So kam einst ein in Diensten 
des Fürsten von Wittgenstein stehender Forst 
meister zu ihm und klagte über ein Magenleiden, 
das bisher kein Arzt habe heilen können. Viel 
mehr werde es, je mehr Arzneien er nehme, mit 
jedem Tage schlimmer. Trotzdem er am Hof 
feines Fürsten, der ihn fast täglich zur Tafel 
ziehe, ein bequemes und genußreiches Leben führe, 
fühle er sich doch gar nicht so wohl, wie einst 
als einfacher Förster. Halt! rief Baldinger in 
die Erzählung hinein, ich weiß schon genug, lieber 
Mann. Gehen Sie künftig statt an die Tafel 
Ihres Fürsten in seine Wälder und bestellen Sie 
sich für die Heimkehr bei Ihrer lieben Frau ein 
Gericht Sauerkraut mit Kartoffelbrei und Schweine 
fleisch! Dann verbürge ich Ihnen die frühere
        

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