Full text: Hessenland (3.1889)

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nähme zu suchen. Da machte er in Köln die 
Bekanntschaft Landgraf Hermanns, welche be 
stimmend war für sein ferneres Leben. 
Uns interessirt dieses seltsame Menschenkind, 
dessen Lebensgeschichte, von ihm selbst reimweise 
verfaßt, einen schäAbaren Beitrag zur Sitten 
geschichte seiner Zeit bildet, allerdings nur in 
sofern , als Johann 2 Jahre in tollem Lebens 
wandel am Hofe Ludwigs in Kassel zubrachte; 
er sagt über den Aufenthalt mit anerkennens- 
werther Offenheit später selbst Folgendes: 
Eyn Lantgraff wasz Herman genannt, 
Bischofs zu Collen itz bekant; 
Derselbig nu ein broder hatt 
Zn Cassel sitzen in der statt. 
Tzu dem mich schickte alsobald 
Und glich by hm wort ich bestalt. 
Syn neun merck lantgraff Ludwig was, 
Den hübschen frewlin nyt gehaß, 
Eyn schöner surft was von Person, 
By dem hatt ich eyn gutten Ion; 
Doch was es alles gar verthon 
Myt fressen, suffen, dantzen, springhen 
On suß myt andern bösen dinghen, 
Durch bocß geselschafft gantz zerstört 
Ich armer sonder wart verfort. 
By tzwey jar tryb ich svllichs an. 
Dan starb myr ab der edel man. 
u. s. w. 
Und ferner: 
Hett Lantgraff Lodwyg blyben leben, 
Zn Cassel wer ich blyben kleben. 
So zog Johann von Soest später nach Heidel 
berg, wo er sich dann der Wissenschaft und 
Dichtkunst widmete; er starb, beiläufig bemerkt, 
als Arzt in Frankfurt a. M?) Beide Brüder, 
Hermann und Ludwig, trafen, wie ich im An 
schluß an das eben Erwähnte hervorheben will, 
in gemeinschaftlicher Liebe zur Musik zusammen. 
Hermann werden wir später noch ans anderem 
Felde als Kunstfreund kennen lernen. 
* * 
* 
Noch enger zeigt sich das Zusammengehen der 
beiden Brüder zwei Jahre später. 
Es war im Jahre 1471, am 23. Juli, da 
starb Bischof Ernst von Hildesheim, ein geborener 
Graf von Schaumburg. Die Gelegenheit schien 
günstig, Hermann auf den bischöflichen Stuhl zu 
erheben, und der Domprobst von Hildesheim, 
') Friede. Pfaff, Johann von Soest. Allg. Konserv. 
Monatsschrift, 1887, S. 147 ff. u. 247 ff. Seine gereimte 
Lebensbeschreibung in Fichart's Frankfurtischem Archiv 
1811. Obige Stelle S. 112 f. 
ein Herr von Wenden, war ganz für das 
hessische Interesse gewonnen. Am 29. September 
fand die Wahl des Domkapitels statt; allein 
Hermann erhielt nur einen Theil der Stimmen, 
die übrigen fielen auf Henning v o n H u s e n, 
damaligen Domdechanten, aus einem Geschlechte 
des Hildesheimischen Stistsadels stammend. 
Henning eilte zwar sofort nach Rom und erlangte 
die Bestätigung des Papstes Sixtus IV. Auch 
die Stadt Hildesheim trat auf seine Seite; nicht 
minder sagten ihm die Bischöfe von Verden und 
von Paderborn (Hessens alte Gegner) und die 
Grafen von Schauenburg und Lippe ihren Bei 
stand zu.*) 
Dagegen setzte sich der Domprobst von Wenden 
in den Besitz des Städtchens Peine und des 
Schlosses Steuerwald, des festesten im ganzen 
Bisthum; die Ritter, Vasallen und Drosten des 
Stiftes und die Pfandinhaber der Schlösser 
traten sämmtlich auf seine Seite. Da zudem 
die Herzöge von Braunschweig für Hermann 
eintraten, so standen die Sachen für ihn keines 
wegs ungünstig, wenn sein streitbarer Bruder 
Ludwig, der Hauptförderer des Planes, für ihn 
zu Felde zog und seine Kriegserfahrung für ihn 
in die Wagschale warf. Da aber starb Land 
graf Ludwig in der Blüthe der Jahre, am 6. 
November 1471 auf dem Schlosse Reichenbach. 
Ich vermag daher Rommel nicht beizu 
stimmen, der es lediglich Hermanns Friedensliebe 
bei dieser Gelegenheit zuschreibt, daß das Stift 
Hildesheim vor Krieg und Blutvergießen, den 
unvermeidlichen Folgen der Doppelwahl, verschont 
blieb. * 2 ) Hermann trat zurück. Aber erst um 
Jakobi 1472, nachdem der Kampf nahezu ein 
Jahr gewährt hatte; und der anonyme Verfasser 
der hessischen Chronik bei Senckenberg dürfte 
nicht Unrecht haben, wenn er sagt: „Ehe Lant 
graff Ludwig starb, hat er vorsichtiglich gehandlet 
und es mit Fugen dahin gebracht, daz sein 
Bruder Lantgraff Herman ward postnlirt gein 
Hildesheim ein Bischof zu sein, und hatte gereid 
in (d. h. bereits inne) Steuerwald, das Haupt 
schloß im Stift, und hatte kein Hindernus 
mehr. Aber da sein Bruder itztgenant 
gestorben war, da wolt er nimmer ein Sachse 
sein, und zohc wider in Hessen und blieb eine 
Zeit lang darinnen, und suchte hernach seine 
Wohnung zu Coellen, da er ein Thumbherre 
was." “) (Fortsetzung folgt.) 
') Schate«, Annal. Paderb. 1t, l. XVII. p. 709. — 
Lüntzel, Geschichte der Stadt und Diöcese Hildesheim. 
II. 464 ff. 
2) Hess. Gesch. II. 50. 
s) Senckenberg, Sel. juris rc. IV. 478.
        

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